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Gastkommentar Gebt den Kindern eine Stimme
Sonntag Gastkommentar
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20:05 12.05.2017
Nur wenn Kinder und Jugendliche früh die Bedeutung der Demokratie für unsere Gesellschaft begreifen, können sie später die Verantwortung für sie übernehmen. Quelle: Moment RF
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Hannover

“Demokratie kann man keiner Gesellschaft aufzwingen, sie ist auch kein Geschenk, das man ein für alle Mal in Besitz nehmen kann. Sie muss täglich erkämpft und verteidigt werden“, hat Heinz Galinski, erster Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, einmal gesagt. Wie recht er doch hat. Denn nachdem wir es uns als Gesellschaft in den letzten Jahren in dieser Hinsicht doch ein wenig bequem gemacht hatten, ist das Erkämpfen und Verteidigen unserer Demokratie heute wichtiger denn je. Gerade angesichts des Erstarkens nationalistischer und rechtspopulistischer Bewegungen in Deutschland, aber auch in Europa und weltweit.

Deshalb ist es ein besorgniserregender Befund, wenn nach den Zahlen des Kinderreports 2017 ein Drittel der Erwachsenen es den Kindern und Jugendlichen in Deutschland nicht zutraut, zukünftig Verantwortung für den Erhalt unserer Demokratie zu übernehmen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass es Aufgabe der jetzigen Erwachsenengeneration ist, die nachfolgende Generation auf diese wichtige Aufgabe vorzubereiten.

So sind es Erwachsene, die Kindern und Jugendlichen das Wissen über und vor allem die Bedeutung um unsere Demokratie näherbringen müssen. Damit dies gelingen kann, braucht es aber neben der Vermittlung von Demokratiekompetenzen auch mehr Vertrauen in Kinder und Jugendliche, diese Aufgabe stemmen zu können.

Verantwortung kann niemand den Eltern abnehmen

Das Deutsche Kinderhilfswerk sieht hier eine der Hauptherausforderungen aktueller Gesellschaftspolitik: Kinder und Jugendliche gesellschaftlich so zu integrieren, dass sie Motivation und Kompetenz für die Sicherung unserer demokratischen Grundordnung entwickeln. Bei der Vermittlung demokratischer Überzeugungen und Fähigkeiten sind die Familie und das Elternhaus zentral, ebenso die Bildungseinrichtungen Schule und Kita. Dabei ist es Aufgabe der Eltern, ihr Erziehungsprivileg stärker im Sinne der Demokratieerziehung wahrzunehmen. Diese Verantwortung kann ihnen niemand abnehmen. Orientierende, generationsübergreifende Gespräche können hier eine Schlüsselbedeutung für den Demokratietransfer auf die nächste Generation annehmen.

Partizipation und Mitbestimmung in der Familie spielen als Pfeiler eines demokratischen Grundverständnisses eine hervorgehobene Rolle in der Demokratieerziehung. Partizipation kann und muss in der Familie erfahrbar und erlebbar gemacht werden, indem Kinder von ihren Eltern in Entscheidungen einbezogen werden, Aushandlungsprozesse kennenlernen und die Erfahrung machen, dass ihre Meinung berücksichtigt wird. Zusätzlich ist es eine Aufgabe von Staat und Zivilgesellschaft, Eltern beispielsweise durch Angebote der politischen Bildung bei der Demokratieerziehung in der Familie zu unterstützen.

Demokratieerziehung schon in der Kita

Familien dürfen aber nicht mit ihrer Verantwortung für die Demokratieerziehung alleingelassen werden. Sie sollten bei dieser Aufgabe bestmöglich durch Bildungseinrichtungen unterstützt werden. Zentral ist hier die Schule: Neben der Wissensvermittlung sollten Kinder und Jugendliche durch Mitbestimmungsmöglichkeiten an demokratische Prozesse herangeführt werden und dadurch demokratische Praktiken erlernen können.

Dabei geht es nicht nur um partielle Mitbestimmung, sondern vielmehr um eine demokratische Schulkultur als Ganzes. Dazu gehört auch eine Stärkung des Gesellschaftskundeunterrichts, der die Vermittlung gesellschaftlicher und demokratischer Grundwerte sowie eine umfassende Persönlichkeitsbildung zum Ziel haben sollte.

Demokratieerziehung sollte aber nicht erst in der Schule, sondern sinnvollerweise bereits bei der frühkindlichen Bildung in der Kita ansetzen. Hier wird neben der Familie die Grundlage für die Ausprägung eines demokratischen Grundverständnisses gelegt. Um dies zu realisieren, braucht es neben ausreichenden zeitlichen Ressourcen der Fachkräfte auch eine Freistellung von Leitungskapazitäten zur Koordination von ganzheitlichen Demokratiebildungsansätzen.

Partizipation ist der Schlüssel

Neben der Demokratiebildung gilt es auch, Kinder- und Jugendinteressen in der Politik stärker zu berücksichtigen. Besonders wichtig: Um die Wünsche, Ideen, Bedürfnisse und Anliegen der Kinder und Jugendlichen zu kennen und zu gewährleisten, müssen sie gefragt und beteiligt werden. Bisher ist dies jedoch nur sehr unzureichend der Fall. Soziale Medien bieten dafür einen guten Ansatzpunkt: Sie sind mittlerweile integraler Bestandteil des Alltagslebens von Kindern und Jugendlichen, und können ein wichtiger Ort für die politische Partizipation werden und demokratische Beteiligung erleichtern.

Und last but not least: Ein stärkeres Gewicht von Kinder- und Jugendinteressen in der Politik ist eine Aufforderung an Regierungen und Parteien, diese im politischen Handeln ernst zu nehmen und ihnen eine angemessene Bedeutung zu verleihen. Andernfalls verkommt Kinder- und Jugendpolitik zu einem unverbindlichen Schönwetterthema. Einem Abwenden junger Menschen von der repräsentativen Demokratie kann so langfristig nicht hinreichend entgegengetreten werden.

Zur Person: Thomas Krüger ist Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks und Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung.

Von Thomas Krüger

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