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Gegen Salafisten hilft nur radikale Offenheit

Gastbeitrag von Ahmad Mansour Gegen Salafisten hilft nur radikale Offenheit

Wird Fanatismus unsere Gesellschaft spalten? Ahmad Mansour, arabischer Israeli in Berlin, fordert: Die Bundesregierung muss sich die Bekämpfung religiöser Radikalisierung zur Aufgabe machen, eine Präventionsstrategie ist dringend notwendig.

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Auf dem Präsentierteller

Der palästinensisch-israelische Psychologe Ahmad Mansour engagiert sich seit Jahren gegen Extremismus und Antisemitismus und ist Sprecher des Muslimischen Forum Deutschland.

Quelle: Michael Kappeler/dpa

In einer provisorischen Zeltstadt in Köln-Chorweiler warten die Flüchtlinge auf ihre Registrierung. Die Tage dort sind lang, oft langweilig. Da versprach das Angebot, das der Verein "Medizin mit Herz" Ende September Kindern von Flüchtlingen unterbreitete, willkommene Abwechslung. Junge Männer aus dem Verein luden 75 Jungen und Mädchen zu einem Ausflug ein. Zu spät stellte sich heraus: Der Verein steht der Bonner Salafistenszene nahe, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Entsetzt beendeten die Leiter der Unterkunft die Zusammenarbeit.

Immer wieder versuchen jetzt Salafisten, die meisten von ihnen deutsche Staatsbürger, aus der Not der traumatisierten Flüchtlinge Profit zu schlagen, haltlose Menschen mit ihrer Doktrin zu locken. Zwar wird oft befürchtet, dass mit den Flüchtlingen Islamisten ins Land kämen – das entspricht jedoch kaum den Tatsachen. Im Gegenteil: Tausende Neuankömmlinge sind vor fürchterlichen Zuständen geflohen, für die Islamisten in Syrien und im Irak verantwortlich sind. Die meisten Flüchtlinge suchen in Deutschland Demokratie und Frieden, Freiheit und Lebenschancen. Umso schlimmer, wenn sie hier auf eine wachsende religiös radikalisierte, einheimische Szene treffen.

Salafisten bedienen Ängste

Salafisten gehen clever vor. Sie wissen, wie sie Jugendliche ansprechen müssen, auf Bolzplätzen, vor Schultoren, in Jugendclubs. Ihre Internetvideos sind hip und temporeich: Der reine Islam tritt darin an gegen den konsumistischen Westen, die sexualisierte Unterhaltungsindustrie, die schamlosen Frauen, die Waffenlieferungen an Israel, das gottlose Leben. Dagegen helfen Gefolgschaft, Gehorsam und Opferbereitschaft für Allah, der Abtrünnigen mit Höllenstrafen droht.

Gut gegen Böse, Weiß gegen Schwarz: Das hat enorme Attraktivität. "Ach so", denkt sich der junge Mensch, "deshalb also habe ich keinen Erfolg und keine Chancen. Aber als Salafist, als extrem frommer Moslem, da bin ich jemand!" Mehr als 800 junge Leute, so schätzen die Behörden, sind von Deutschland aus zum Dschihad in den "Islamischen Staat" gereist. 20 Prozent von ihnen sind Frauen.

Sie sind nur die Spitze des Eisbergs, der sichtbarste Teil eines Phänomens, das man "Generation Allah" nennen kann. Wer zu dieser Gruppe gehört, muss nicht gleich in den Dschihad ziehen. Er vertritt Werte und Ideologien, die demokratie- und freiheitsfeindlich sind. Antisemitismus, Antiamerikanismus, das Beharren auf der Opferrolle der Muslime, eine buchstabengläubige Lesart des Koran, ein problematisches Geschlechterrollenverständnis – damit wachsen viele Jugendliche ohnehin auf.

