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Gastkommentar Hauptsache einzigartig
Sonntag Gastkommentar Hauptsache einzigartig
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20:02 05.01.2018
Die Suche nach den singulären, erinnerungswürdigen Momenten und Orten beschäftigt eine ganze Wirtschaftsbranche. Quelle: E+
Frankfurt an der Oder

Urlaub zu machen und zu verreisen ist nicht das Gleiche. Urlaub machen bedeutet: 14 Tage Pauschalerholung. Zu verreisen heißt: in fremden Regionen neue Eindrücke zu sammeln und sich selbst herauszufordern. In der Gegenwartskultur macht man weniger Urlaub, man verreist.

Das Verreisen ist nicht nur für viele zu einer beliebten Beschäftigung geworden, der man entgegenfiebert, sondern es stiftet für manchen auch Sinn und Identität: im Aktivurlaub, bei der Kultur- und Studienreise, aber auch beim Work and Travel, bei längeren Auslandsaufenthalten, die sich aus Studium oder Beruf ergeben, schließlich beim internationalen Wohnungstausch über längere Phasen. Das spätmoderne Individuum scheint immer ‚unterwegs’ zu sein, auf der Suche nach den neuen Erfahrungen in einer Fremde, in der es sich doch auch immer zu Hause fühlt. Schauen wir uns an, wie heute verreist wird, erfahren wir viel über den spätmodernen Lebensstil insgesamt.

Natürlich gibt es weiterhin den Massentourismus. Aber typisch für das Verreisen in der Gegenwartskultur ist, dass man sich von der einzelnen, individuell gestalteten Reise besondere Erlebnisse verspricht. Das Individuum der Gegenwart will keine Standardpackung ‚Erholung’, sondern sucht beim Reisen das Einzigartige und Authentische.

Die Interessantheit des eigenen Lebens

Das Reisen wird einer ‚Besonderung’ unterzogen: es wird singularisiert. Immer geht es hier um die Orte, die eine außergewöhnliche Atmosphäre versprechen. Dies gilt für klassische Stadtlandschaften wie Florenz, exotische Städte wie Mumbai, Landschaften wie in Südfrankreich, Südafrika – oder in der Uckermark. Wichtig ist, dass der Ort dem Reisenden ‚authentisch’ erscheint, er keine Kopie des touristisch Immergleichen bietet. Zugleich sind die Reisenden der Gegenwart auf der Suche nach den einzigartigen Momenten, beim Wandern, beim Trecking oder auf der Schiffsreise. Dies und die besonderen Orte versprechen nicht nur Erlebnisse in der Gegenwart – sie haben idealerweise auch einen Erinnerungswert, der lange nachwirkt.

Es ist nicht überraschend, dass dieses Reisen, das auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen ist, eine andere Praxis voraussetzt: Man wählt zum Beispiel kein Standardhotel aus, sondern sucht über Airbnb eine Unterkunft der ‚Einheimischen’, um einen Blick zu entwickeln, wie ihn die Einheimischen haben, oder bevorzugt eine Reiseform, die dem Zufall der unerwarteten Begegnung eine Chance gibt. Eine solche Reise hat natürlich auch einen Prestigewert nach außen: Über Instagram oder Facebook lassen sich Fotos der besonderen Orte oder Momente verbreiten, welche die Interessantheit des eigenen Lebens auch den anderen demonstrieren.

Das Reisen auf der Suche nach dem Authentischen befindet sich immer in einer paradoxen Situation: Es bleibt auf eine allgemeine touristische Infrastruktur angewiesen, die ziemlich unspektakulär ist – vom Flugverkehr bis zur Hotelbuchung per Mausklick. Selbst die Singularisierung des Reisens, die Suche nach dem Einzigartigen und emotional Befriedigenden bedient sich Hilfsmittel, die allgemein für jeden zur Verfügung gestellt werden: Reisebücher oder Blogs, die einen auf die Fährte der ‚Geheimtipps’ setzen, Reiseführer vor Ort, die einen in die komplexe Welt des literarischen Dublin oder des protestantischen Thüringen einweisen oder Pakete für Aktivitäten, in denen man vor Ort Yoga betreibt oder Tango tanzt. Die Suche nach den singulären, erinnerungswürdigen Momenten und Orten beschäftigt somit eine ganze Wirtschaftsbranche.

