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Mehr Muße für Manager

Gastbeitrag von Anselm Bilgri Mehr Muße für Manager

Finanzkrise, Griechenland-Krise, Flüchtlingskrise: In einer Welt der dramatischen Ereignisse sind die Mächtigen in Politik und Wirtschaft zunehmend überfordert. Eigentlich müssten sie innehalten, ehe sie gewichtige Entscheidungen treffen. Doch die Verhältnisse erlauben nur noch Schnellschüsse.

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Plädiert für mehr Innehalten in einem beschleunigten Arbeitsalltag: Anselm Bilgri.

Die Muße hat heute schlechte Karten. Das Wort klingt veraltet und das, was es bedeutet, gilt als verpönt. Muße hatte man vielleicht in der Antike oder im Biedermeier. Zu Zeiten der Griechen und Römer war Muße die erstrebenswerte Haltung der damaligen Elite. Diese bestand freilich nicht im Faulenzen, sondern im Lesen, Schreiben und dem Gespräch im Kreis der Freunde. Das christliche Mittelalter und später die Reformation verhalfen der Tätigkeit zum Sieg über die Muße, sie hieß nun Müßiggang – und war aller Laster Anfang.

Mit dem Aufkommen der Dampflok im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts trat zur Unrast noch die Beschleunigung – beide haben uns bis heute fest im Griff. Mobilität fordert Flexibilität, schon das Telefon und erst recht die elektronischen Kommunikationsmittel erheischen ständige Erreichbarkeit und dauernde Beschäftigung mit Nachrichten, von denen weit mehr als die Hälfte unnötig sind.

Demonstratives Beschäftigtsein

Zeitmanagement-Trainings bringen nicht mehr Zeit zum Nachdenken, sondern vermitteln nur die Pflicht zu mehr Arbeit in der gleichen oder in kürzerer Zeit. Dazu kommt eine nie dagewesene Scheu vor Übernahme von Verantwortung, gerade in den bürokratisch verwalteten Großkonzernen. Diese Scheu äußert sich in einer Absicherung nach allen Seiten und der enormen Zunahme von Besprechungsterminen und Meetings.

Die Fähigkeit, zu delegieren wird zwar in Managementkursen gelehrt, in der Praxis aber unterlaufen, um sich ja keiner Fehler schuldig zu machen, seien es eigene oder die der Mitarbeiter. Denn das könnte einen Karriereknick herbeiführen. Ständiges Beschäftigtsein gilt es wie eine Monstranz vor sich herzutragen.

Man eilt durch die Gänge, ein zwangloses Schwätzchen auf den Fluren, das mehr an Unternehmenskultur bewirken könnte als irgendeine andere verordnete Maßnahme zur Verbesserung der Kommunikation, ruft ein schlechtes Gewissen hervor. Das lastet permanent auf Führungskräften und Mitarbeitern, sie haben das andauernde Gefühl, zu langsam zu sein, um den Forderungen des Marktes, der Unternehmensleitung und den selbst gesteckten Zielen überhaupt gerecht zu werden.

Schnelle Lösungen

Ökonomische und politische Krisen, oft genug hervorgerufen durch unvernünftiges, unmoralisches oder kriminelles Verhalten der Akteure, erfordern von den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft sofortiges Eingreifen. Genügend Zeit zum Innehalten und Bedenken bleibt selten. Und diese Krisen kommen so sicher wie das Amen in der Kirche, die Abstände der Einschläge werden immer kürzer.

Wirtschafts- und Finanzkrise, Griechenlandkrise, Flüchtlingskrise, Abgas-Skandal: Männer und Frauen in Verantwortung müssen ohne genügend Zeit zum Bedenken meist über Nacht schnelle Lösungen liefern. All diese Phänomene der heutigen Lebens- und Arbeitswelt führen zum allseits bekannten Stress. Natürlich gibt es auch den Flow, die Erfahrung, wenn einem etwas gut von der Hand geht und die Zeit darüber wie im Flug zu vergehen scheint.

Aber diese Freude an der Arbeit scheint ein seltener Gast zu werden im beschleunigten Alltag, der mit einem andauernden, auf der Seele lastenden Druck verbunden ist. Immer häufiger führt dieser zu einer Form der Depression, die etwas unspezifisch als Burn-out-Syndrom bezeichnet wird. Wer ausbrennt, hat zuvor gebrannt – oft lichterloh. Und all diese Begeisterung für den Job weicht einer Lähmung, die den ganzen Menschen, sein berufliches und privates Umfeld betrifft.

Beobachten – reflektieren – entscheiden

Dass dies neben der Unversehrtheit des Einzelnen auch die Prosperität des Unternehmens schädigt, dürfte evident sein. Deshalb kann es nur im Interesse des jeweiligen Systems sein, hier Abhilfe zu schaffen. Was tut not? Was ist notwendig, was wendet die Not? Meines Erachtens ein ganz einfaches, probates Mittel: Innehalten, Pause machen, Muße pflegen. Und zwar schon prophylaktisch.

Zur Fürsorgepflicht des Arbeitgebers gehört auch das: Menschen in der eigenen Organisation von vorneherein befähigen, durch achtsamen Umgang mit sich selbst dem Druck standzuhalten. Dabei müssen Führungskräfte mit gutem Beispiel vorangehen. Ein ruhiger, überlegter Arbeitsstil, genügend Zeit, um die fälligen Entscheidungen vorzubereiten nach dem guten alten Schema: beobachten – reflektieren – entscheiden. Sich Zeit nehmen fürs Zuhören und Rat einholen.

Führungskräfte müssen auch ein Beispiel dafür sein, die nötigen Ruhe- und Pausenzeiten einzuhalten. Ein Chef ist eben nicht dadurch ein guter Chef, dass er demonstriert, wie viele Stunden er für die Firma zu investieren bereit ist, wie sehr er von Termin zu Termin hetzt, wie atemlos er seine Entscheidungen im Schnellschuss trifft. Er ist dann gut, wenn er den langen Atem hat – im wahrsten Sinn des Wortes.

Neue Arbeitsmodelle

Also: Immer einen Gang herunterschalten, wenn es stressig wird. In unserer "Akademie der Muße" propagieren wir eine Technik, die wir Zen@Work nennen: Wenn alles auf einmal auf einen einzustürmen scheint – Handy, Telefon, E-Mail, die Sekretärin steht mit einer Terminerinnerung in der Tür – dann einfach: Handy ausschalten, PC herunterfahren, Tür schließen und fünf Minuten still sitzen. Sonst nichts. Franz von Sales, ein vielbeschäftigter Bischof des 17. Jahrhunderts, sagte, er meditiere täglich eine Stunde, außer er habe sehr viel zu tun, dann meditiere er zwei Stunden.

Nicht nur Führungskräfte sind Burn-out-gefährdet. Der Druck breitet sich aus, er greift über auf die Mitarbeiter. Wir werden neue Arbeitsmodelle finden müssen, die auch die psychische Gesundheit der Menschen angesichts der heutigen Anforderungen berücksichtigen.

Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa meint, die Entschleunigung werde die leitende Gegenideologie des 21. Jahrhunderts werden. Sollte das zutreffen – und alle Zeichen sprechen dafür – wird die Arbeitswelt in Zukunft ganz anders aussehen, als wir sie heute kennen. Sie wird in jedem Fall mehr Raum für Muße lassen müssen.

Zur Person

Anselm Bilgri, Jahrgang 1953, war Benediktiner und Prior im Kloster Andechs. Seit seinem Ordensaustritt ist Bilgri Vortragsredner, Buchautor – und Leiter einer Akademie für Muße.

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