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Hinter der Freitreppe wartet der Hirsch
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17:05 25.06.2018
Von Heinrich Thies
Hauptgebäude: Durch weiße Torbogen betritt der Gast die Schlossanlagen. Quelle: www.bernstorff.de
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So manches Schlagloch hemmt den Weg. Dennoch wird jedem Besucher von Schloss Gartow vor Augen geführt, dass er herrschaftliches Gelände betritt. Drei weiße Torbögen mit romantischen Laternen wölben sich über dem Kopfsteinpflasterpfad, der am früheren Brauhaus und einem Rosenrondell vorbeiführt und vor dem altrosafarbenen Hauptgebäude mit den beiden Seitenflügeln endet. „Dieses Haus ließ erbauen Andreas Graf von Bernstorff, anno 1710“ ist über dem Eingang in lateinischen Lettern zu lesen. Auf einem säulengetragenen Balkon prangt das Wappen des Hauses mit den drei stilisierten Seerosenblättern.
Wie hoch der Rang des Erbauers anzusiedeln war, lässt sich an den vier Schornsteinen ablesen, die aus dem Schlossdach ragen. Einer der Schornsteine wird heute von einer Storchenfamilie bewohnt.
Die bemooste Freitreppe führt in eine Empfangshalle, die von einem anderen Tier beherrscht wird: Ein riesiger Hirsch begrüßt hier den Besucher. Das Schnitzwerk aus Holz ist das Geschenk des letzten hannoverschen Königs Georg V., dessen Vorfahren einst in Bernstorffs Wäldern jagten. Ein Gästebett von Kingsize-Format in der ersten Etage erinnert daran, dass Hannovers Könige bisweilen auch auf Schloss Gartow übernachteten.
Heute steht jungen Musikern diese Möglichkeit offen. Die Gästezimmer sind nicht sonderlich luxuriös, aber von rustikaler Schlossromantik geprägt. Stattlicher ist der große Saal, in dem die Musiker zum Dank für ihren Schlossaufenthalt zum Kammerkonzert aufspielen. Doch Prunk sucht man vergebens: Kronleuchter, Klavier, zwei Kachelöfen - viel mehr hat der Saal nicht zu bieten. An der Wand hängt ein Jugendbildnis Georg Ludwigs, des ersten englischen Königs aus dem Hause Hannover. Aus den hinteren Fenstern blickt man auf den großen Schlosspark, hinter dem die Seege entlangfließt, ein Nebenfluss der drei Kilometer entfernten Elbe. Dahinter erstreckt sich der Gartower See - ein aufgestautes 67-Hektar-Gewässer mit angeschlossenem Feriendorf. Sieht man auf der anderen Seite aus dem Fenster, fällt der Turm einer stattlichen Backsteinkirche ins Blickfeld: die Patronatskirche St. Georg, die fast so alt ist wie das Schloss.
Der Besucher kann sich auch ein Bild davon machen, welche Menschen einst hinter diesen Mauern lebten. Die Ahnengalerie in Öl zieht sich über zwei Etagen die weiße Holztreppe hinauf und verteilt sich über das komplette Schloss. Auch die gegenwärtige Grafenfamilie hat sich bereits verewigen lassen.
Einen Seitenflügel nehmen Archiv und Bibliothek ein. Die Mauern sind hier doppelt dick; schließlich lagern so manche Schätze dahinter. Im Archiv etwa sind sämtliche Rechnungsregister aus dem Gutsbezirk Gartow seit 1694 gesammelt - ein Dorado für Heimatforscher. In der Bibliothek stehen gut 10 000 Bücher, von denen einige kurze Zeit nach Erfindung der Buchdruckerkunst entstanden sind. In manchen hat der Schlosserbauer in der Barockzeit persönlich seine Anmerkungen hinterlassen. Unter den Buchbeständen befindet sich die komplette Erstausgabe der Werke Friedrich Gottlieb Klopstocks. Der Dichter (1724-1803) war ein häufiger Gast seines Mäzens und soll hier manches Gedicht geschrieben haben.
Nebenan hat die heutige Familie Bernstorff einen modern möblierten Raum eingerichtet, in dem Gegenwartsautoren aus ihren Werken lesen können. Auch Peter Rühmkorf war schon da. Mittlerweile ist der Lyriker ebenso verstorben wie lange vor ihm Klopstock - und zu einem Stück Schlossgeschichte geworden.

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