Bundesweite Präventionsstrategie nötig

Für Salafisten ist es ein Leichtes, diese Einstellungen aufzugreifen und zu verstärken. Sie fischen im Pool der verunsicherten jungen Leute: Wir bieten mehr Stabilität und Regeln als euer veralteter Imam! Sehr viele Kinder – vor allem, aber nicht nur – aus Familien mit Einwanderungsgeschichte drohen in den Sog dieser "religiösen" Fanatiker zu geraten. Schulen und Lehrer, Sozialarbeiter und Erzieher tun sich enorm schwer, die heißen Eisen dieser Debatte anzufassen, Politik und Gesellschaft bagatellisieren das Problem. Das muss sich ändern, damit wir die Jugendlichen erreichen, solange sie erreichbar sind.

Große, konkrete Schritte für eine bundesweite Präventionsstrategie sind nötig. Zentral ist die Einrichtung eines Bundesbeauftragten zur Prävention und Bekämpfung ideologischer Radikalisierung, und gebraucht wird dafür zunächst eine ideologiefrei erstellte Datenbasis zu islamischem Radikalismus.

Schwerpunkt der Präventionsarbeit sind die Schulen. Dort müssen auch aktuelle Nachrichten – etwa zum Nahen Osten, zu Israel, zum Krieg in Syrien – offen debattiert werden. Jugendliche holen sich sonst weiterhin ihre Verschwörungstheorien und radikalen Ideologien aus dem Internet oder von der Straße. Fächer wie Ethik, Politik und Geschichte müssen sich der Gegenwart öffnen. Religionsunterricht sollte konfessionsübergreifend geschehen, um Vorurteile abzubauen. Lehrer müssen bereits in der Ausbildung interkulturelles Basiswissen erhalten und lernen, wie man offene Diskussionen moderiert.

Aufklärungsarbeit, dort wo die Jugend ist

Solange die Salafisten das Internet besser beherrschen als die Demokraten, behalten sie die Oberhand. In der Präventionsarbeit muss also auch das Internet maximal eingesetzt werden. Jugendgerechte Websites sollten über Islamismus und Radikalismus aufklären, wobei muslimische Vorbilder helfen, etwa Comedians, Kabarettisten, Schauspieler, Musiker und Sportler.

Wichtig ist auch die Arbeit mit den Eltern. Sie werden von den Jugendlichen oft als schwach und nicht integriert erlebt; oder als repressiv und autoritär. Jugendämter und Sozialarbeiter brauchen Konzepte zur Elternarbeit. Sie müssen mit den Eltern, vor allem mit den Müttern, über gewaltfreie Erziehung sprechen, über den Sinn von Spracherwerb, Sexualkunde, Schwimmunterricht und Klassenreisen für Mädchen.

Bei der Jugendarbeit sollten sich Demokraten vor Kooperationen mit muslimischen Vereinen hüten, deren Bekenntnis zur Demokratie nur formal und oberflächlich ist. Sie müssen wissen, dass etwas sehr Wichtiges hierzulande aussteht: eine innerislamische Debatte zu tabuisierten Themen wie Patriarchat, Gewalt und Gehorsam als Mittel der Erziehung, zur Ungleichheit zwischen Mann und Frau. Eine solche von Muslimen und Nicht-Muslimen mit Wohlwollen geführte Wertedebatte kann dazu beitragen, Demokratie, Grundgesetz und Menschenrechte für die Generation Allah und deren Eltern attraktiv zu machen.

Ihnen etwas zu geben, worauf sie stolz sind. Denn darauf kommt es an: Die Menschen – auch jene, die jetzt neu ankommen – müssen wissen, sie müssen fühlen: Ich gehöre dazu.

Zur Person

Ahmad Mansour (39), lebt seit 2004 in Berlin, ist Diplom-Psychologe und arbeitet für Projekte gegen Extremismus und zur Förderung demokratischer Kultur. Der arabische Israeli ist Autor des Buches "Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen", kürzlich erschienen im S. Fischer Verlag.

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