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"Stoppt das neue atomare Wettrüsten"

Gastbeitrag von Heinrich Bedford-Strohm "Stoppt das neue atomare Wettrüsten"

70 Jahre nach den Atombombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki sind dunkle Wolken aufgezogen in der internationalen Szenerie. USA und Russland haben das Ziel der atomaren Abrüstung aus den Augen verloren. 
Es ist Zeit für eine ernste Warnung vor einer neuen Nuklearisierung der Weltpolitik.

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Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, warnt: Die Weltmächten modernisieren ihre Atomraketen.

Quelle: Nicolas Armer/dpa

Hannover. Von manchen Opfern blieb nur ein Schatten. Entstanden im Moment des gleißend grellen Lichtblitzes, der die Umrisse des Körpers an die Wand warf. Solche Schattenbilder sind bis heute in Hiroshima und Nagasaki erhalten. Sie halten die letzten Lebenssekunden eines Menschen in Erinnerung.

Schatten als menschliche Überreste stellen uns den Horror eines atomaren Waffeneinsatzes vor Augen, wie er sich in Japan erstmals in der Geschichte der Menschheit ereignete. Vor 70 Jahren, am 6. August, traf es Hiroshima. Wenige Tage später, am 9. August, ging Nagasaki in einem bis dahin nie gesehenen nuklearen Inferno unter. Über 200.000 Menschen starben sofort oder in den Monaten danach.

In den Folgejahren erkrankten unzählige Menschen an Leukämie sowie anderen Krebsarten. Die Langzeitfolgen der massiven Strahlenbelastung lassen sich bis heute beobachten. Hibakusha – so heißen die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki. Und seit 2011 auch die Opfer der Katastrophe von Fukushima. Japan steht wie kein zweites Land für die gewaltigen Risiken, denen wir im Zeitalter von nuklearer Energie und atomarer Bewaffnung als Menschheit ausgesetzt sind.

Politik im Schatten "der Bombe"

Für viele Christinnen und Christen sind Atomwaffen Sinnbild einer Bedrohung von apokalyptischem Ausmaß. Vertreterinnen und Vertreter der weltweiten Christenheit fordern daher seit der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen im Jahr 1948, in Amsterdam und inmitten eines vom Krieg zerstörten Europas, dass Atomwaffen abgeschafft werden müssen.

Seit August 1945, seit Hiroshima und Nagasaki, findet Politik im Schatten "der Bombe" statt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. In den Jahrzehnten des Kalten Krieges war die atomare Bedrohung nicht nur ein Thema der Politiker. Sie hat untergründig das Lebensgefühl vieler ganz normaler Menschen geprägt. Um atomare Bewaffnung, um das Recht einer Politik der Abschreckung wurde erbittert politisch gestritten.

70 Jahre nach den ersten Atombombenabwürfen setzen nun Christen aus acht Ländern ein besonderes Zeichen: Sie begeben sich in Japan auf einen gemeinsamen Pilgerweg, um der Forderung nach einer Welt ohne Atomwaffen dort Nachdruck zu verleihen, wo sie ihre fürchterliche Wirkung gezeigt haben. Wir Pilger kommen aus Staaten, die selbst atomar bewaffnet sind oder auf den Schutz von Atomwaffen vertrauen: aus den USA, Deutschland, Japan, Südkorea, Kanada, den Niederlanden, Norwegen und Pakistan.

Streben nach der Bombe

Für die Evangelische Kirche in Deutschland nehme ich voller Überzeugung an dieser besonderen Pilgerfahrt teil. Denn die Welt war einmal weiter als heute: Im März 1970 trat der Atomwaffensperrvertrag in Kraft. Das Ziel dieses Vertrages war die vollständige atomare Abrüstung.

Bis heute haben 191 Staaten diesen Vertrag unterzeichnet, und doch krankte er von Anbeginn daran, dass er keine verbindlichen Abrüstungsschritte festschrieb. Auf den alle fünf Jahre stattfindenden Überprüfungskonferenzen, zuletzt im Mai 2015, musste man immer wieder feststellen, dass die Atommächte an ihren Nuklearwaffen festhielten und neue Länder nach der Bombe streben.

Heute modernisieren die USA und Russland ihre Arsenale. Eine neue Epoche der Nuklearisierung scheint vor der Tür zu stehen. Dies geschieht vor dem Hintergrund dramatisch anwachsender weltpolitischer Krisen und Kriege, die, wie der Krieg im Osten der Ukraine zeigt, bis nach Europa hineinreichen.

Eine Hochrisikotechnologie

Dass auch andere Wege möglich sind, zeigt der nach dreizehnjährigen zähen Verhandlungen gefundene Kompromiss mit dem Iran. Das Land sagt zu, auf den Bau von Atomwaffen zu verzichten. Allerdings bleibt auch hier der bittere Nachgeschmack, dass die zivile Nutzung der Kernenergie ausdrücklich zugestanden wird.

Die Kirchen sehen dies sehr kritisch und weisen auf die Konsequenz hin, die von Hiroshima bis zum Reaktorunglück von Fukushima reicht: Atomkraftwerke liefern nicht nur das spaltbare Material für Kernwaffen, sie bleiben auch eine nicht verantwortbare Hochrisikotechnologie. Und dazu hinterlassen sie gefährlichen Abfall, mit dem unzählige Generationen nach uns belastet werden.

Nach den nuklearen Katastrophen des 20. und 21. Jahrhunderts halten die Kirchen heute mehr denn je an der Vision einer atomwaffenfreien Welt fest. Ist dies angesichts der neuen weltweiten Konfrontationen unrealistisch? Nein!

Beharrliche Mahner

Wir glauben, dass die Welt einen deutlichen Widerspruch gegen eine neue Spirale der Aufrüstung braucht. Und gerade in Europa sind neue Initiativen für eine regionale Sicherheitsarchitektur nötig. Sicherheit gibt es nur als "gemeinsame Sicherheit" im "gemeinsamen Haus Europa".

Christen sprechen heute in großer ökumenischer Gemeinsamkeit vom Leitbild des "gerechten Friedens". Politisches Ziel bleibt ein bindender Vertrag über ein weltweites Verbot nuklearer Waffen. Schritte dazu sind etwa: Sicherheitskonzepte ohne Atomwaffen, bindende Abrüstungsschritte in einem festgelegten zeitlichen Rahmen, Verbot der Produktion spaltbaren Materials.

Die Kirchen werden auf dem Weg in eine Welt ohne nukleare Bedrohung geduldige und beharrliche Mahner bleiben. Wir werden weiter werben für wechselseitiges Verständnis, für Anerkennung der unterschiedlichen Perspektiven in den internationalen Beziehungen.

Wir sind davon überzeugt: Aus der Kraft des Glaubens, aus der Hoffnung und der Liebe lässt sich Konfrontation überwinden. Die weltweite Christenheit ist gemeinsam mit den anderen Religionsgemeinschaften dazu aufgerufen, eine Kraft des Friedens zu sein. Über alle politischen und kulturellen Grenzen hinweg.

Von Heinrich Bedford-Strohm

Zur Person

Heinrich Bedford-Strohm ist Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Derzeit nimmt er zum Gedenken an die Atombombenabwürfe am 6. und 9. August 1945 mit Kirchenführern aus acht Staaten an einer Pilgerreise nach Hiroshima und Nagasaki teil. Seine Eindrücke schildert Landesbischof Bedford-Strohm auf: facebook.com/landesbischof

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