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Die Daten gehören allen!

Gastbeitrag von Viktor Mayer-Schönberger und Thomas Ramge Die Daten gehören allen!

Großkonzerne wie Facebook und Google sammeln Daten und machen sie zu Geld. Doch was wäre, wenn ein Gesetz sie zwänge, diese Daten mit der Konkurrenz zu teilen? Die sogenannte Sharing-Pflicht ist umstritten – für die Nutzer wäre sie vielleicht ein Gewinn.

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Der Datenkapitalismus braucht neue Formen der Regulierung, die fairen Wettbewerb bei Daten und Datenanalytik sicherstellen.

Quelle: iStockphoto

Berlin. Seit Karl Marx wird argumentiert: Der Kapitalismus neigt zu Marktkonzentration. Im Industriezeitalter halfen Skaleneffekte großen Unternehmen immer größer zu werden. Henry Ford hat es vorgemacht. Je mehr T-Modelle er produzierte, desto günstiger konnte er den einzelnen Wagen anbieten. Je niedriger der Preis bei steigender Qualität, desto schneller stieg der Marktanteil.

Die erfolgreichen Unternehmen der Massenproduktion übernahmen gerne Konkurrenten, um durch Zusammenführung weitere Größenvorteile zu erzielen und den Wettbewerb zu vermindern. Regierungen verfügten im 20. Jahrhundert mit dem klassischen Kartellrecht allerdings über ein wirksames Werkzeug, Marktkonzentration zu verhindern – sofern sie es denn wollten.

Im Zeitalter von Wissen und Information, vor allem seit dem Digitalisierungsschub in den Neunzigerjahren, kamen sogenannte Netzwerkeffekte immer stärker ins Spiel. Netzwerkeffekte erhöhen den Nutzen digitaler Dienste, je mehr Kunden der Dienst hat. Besonders den Betreibern digitaler Plattformen gelang es mithilfe von Netzwerkeffekten, Marktanteile zu erobern, von denen die Stahlbarone, Automobilhersteller oder Anbieter von Fertigpizza nur träumen konnten.

Kartellrecht erweist sich als zahnlos

In den letzten zwanzig Jahren errichteten die Superstar-Firmen Microsoft, Apple, Amazon, Google und Facebook auf den digitalen Märkten riesige Marktanteile. Nationales und europäisches Kartellrecht erweist sich im Datenkapitalismus als zahnlos. Das ist bereits heute hochgradig problematisch, aber es wird brandgefährlich für den Wettbewerb, wenn sogenannte Künstliche Intelligenz (KI) in immer mehr Bereichen zum Einsatz kommt. Denn dann beschleunigt zusätzlich zu klassischer Skalierung und der Anziehungskraft der Netzwerke ein dritter Effekt die Marktkonzentration. Wir nennen ihn den Feedbackeffekt.

Dieser Rückkopplungseffekt tritt immer ein, wenn Computer-Systeme Feedbackdaten zum Lernen nutzen. Jedes Mal, wenn wir darauf reagieren, wie Google einen Tippfehler in unseren Mails korrigiert, erzeugen wir Feedbackinformationen, die Googles Rechtschreibprüfung weiter verbessern. Die Künstliche Intelligenz von IBM Watson lernt jedes Mal, wenn sie einen Hautkrebs “sieht“, ihre Diagnosefähigkeit zu verbessern. Wenn ein Tesla-Fahrer in einer bestimmten Situation den Autopiloten korrigiert, wird die Künstliche Intelligenz ein bisschen schlauer.

Die beliebtesten Produkte und Dienstleistungen werden am schnellsten besser, weil sie mit den meisten Feedbackdaten gefüttert werden. Die Innovation ist gewissermaßen in die Produkte eingebaut, was im Umkehrschluss heißt: Innovative Newcomer werden gegen Platzhirsche der KI-getriebenen Wirtschaft nur noch in Ausnahmefällen eine Chance haben.

