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Macht rosa Spielzeug krank?

Gastbeitrag von Stevie Schmiedel Macht rosa Spielzeug krank?

Prinzessin Lillifee und Lego Friends sind nur vordergründig harmloses Mädchenspielzeug. Sie sind eine bedenkliche Antwort auf die Emanzipation der Frauen und können Einstiegsdrogen zu weiblichen Suchtkrankheiten sein. Was tun also, wenn kleine Mädchen pinkfarbene Püppchen lieben?

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Lieb lächeln, nichts sagen, nichts essen: Schon kleine Mädchen verinnerlichen Rollenklischees – und nicht nur die Spielzeugindustrie verdient bestens daran.

Quelle: iStock

Kennen Sie das? Ihre Tochter, Enkelin oder Nichte, die sich bisher dadurch auszeichnete, dass sie ihr Hockeyteam liebte, gern auf Bäume kletterte oder lauthals gegen das abendliche Zähneputzen protestierte, will auf einmal nichts mehr essen. "Alle machen gerade Diät", sagt sie, oder: "Meine Oberschenkel sind zu dick. Ich will sie nur etwas dünner haben."

Sie ist wahrscheinlich um die elf Jahre alt, ein Alter, in dem heute jedes sechste Mädchen auf Diät ist – obwohl 85 Prozent normalgewichtig sind. "Ach, typisch Mädchen, so sind sie eben", mag mancher da antworten. Ein Prozent der Mädchen werden in die Magersucht rutschen, von der sich nur 70 Prozent erholen und an der 10 Prozent sterben werden.

Die restlichen 99 Prozent werden vielleicht nicht klinisch essgestört, aber zu einem großen Teil ihren Körper ablehnen: 2010 sagten mehr als die Hälfte der 15-jährigen Mädchen in Deutschland aus, sich zu dick zu finden. Diese überhöhte Selbstkritik ist einer der Gründe, warum viele weiblichen Teenager unter Depression und selbstverletzendem Verhalten leiden: Das Ritzen der Haut hat seit den Neunzigerjahren extrem zugenommen.

"Mädchen sein" als Beleidigung

Mädchen leiden in der Pubertät unter ihrem Körperbild und wenden Aggression eher gegen sich selbst als nach außen, während ihre männlichen Altersgenossen eher laut werden, sich prügeln oder Spannung durch Sport abbauen. Ist das genetisch bedingt? Und war das schon immer so?

Mit diesen Fragen beschäftigen sich Neurowissenschaftler und Soziologen schon lange. Je nach Studie gibt es verschiedene Ergebnisse, wobei die neueren Studien, die modernste Verfahren einfließen lassen, dazu tendieren, die Ursache für diese Verschiedenheit in der historisch geprägten Rolle von Frauen und Männern zu sehen. Erinnert man zum Beispiel ein Mädchen vor einem Mathetest daran, dass sie ein Mädchen ist, wird sie schlechter abschneiden.

"Mädchen sein" klingt heute immer noch danach, weniger technisch begabt, generell weniger kompetent und nicht durchsetzungsfähig zu sein. "Sei doch kein Mädchen!" ist eine der meistgebrauchten Beleidigungen auf deutschen Schulhöfen und wird leider auch gerne von Mädchen selbst verwendet. Warum ist das so im Jahr 2016? In einer Zeit, in der eine Frau Bundeskanzlerin ist, eine andere Verteidigungsministerin und Frauen und Männer zumindest vor dem Gesetz gleichberechtigt sind?

Rollenklischees schon für Kleinkinder

Schauen wir doch einmal zurück in die (Klein-)Kinderzimmer der heutigen Teenager. Prinzessin Lillifee, die Ikone der dreijährigen Kindergartenmädchen, erlebt zwar auch mal ein Abenteuer, aber meistens tut sie dabei nur Gutes – mit süßem Augenaufschlag und Dauerlächeln. Vorrangig geht es um ihren Kleiderschrank und ihre kleinen Tierchen, die sie füttert. Sie selbst isst nie etwas – und falls doch, würde man sich fragen, wo das bleibt: Ihr Hals ist so dürr, dass da bestimmt kein Muffin durchgeht.

