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Warum 2015 ein wunderbares Jahr war

Gastbeitrag von Alaa Bajbouj Warum 2015 ein wunderbares Jahr war

Wie war 2015? Vielen Deutschen fällt die Antwort wohl schwer. Wir haben eine junge Syrerin gebeten, für uns ihre ganz eigene Bilanz zu ziehen: Alaa Bajbouj ist vor dem Krieg nach Deutschland geflohen. Hier hat sie ihr Kind zur Welt gebracht – und neue Hoffnung gefunden.

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Für Alaa Bajbouj war 2015 ein gutes Jahr: Sie hat die Flucht aus Syrien überlebt und in Deutschland ihre Tochter zur Welt gebracht.

Quelle: Reinhardt

Wir Syrer lieben sprechende Namen. Ich heiße Alaa, "Licht des Paradieses" oder "Alles Gute, das Gott den Menschen gab". Bei meinem Mann ist es weniger kompliziert, Aysar heißt "Der Bodenständige". Vor vier Monaten wurde unsere kleine Talia in Hannover geboren, das bedeutet "Frau, die den Koran gelesen hat". Ich war noch nie so glücklich wie in diesem Moment, als sie in meinen Armen lag. So süß und sicher. Ich möchte noch mindestens zwei weitere Kinder bekommen. Wir Syrer haben gerne viele Kinder.

Ich war schon einmal schwanger, mit Zwillingen. Das war in Libyen, wohin wir im Herbst 2013 flüchteten, als es in Syrien nicht mehr sicher war. Doch schon nach kurzer Zeit holte der Krieg uns dort ein. Im siebten Monat hatte ich eine Fehlgeburt. Ein Baby lebte noch für einen Tag. Wären wir da schon in Deutschland gewesen, hätte man es vielleicht retten können. Aber wenn Krieg herrscht, ist es unmöglich, an Medizin zu gelangen.

Unser Boot wäre fast gekentert

Dann wurde unsere Wohnung ausgeraubt, wir hatten buchstäblich nur noch die Kleidung an unserem Leib. Ich habe mir Geld von Freunden geliehen, um die Schleuser zu bezahlen. So flüchteten wir weiter, übers Meer nach Italien, dann nach Deutschland. Ich war einer von diesen Flüchtlingen in diesen winzigen Schlauchbooten. 200 Leute in einem kleinen Boot, es wäre fast gekentert.

Und dann kamen wir im September 2014 endlich hier an. Das Beste an Deutschland ist die Sicherheit, die in meinem Land verloren ist. Hier respektiert man die Menschenrechte, und das Bildungssystem ist vorbildlich. Ich mag aber auch die kleinen Dinge, Apfelkuchen zum Beispiel und andere süße Leckereien aus Deutschland.

Die schönste Erfahrung hier war, dass ich viele gute Menschen kennengelernt habe. Ehrenamtliche halfen uns dabei, nach einer Wohnung zu suchen, oder brachten uns ein bisschen Deutsch bei. Mein Lieblingssatz in dieser Sprache ist: "Ich liebe dich." Alle zwei Wochen treffen wir uns abends mit den Deutschen und tauschen uns aus und verbringen einfach eine gute Zeit zusammen. Es ist toll, so freundliche Menschen zu kennen.

Das Schlimmste war das Warten

Das Schlimmste war das Warten. Im Juni haben wir nach Monaten des Stillstands endlich unsere Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Erst dann kann man einen Integrationskurs besuchen. Immer wieder mussten wir dieselben Dokumente vorlegen und dieselben Fragen beantworten. Die meisten Syrer, die ich kenne, kommen wie wir hierhin, um zu studieren und zu arbeiten.

Deshalb wäre es auch für Deutschland besser, die bürokratischen Prozesse zu beschleunigen. Dann könnten wir der Gesellschaft schneller etwas zurückgeben. Stattdessen wurden wir über Monate zum Nichtstun gezwungen. Ich möchte nicht nur dasitzen und essen und schlafen. Dafür bin ich nicht hierher gekommen.

Ich bin davongelaufen aus meinem traurigen, zerstörten Land, um hier ein stabiles Leben und eine Zukunft für meine Familie aufzubauen. Meinem Mann Aysar geht es genauso, er ist Ingenieur. Und auch meinen beiden jüngeren Brüdern (19 und 22), die nach uns kamen und zwischen Hannover und Hamburg in einem kleinen Dorf wohnen und noch auf ihre Aufenthaltsgenehmigung warten. Und ich kann nichts für sie tun, als sie zur Geduld zu ermahnen.

