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Reisereporter Afrikanische Lieder im Kloster Ottobeuren
Reisereporter Afrikanische Lieder im Kloster Ottobeuren
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00:48 01.09.2012
Im Kloster Ottobeuren sorgt Beppo mit seinem Urlauberchor für Stimmung. Quelle: SKR
Ottobeuren

Beppo heißt eigentlich Berthold. Ein mundfauler Freund hat ihm den Spitznamen verpasst. Deshalb ist Beppo auch kein kleiner Dicker mit angespeckten Lederhosen, wie der Name nahelegt, sondern ein langer Dünner mit zerbeulten Jeans. Und Beppo kommt auch nicht von einer Almhütte, sondern aus Stuhr bei Bremen.

Dieser Umstand ist insofern bedeutsam, als Klaus, der das Buchen des einwöchigen Kurses „Singen mit Beppo“ in der Benediktinerabtei Ottobeuren seiner Ehefrau Vera überlassen hatte, zunächst irritiert war. Denn der pensionierte Lehrer von der badischen Weinstraße und dort ein tragender Bass im Kirchenchor wollte sich an altdeutschen Volksliedern ergötzen. Das hatte er bei einem Kursusleiter namens Beppo zumindest erwartet.

Stattdessen war wiederholtes „Fungia Laffia / oshe, oshe ye / Fungia Laffia / oshe oshe“ in afrikanischen Rhythmen angesagt. Und „si fiwe mungu / si fiwe nai / ma wangu / si si we“ plus weiterer vokalstarker Silben. Ansonsten Fehlanzeige: „Kein schöner Land in dieser Zeit“ in Sicht.

Beppo und seine Frau Gisela darf man guten Gewissens als Botschafter afrikanischer Gospels verstehen. Die beiden haben in den neunziger Jahren während mehrerer Aufenthalte vorrangig im Kongo diese einfachen Kirchen-, aber auch Kinder- und Spaßlieder gesammelt. Seither geben der einstige Eisenbahner Beppo und die frühere Schul- und Gymnastiklehrerin Gisela die Freude am überschwänglichen, gemeinsamen Singen, von der sie sich in Afrika überwältigen ließen, in christlichen Gemeinden weiter. „Auf dass alle Stimmen wie ein Wasserfall zusammen fließen“, so ist es Beppo am liebsten. Ein- oder zweimal im Jahr reisen die beiden „Silver Ager“ mit Gitarre und Trommeln auch im Kloster Ottobeuren an. Für alle, die nur das eine wollen: singen.

Den malerischen Marktflecken, den die Architektur der Abtei so machtvoll dominiert, gibt’s gratis dazu. Ottobeuren wirbt mit einem Allgäu „für die Sinne“ und zuvörderst mit seinem berühmten Sohn, dem „Wasserdoktor“ Sebastian Kneipp. Gleich drei Kneipp-Anlagen wollen in der sanften Hügellandschaft zwischen Terrainweg, Walderlebnispfad und Nordic-Walking-Parcours zum Hosenhochkrempeln und spontanen Wassertreten verführen. Zeit dazu bleibt Beppos Singgemeinschaft in der ausgiebigen Mittagspause.

Am Morgen und ab dem späten Nachmittag aber wird gesungen: oshe, oshe ye... Keiner muss das Notenlesen beherrschen, niemand Liedtexte auswendig können. Die paar Silben, aus denen jedes Lied besteht, hat Gisela in Druckbuchstaben, so groß wie eine Zigarettenschachtel, auf Pappen notiert, die sie uns unermüdlich entgegenhält. Am Morgen lockern wir mit ihr, kerzengerade konzentriert und humorvoll, Kehlkopf und Körper; Qigong-Übungen helfen dabei. So können sich etwaige Hemmungen von uns Amateursängern verflüchtigen. Niemand fragt nach Sopran, Alt oder Tenor, spontan schlängeln wir uns in der Tonlage ein, die jedem von uns am angenehmsten ist.

