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Gastkommentar Mehr als nur Exotikfaktor
Sonntag Gastkommentar
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10:11 11.04.2017
Die documenta 14 wird an diesem Wochenende in Athen eröffnet. Viele Bewohner begegneten dieser Idee mit Skepsis – doch der Perspektivwechsel bietet Chancen für alle Europäer. Quelle: iStockphoto
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Athen

“Liebe documenta, ich lehne es ab, mich zu exotisieren, um dein kulturelles Kapital zu vergrößern. Hochachtungsvoll. Die Eingeborenen.“ Vor zwei Jahren konnte man diesen Satz als Graffito an Athener Häuserwänden lesen. Eines davon auch am Eingang des Hauses, in dem das documenta-Team ein Büro bezogen hatte. Provoziert wurde der Vorwurf, man wolle Athen und seine Einwohner „exotisieren“ sicher auch vom Arbeitstitel der documenta 14 “Von Athen lernen“. Ja, was sollte man denn von einer Stadt am Rande Europas lernen wollen? Den Untergang des ökonomischen Systems, das Savoir-vivre der Mittelmeeranwohner? Und was sollten die Athener davon haben, wenn eine deutsche Institution nach Athen kommt und die Stadt im Süden Europas zum Lern- und Experimentierfeld für eine Kunstausstellung machen will?

“Von Athen lernen“ ist mehr als ein Arbeitstitel und ein Motto. Es geht um einen neuen Blick auf Europa. Auch kritische Stimmen in der Stadt sind inzwischen durchaus bereit einzuräumen, dass es Vorteile hat, eine documenta-Ausstellung in Athen zu haben, auch wenn man sich gewünscht hätte, dass man sensibler mit der Stadt, ihren Bewohnern und ihrer Geschichte umgegangen wäre und die lokale Szene noch intensiver mit einbezogen hätte. So entstehen Missverständnisse und enttäuschte Erwartungen.

Gerade jetzt offen aufeinander zugehen

Es zeigt aber auch, dass wir als Eingeborene Europas offensichtlich noch nicht so richtig viel voneinander wissen und dass wir noch viel voneinander lernen können. Gerade jetzt ist es wichtig, offen und neugierig aufeinander zuzugehen. Die documenta in Athen und Kassel wird uns die Gelegenheit bieten, genau hinzusehen und hinzuhören. Erfahrungen zu teilen. Unterschiede und Ähnlichkeiten zu entdecken und uns einzumischen. Anlässe dazu hat die documenta schon jetzt geschaffen. Sie ist dialogisch angelegt. Zum ersten Mal in der über 60-jährigen Geschichte der documenta wird es zwei gleichwertige Ausstellungen an zwei verschiedenen Orten geben.

Athen ist zurzeit voller kultureller Energie. Keine Künstlerinitiative, die nicht in den kommenden Monaten aktiv sein wird. Premieren, Performances, Aktionen. Junge Künstler aus der ganzen Welt kommen und kamen nach Athen, um an dieser Energie teilzuhaben und diese weiter zu verstärken. So auch das seit 1997 in Rio de Janeiro ansässige Kulturzentrum Capacete mit einer zehnmonatigen Residenz mit Teilnehmenden aus Brasilen, Südamerika und Griechenland unter der Leitung des scheidenden Direktors des Capacete, Helmut Batista. Endlich zeigt sich die kulturelle Identität Griechenlands und Athens von ihrer zeitgenössischen Seite. Auch die Politik beginnt zu verstehen, dass es jenseits von Krise und klassischer Antike eine zeitgenössische Kultur und Identität gibt, die es verdient, gefördert und unterstützt zu werden.

Perspektivenwechsel im europäischen Dialog

Und Kassel? Diesmal wird kein bayerischer Prinz den Klassizismus deutscher Architekten wie den von Friedrich von Gärtner, Karl Friedrich Schinkel oder Leo von Klenze nach Athen bringen, wie König Otto von Griechenland während seiner Regentschaft in den Jahren 1832 bis 1862. Ein Stück Athen wird nach Kassel kommen. Ein Perspektivenwechsel im europäischen Dialog, der sich einprägen wird.

Und wie war das noch mal mit dem Exotizismus? Beim Eröffnungsprogramm des von Paul B. Preciado im Freiheitspark (Parko Eleftherias) kuratierten “Öffentlichen Programms: Freiheitsübungen“ der documenta 14 traten zwei Experten auf, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: der Philosoph und politische Theoretiker, Antoni Negri, aus dem Süden Europas und der Aktivist für die politischen Rechte der Sámi, Journalist und Fotograf, Niillas Somby, in traditioneller Tracht aus dem Norden Europas..

Die documenta 14 wird politisch sein

Es kostete etwas Zeit und Überwindung, sich so weit zu öffnen, dass man verstehen konnte, dass beide über genau das Gleiche sprachen. Über ein universelles menschliches Bedürfnis, dem nach Freiheit. Die exotisch anmutende Gegenüberstellung war ein Angebot, das mir freistellte, das herauszunehmen und zu verstehen, was ich verstehen konnte und wollte. Frei zu sein, das Angebot anzunehmen, abzulehnen und zu kritisieren.

Die documenta 14 wird politisch sein. Sie wird sicher keine fertigen Antworten liefern. Es wird sich lohnen, nach Athen und Kassel zu kommen und an diesem offenen Dialog teilzunehmen, der sich vermutlich in Europa nicht so schnell wiederholen wird. Besucher aus der ganzen Welt werden an diesem Dialog teilnehmen und den Blick auf Europa vertiefen. Auch das Bild, das wir von Athen haben, wird ein anderes sein. Die Botschaft lautet: Kommen Sie wieder und forschen Sie weiter: offen und neugierig, wie während der documenta.

Ach ja, wenn Sie nach Athen kommen, werden Sie das Plakat der documenta 14 sehen und sich an ein Graffito erinnert fühlen. Zufall? Eher nicht.

Zur Person: Juliane Stegner leitet die Kulturarbeit des Goethe-Instituts in Athen, das sich an der documenta 14 unter anderem mit dem Rahmenprogramm “apropos documenta“ beteiligt. Die documenta wird heute in Athen eröffnet und läuft bis 16. Juli, am 10. Juni wird die Ausstellung in Kassel eröffnet.

Von Juliane Stegner

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