Ihr Pendant Käpt'n Sharky hingegen ist sehr viel voluminöser. Piraten erobern, spielen im Sand und machen sich dreckig. Sie haben einen Säbel, können sich verteidigen und werden auch mal laut. Prinzessin Lillifee könnte man einfach wegpusten, sollte es zum Streit kommen.

Ähnlich ist die Aufteilung bei vielen Produkten auf dem Spielzeugmarkt. Während Lego für Jungs Sternenkriege und Ninjakämpfer bereithält, dürfen Mädchen bei Lego Friends frisieren, shoppen gehen und vielleicht auch mal etwas bauen, aber bitte mit dünner Taille und hohen Schuhen. Der Schwerpunkt liegt nicht auf Vehemenz und Durchsetzungsvermögen, sondern auf hübsch und liebenswert sein.

Lukrativ für die Wirtschaft

"Ja, aber meine Tochter will nicht mit Ninjakämpfern Krieg spielen!", sagen viele Kindergarteneltern. Recht haben sie. In einer Welt, in der Kinder schon mit einem Jahr bestimmte Symbole entweder Frauen oder Männern zuordnen können, wissen sie sehr früh, wie wichtig es ist, "richtig" in seinem Geschlecht zu sein.

"Richtig" Mädchen sein oder "richtig" Junge, das ist nicht nur für die Wirtschaft wichtig, die von Memory bis Monopoly heute alles zweimal verkaufen kann: Beautysalons für Mädchen, Banken für die Jungs. Selbst das gute alte Bobbycar gibt es inzwischen in Pink und Blau – so wird sichergestellt, dass der kleine Bruder garantiert sein eigenes haben muss. Die klare Aufteilung in vermeintliche Steinzeitrollen ist lukrativ.

Diese Gender-Diktatur ist außerdem neu erstarkt in einer Gesellschaft, die durch die Emanzipation von Frauen in den letzten vierzig Jahren in Unordnung geraten ist. In sehr kurzer Zeit haben sich Geschlechterrollenbilder und damit Arbeitsmarkt und Haushalt verändert, und ein paar Jahrzehnte sind nichts gegen eine jahrtausendalte Kulturgeschichte der Unterdrückung von Frauen.

Protest in den sozialen Netzwerken

Verständlich, dass überforderte Mütter, die heute voll berufstätig sind und immer noch die meiste Pflege- und Haushaltsarbeit bewältigen, ihren Kindern eine heile Prinzessinnenwelt wünschen und Väter sich freuen, wenn wenigstens der Sohn zu Hause mal wieder das Schwert in der Hand hat.

Ist die "Pinkifizierung" der Spielwarenwelt also die Antwort auf die Emanzipation der Frauen? Ja. Aber sie ist nur ein vorübergehendes Phänomen. Durch Organisationen wie Pinkstinks und viele andere Aktive in den sozialen Netzwerken ist der Protest gegen diesen Retro-Sexismus spürbar. Aufgrund dieser neuen Protestbewegung hat der SPD-Parteivorstand im Januar bei seiner Klausur entschieden, gegen Sexismus in der Werbung und in den Medien zu kämpfen.

In England beschließen immer mehr Kaufhäuser, auf Einteilung in Mädchen- und Jungsspielzeug zu verzichten. Und in schwedischen Spielzeugkatalogen dürfen Jungen neuerdings mit Puppen spielen. Vielleicht ist das ein Teil einer Zukunft, in der Jungen auch mal weinen dürfen, ohne "Du Mädchen!" zu hören, und Mädchen endlich Raum einnehmen und laut sein dürfen, ohne "fett, zickig, zu männlich" genannt zu werden. Trotz aller Angst vor Veränderung sollten wir das doch langsam mal geschafft haben.

Zur Person
Dr. Stevie Meriel Schmiedel

Dr. Stevie Meriel Schmiedel, Deutsch-Britin, ist promovierte Dozentin für Genderforschung und lehrte zuletzt an der Universität Hamburg und der Hochschule für Soziale Arbeit. Sie hat zwei Töchter und ist Vorsitzende, Geschäftsführerin und Pressesprecherin bei der Initiative Pinkstinks.

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