Uns, das sind 18 Teilnehmerinnen und ein Teilnehmer, der erwähnte Klaus. Alle 45 plus. Die Älteste ist 81, Margarete, herrlichstes Kölsch redend und auch gern trinkend, wie sie am Abend einräumt. Margarete gehört schon seit zehn Jahren zu Beppos Fangemeinde, so lange singt sie regelmäßig mit. Ein echter Oldie eben.

Zu den Neuen gehört Uta, Finanzbuchhalterin aus dem sächsischen Chemnitz. Und Gudrun, eine Lehrerin. Zu den Neulingen gehört Gudrun aber nur, was Beppo betrifft. Die barocke Weitläufigkeit der Abtei Ottobeuren hat sie schon mehrfach genossen. Beim Mittagessen erzählt sie vom Kursus „Musikmeditation“, der ebenfalls in der mehr als 1200 Jahre alten Klosteranlage angeboten wird. Da erfahre sie „wahre Glückseligkeit“, fasst sie die dabei gemachte Erfahrung zusammen, und ihre braunen Augen strahlen dabei wie Sterne, die wir wenig später in einem Gospel bejubeln.

Das erhabende Flair im mönchischen Ambiente spüren auch wir in allen Winkeln. Das überbordende Dekor mit aufbrechenden Voluten und Rocaillen und manch anderem Schnickschnack scheint die Decken schier zum Einstürzen bringen zu wollen, desgleichen die pausbäckigen Engel, die sich zuhauf in den Gemälden über unseren Köpfen tummeln: Die gesamte Deckenmalerei des zwischen 1711 und 1723 entstandenen Konvents samt Kaiser- und Theatersaal ist exzellent restauriert. Desgleichen die Basilika, die ab 1737 entstand. Bauzeit: fast 30 Jahre.

Heute lockt die gewaltige Würde dieser bayerischen Barockkunst die Reisebusse in die Region. Das freut nicht nur Ottobeurens Tourismusamt, sondern ebenso Pater Magnus, einer der 20 in der Abtei lebenden Mönche. Der Pater, in schwarzem Habit über fülliger Figur, deutet während seiner Führung in die lichte Kuppelhöhe: Oben baumelt tatsächlich der stukkatierte, also der aus Gips geformte Fuß eines gemalten Heiligen aus der Kuppelmalerei - 3-D in Bestform.

Die Akustik in diesen heiligen Hallen ist fantastisch. Überall umgibt sie uns. In den weitläufigen Fluren, den Kreuzgängen, und erst recht in der Basilika. Als wir zu einer Abendmesse die Gläubigen mit unseren afrikanischen Gospels überraschen, ist die Welt kurzzeitig im Lot. Auch bei Klaus war sie das am Ende wieder. So glücklich habe er seine Vera schon lange nicht mehr erlebt.

Hin und Weg

Anreise: Mit dem Auto ins Wallenstein-Städtchen Memmingen, weitere elf Kilometer südöstlich liegt Ottobeuren. Oder mit der Bahn: RIT (Rail-Inclusive-Ticket) heißt ein kostengünstiges Angebot, das nur über den Reiseveranstalter zu buchen ist und mit dem der Kunde unter anderem den Zug frei wählen kann.

Klosterurlaub: „Singen mit Beppo“ ist beim Veranstalter SKR buchbar (Sechs Nächte, Vollpension für 755 Euro). Diese Reise ist eine von etwa 20 angebotenen Möglichkeiten, in der Klosteranlage von Ottobeuren zu wohnen.

Markt Ottobeuren: Ein properer Kneippkur- und Ferienort. Hier ist der Pfarrer und Hydrotherapeut Sebastian Kneipp aufgewachsen, im nahegelegenen, längst eingemeindeten Dorf Stephansried 1821 geboren. www.ottobeuren.de

Weitere Informationen: SKR Reisen GmbH, Venloer Straße 47–53, 50672 Köln, Tel. (0221) 933720. www.skr.de

Alexandra Glanz

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