Wohnungen, so kuratiert wie eine Ausstellung

Das Reisen ist freilich nur ein Beispiel für ein generelles Merkmal des Lebens in der Spätmoderne: In vielen Bereichen ist man damit beschäftigt, nicht mehr dem allgemeinen Durchschnitt zu folgen, sondern für sich selbst das Einzigartige zu erleben und in seinen Alltag zu integrieren. Die Gegenwartsgesellschaft ist eine “Gesellschaft der Singularitäten“. Man sieht es auch im Feld des Designs: Viele Menschen würden nicht mehr auf die Idee kommen, sich eine Wohnungseinrichtung en bloc aus dem Einrichtungshaus zuzulegen, wie es noch vor 20 Jahren üblich war.

Stattdessen kuratiert man seine Wohnung so sorgfältig wie eine Ausstellung: Verschiedene Stile werden kombiniert, Einzelstücke wie Vintage kenntnisreich ausgewählt, Wohnungen und Häuser liebevoll historisch restauriert, ungewöhnliche Accessoires, zum Beispiel Fundstücke von den Reisen, locker hinzugefügt. Haus und Wohnung werden so zu einem individuellen Raum des Ichs – und zugleich zu einem sozialen Präsentationsort des Ichs vor den Anderen.

Oder nehmen wir das weite Feld der Ernährung und des Essens: Anstelle von Fast Food und dem ‚gewöhnlichen’ Essen sucht man nach der Authentizität regionaler und nationaler kulinarischer Traditionen, die in der großstädtischen Gastronomie florieren. Wenn man selbst kocht, wird es nicht selten zu einem aufwendigen, auch kreativen Ereignis. Scheinbar einfache alltägliche Nahrungsmittel wie Brot oder Kaffee können über ausgesuchte Back- und Röstungsverfahren oder Bioqualität selbst zu sehr individuellen Zutaten werden, die der Kenner nicht so leicht gegen etwas anderes eintauschen möchte.

Was, wenn das Außerordentliche enttäuscht?

Eine Lebensform, für die der Alltag nicht mehr bloß Alltag sein soll, sondern ein Raum für die Entfaltung des Einzigartigen, verspricht Befriedigung, stellt aber zugleich höchste Ansprüche an das Individuum. Dieser spätmoderne Lebensstil richtet sich an die Emotionen, an das Wohlgefühl wie an den ‚Kick’ des Ereignisses, und er verspricht zugleich nach außen Anerkennung und Prestige. Abgesehen davon, dass sich eine solche Lebensform nicht alle leisten können – sie setzt Ressourcen und Fähigkeiten voraus, die sich in bestimmten sozialen Milieus ballen –, ist sie in hohem Maße anspruchsvoll und enttäuschungsanfällig.

Man sieht es beim Reisen: Der Pauschalurlaub war eine sichere Bank. Die Individualreise verlangt Eigeninitiative und Kraft, sie beansprucht schon im Voraus. Und doch kann sie leicht enttäuschen: Die außergewöhnlichen Momente stellen sich nicht ein, die außerordentlichen Orte lassen einen unbeeindruckt. Die Verheißung ist groß, die Möglichkeit des Scheiterns ebenso: Das ist die Grunderfahrung des Individuums in der “Gesellschaft der Singularitäten“.

Zur Person: Andreas Reckwitz ist Professor für Vergleichende Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Sein Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ (Suhrkamp, 480 Seiten, 28 Euro) ist hochgelobt und viel diskutiert.

Von Andreas Reckwitz

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