Sharing-Pflicht für fairen Wettbewerb

Der Datenkapitalismus braucht neue Formen der Regulierung, die fairen Wettbewerb bei Daten und Datenanalytik sicherstellen. Hierzu schlagen wir eine gesetzliche Innovation vor: die progressive Daten-Sharing-Pflicht. Diese sorgt für einen umfangreichen, aber differenzierten Zugang zu Feedbackdaten – natürlich unter Beachtung des Datenschutzes. Die Umverteilung von Daten ist nicht nur die geeignete Kartellrechtsmaßnahme für das Datenzeitalter. Sie schützt uns vor Datenmonopolen und den Datenkapitalismus vor sich selbst.

Die Pflicht zum Teilen von Daten setzt ein, sobald ein Unternehmen einen bestimmten Marktanteil erreicht, beispielsweise 10 Prozent. Überschreitet ein Unternehmen diese Schwelle, muss es einen Teil seiner Feedbackdaten mit allen Konkurrenten teilen, die dies wünschen. Dabei darf das Unternehmen die Daten nicht bewusst auswählen, die anderen zugänglich gemacht werden müssen; die Daten müssen in der Regel zufällig gewählt sein, in einigen Fällen können sie auch durch einen neutralen Dritten bestimmt werden. Welchen Prozentsatz seiner Feedbackdaten es verfügbar machen muss, berechnet sich nach dem Marktanteil, den das Unternehmen hält. Je stärker sich ein Unternehmen einer marktbeherrschenden Stellung annähert, desto mehr Daten muss es seinen Konkurrenten zur Mitnutzung zur Verfügung stellen.

Das wird große Unternehmen nicht daran hindern, weiterhin Nutzen aus den von ihnen gesammelten Feedbackdaten zu ziehen. Doch durch die Verpflichtung, einen Teil ihrer Daten anderen zugänglich zu machen, wird der daraus gewonnene Nutzen gestreut. Davon profitieren kleinere Wettbewerber. Darüber hinaus sorgt die Einführung eines progressiven Hebels dafür, dass mit steigendem Konzentrationsgrad kontinuierlich mehr Daten geteilt werden. Diese progressive Daten-Sharing-Pflicht ist ein Feedbackmechanismus als Gegengewicht zum Feedbackeffekt: Je stärker die Konzentration den Wettbewerb gefährdet, umso mehr wirkt die Regelung der Konzentration entgegen.

Die Feedbackdaten gehören nicht den Monopolisten

Google, Apple, Facebook, Amazon und Co. werden sich mit aller Lobbymacht gegen diese staatliche Umverteilung von Daten wehren. Sie werden argumentieren, dass ihnen auf unfaire Weise ihre hart erarbeitete Analytikkompetenz untergraben werden soll. Das ist Unsinn. Ihre analytischen Methoden und Algorithmen sollen sie weiter durch Patente oder Geheimhaltung schützen dürfen. Doch die Feedbackdaten gehören nicht ihnen. Sie gehören uns, den Nutzern, die das Feedback geben. Ihr Nutzen muss in angemessener Weise dem Wettbewerb zugutekommen.

Den Datenriesen ist es gelungen, kollektiv erzeugte Datenschätze exklusiv zu nutzen. Eine progressive Daten-Sharingpflicht korrigiert dies. Im anbrechenden Zeitalter der aus Daten lernenden Maschinen ist dies dringend notwendig. Sonst behält Marx doch noch recht und der Datenkapitalismus schafft sich am Ende selbst ab. Das können nicht einmal die Datenmonopolisten wollen.

Zu den Autoren: Viktor Mayer-Schönberger ist Professor für Internet Governance an der Oxford University. Thomas Ramge ist Technologie-Korrespondent bei “brand eins“ und schreibt für “The Economist“. Im Econ Verlag ist jüngst ihr neues Buch erschienen: “Das Digital. Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus“, 304 Seiten, 25 Euro.

Von Viktor Mayer-Schönberger und Thomas Ramge

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