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Leidenschaft ist ein besserer Lehrer als Druck

Lernen im Pisa-Zeitalter Leidenschaft ist ein besserer Lehrer als Druck

Die Bildungsanstrengungen in unserem Land müssen nicht noch effizienter, sondern völlig neu justiert werden: hin zu selbstständigem und interessengeleitetem Lernen. Denn wer in Zeiten rasanten Wandels Schritt halten will, muss eigenständig denken.

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Mit Spaß lernen statt stumpf pauken: Robin Williams (stehend) spielt im Film „Der Club der toten Dichter“ einen Lehrer, der mit alternativen Lehrmethoden aneckt.

Quelle: United Archives/Impress

Hannover. Mehr Druck bringt mehr Leistung: Das ist eine Erkenntnis, die für Dampfmaschinen gilt, aber nicht für so ein komplexes Organ wie unser Gehirn. Obwohl heute jeder weiß, dass es nicht so funktioniert, wird diese alte Dampfmaschinenweisheit immer wieder lauthals verkündet, wenn wieder einmal eine Lernstandüberprüfung „besorgniserregend“ ausgefallen ist.

Es gab Zeiten, da bekamen die Schüler gleich „eins mit dem Stöckchen“ übergebraten, wenn sie das Einmaleins nicht wie eine Maschinengewehrsalve herunterrattern konnten. Auch Schreiben und Lesen haben sie so gelernt, sogar Geschichtszahlen und Flüssenamen und all das andere, was damals in den Lehrplänen stand.

Aber damals war es ja auch noch so, dass die Mehrzahl der Schüler später im Leben funktionieren sollten wie die Zahnräder in einem Getriebe. Selber Denken, Fragen stellen, eigene Ideen entwickeln, die Arbeitsabläufe mitgestalten: Das war unter diesen Bedingungen weder hilfreich noch erwünscht.

Diejenigen, die später Spitzenpositionen übernahmen, kamen aus Elternhäusern, die sich Privatlehrer oder Privatschulen leisten konnten. Oder es waren Kinder aus beschränkten Verhältnissen, die fest entschlossen waren, in solche Spitzenpositionen aufzusteigen – sogar in Schulen, die wie Dressur- und Abrichtungsanstalten funktionierten. Den Druck, der dort herrschte, haben diese Schüler nicht wahrgenommen oder sogar locker ausgehalten. Weil sie ein klares Ziel vor Augen hatten: Sie wollten ein besseres, freieres Leben führen. Das war ein äußerst starkes Motiv. Sie lernten nicht, weil sie mussten, sondern weil sie wollten. Nicht der schulische Druck, sondern dieses Herauswollen aus einer bedrückenden Lebensperspektive: Das war das Geheimnis ihrer bemerkenswerten Lernerfolge.

Mehr Druck bringt nicht mehr Wissen

Auch in heutigen Bildungseinrichtungen wird versucht, Leistung durch Druck zu erzeugen – mit effizienteren Unterrichtsmethoden, mit professioneller ausgebildeten Pädagogen und mit objektiveren Methoden für Leistungskontrolle und Qualitätssicherung.

Dabei haben die Erkenntnisse aus Neurobiologie und Lernforschung längst deutlich gemacht, dass mehr Druck und mehr Unterricht nicht zu mehr Wissen führen. Das Gehirn ist eben kein Muskel, der sich beliebig trainieren lässt. Damit dort neues Wissen integriert und in Form neuer Nervenzellverknüpfungen verankert werden kann, muss der Lernstoff buchstäblich unter die Haut gehen. Er muss, wie Lernforscher es ausdrücken, „emotional aufgeladen werden“ – idealerweise durch echtes Interesse.

Viel häufiger aber wird der Lernstoff emotional aufgeladen, indem man ihn mit Bestrafungen oder Belohnungen verknüpft – etwa über Zensuren. Lernlust? Fehlanzeige!

Genau das hat die letzte Pisa-Überprüfung zur großen Überraschung vieler Bildungspolitiker eindrucksvoll bestätigt: Die vermehrten Anstrengungen bei der Vermittlung von Wissen, speziell in den naturwissenschaftlichen Fächern, haben zwar dazu geführt, dass die Schüler die Pisa-Tests mit deutlich besseren Ergebnissen als noch vor einigen Jahren bestehen. Ihre Lust allerdings, später einmal Mathe, Physik, Chemie oder Biologie zu studieren, ist dadurch nicht größer geworden – sondern sogar noch geringer.

Psychologen wissen längst, dass die sogenannte intrinsische Motivation zwangsläufig durch alle extrinsischen Motivationsbemühungen erstickt wird: Je mehr von außen aufgedrückt wird, desto weniger kann von innen kommen.

Lernlust in der Schule: Man erlebt sie vor allem bei jenen Kindern, die aus katastrophalen Lebensbedingungen zu uns geflohen sind und sich glücklich schätzen, endlich eine Schule besuchen zu dürfen. Für die meisten in Deutschland geborenen Schüler trägt das Auf- und Ausstiegsmotiv, die bildungsgetriebene Flucht aus engen oder prekären Verhältnissen, längst nicht mehr. Fragt man sie, warum sie zur Schule gehen, lautet die Antwort zumeist: „Weil ich muss.“

Wissen, das schon heute von gestern ist

Nicht irgendein neues Pisa-Ergebnis, sondern diese beschämende Antwort ist die entscheidende Herausforderung für all jene, denen die Zukunft unseres Landes am Herzen liegt. Niemand kann angesichts einer sich immer rascher verändernden Welt vorhersehen, was die heute Heranwachsenden in zehn oder zwanzig Jahren werden wissen und können müssen, um ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten.

Schon heute ist absehbar, dass bis dahin etliches, war wir bisher mit unseren Händen und unserem Hirn geleistet haben, von Robotern und Computern übernommen werden wird. Schon heute können sich viele Menschen kaum noch eine Telefonnummer merken und sich ohne GPS-System irgendwo zurechtfinden. Eine leserliche Handschrift, Kopfrechnen oder ein mit viel Wissen vollgepacktes Gehirn werden unsere dann erwachsen gewordenen Kinder ebenso wenig brauchen wie ein gutes Gedächtnis oder ein präzises Orientierungsvermögen.

Was also müssten die Universität, die Schule, der Kindergarten und das Elternhaus einem heute Heranwachsenden unbedingt als wichtigstes Gut mit auf den Weg geben? Vielleicht immer noch etwas von dem in Lehrplänen vorgeschriebenem Wissen oder manche der in Schulen erworbenen Kompetenzen. Aber vor allem dies: eine unstillbare Lust, sich immer wieder neues Wissen anzueignen, Zusammenhänge zu erkennen, neue Ideen zu entwickeln und sie gemeinsam mit anderen umzusetzen.

Gerald Hüther ist Neurobiologe und Lernforscher an der Akademie für Potentialentfaltung in Göttingen, Wien und Zürich. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Mit Freude lernen – ein Leben lang” (Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2016.)

Von Gerald Hüther

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