Alaa vor der Universität in Damaskus und mit ihrem Ehemann Aysar auf einer privaten Aufnahme in Hannover.

Alaa vor der Universität in Damaskus und mit ihrem Ehemann Aysar auf einer privaten Aufnahme in Hannover.

Quelle: privat

Ich habe große Ambitionen in diesem großen, wunderbaren Land. Ich träume von einem exzellenten Job und einem guten Platz in der Gesellschaft. So schnell es geht, möchte ich deshalb mein Studium der Anglistik wieder aufnehmen, das ich in Damaskus begonnen habe.

Mein britischer Lieblingsautor ist Shakespeare. Er ist nie zur Universität gegangen und hat dennoch Weltliteratur geschrieben. Vielleicht spricht er mich deshalb so an. Ich mag seine Komödien und seine Tragödien gleichermaßen. Beide sind schließlich Teil des Lebens. Okay, vielleicht mag ich die romantischen Komödien noch ein bisschen mehr.

Vor Kurzem haben wir eine wundervolle Nachricht bekommen: Im Frühjahr werden wir eine eigene Wohnung bekommen! Im Flüchtlingsheim – einem ehemaligen Hotel im Zentrum von Hannover – leben wir in einem kleinen, engen Raum. Das war hart, vor allem während meiner Schwangerschaft. Deshalb bin ich sehr glücklich über diese Chance auf einen Neuanfang.

Terroristen sind keine wahren Muslime

Nach den Anschlägen von Paris teile ich die allgemeine Bestürzung. Ich kann mich aber des Gedankens nicht erwehren, dass solche schrecklichen Dinge in Syrien an der Tagesordnung sind. Ich hoffe, dass die Europäer jetzt kein falsches Bild vom Islam bekommen. Denn diese Terroristen sind keine wahren Muslime, sondern missbrauchen die Religion, um die Menschen aller Glaubensrichtungen zu verängstigen. Der Islam aber ist die Religion des Friedens.

Wir haben viele christliche Freunde. Selbst die Weihnachtsdekorationen kannte ich schon aus Syrien. Unser Nachbar hatte seinen ganzen Balkon damit geschmückt. Ich liebe dieses Glitzern und Funkeln überall. Ich würde mir wünschen, dass alle Europäer in Kontakt mit Muslimen treten würden, um zu sehen, wie sie wirklich sind. Das gilt insbesondere für die Pegida-Anhänger. Es macht mich traurig, ihren Hass zu sehen. Ich möchte sie zu uns ins Flüchtlingsheim einladen, damit sie sehen, dass ihr schlechtes Bild von uns nicht der Realität entspricht.

Ich habe den Eindruck, dass die Deutschen in der Flüchtlingsfrage gespalten sind: Die eine Hälfte will uns nicht hier haben, die andere heißt uns willkommen. Ich persönlich habe in diesem Jahr allerdings nur positive Erfahrungen mit Deutschen gemacht. Eine deutsche Frau namens Anne stand mir während der Schwangerschaft bei, eine andere Frau hat mir Kleidungsstücke für das Baby besorgt. Ich hatte schließlich kein Geld, um selbst welche zu kaufen.

Die meisten Blicke sind neugierig

Manchmal, wenn ich mit dem Kinderwagen über die Einkaufsmeile laufe, spüre ich die Blicke der Passanten. "Das ist eine von denen", scheinen sie zu sagen. Aber die Blicke sind meistens nicht feindselig, sondern neugierig, und das ist ja auch verständlich.

Vor Kurzem kam dann die Nachricht, dass sich Deutschland am Militäreinsatz in Syrien beteiligt. Ich befürworte das. Die Terrormiliz IS muss vertrieben werden. Ich vertraue darauf, dass deutsche Soldaten keine Unschuldigen töten. Ich hoffe das zumindest.

Was ich am meisten vermisse, sind meine Eltern. Sie arbeiten als Ingenieur und als Grundschullehrerin und haben mir und meinen Geschwistern beigebracht, wie wichtig eine gute Ausbildung ist. Die Erinnerungen an meine Kindheit, als noch kein Krieg war, machen mich wehmütig. Auch meine Freunde aus Syrien fehlen mir. Obwohl wir hier so freundlich empfangen wurden: Wenn eines Tages in Syrien Frieden einkehrt und es sicher ist zurückzukehren – ich würde keinen Moment zögern.

Von Alaa Bajbouj, aufgezeichnet und aus dem Englischen übersetzt von Nina May

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