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Sonntag Gastkommentar
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20:05 03.03.2017
Arme Schweine: Nutztiere werden in der modernen Landwirtschaft noch immer nur auf Ertrag gezüchtet – und immer anfälliger für Krankheiten. Quelle: Shutterstock
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Berlin

Tierwohl hat Konjunktur. Alle behaupten unisono, es verbessern zu wollen: die Lebensmittelkonzerne, der Bauernverband und die Bundesregierung. Es muss also eine Menge Tierleid geben, wenn sich so viele Profis kümmern. Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik (WBA) beim Bundeslandwirtschaftsminister kam im März 2015 in einem umfangreichen Gutachten zur Lage in Deutschlands Ställen und Schlachtstätten zu dem Ergebnis, die Nutztierhaltung sei hierzulande “nicht zukunftsfähig“. Es gebe “erhebliche Defizite vor allem im Bereich Tierschutz, aber auch im Umweltschutz“, es seien “tiefgreifende Änderungen“ nötig, die Tiere bräuchten mehr Platz, öfter Auslauf ins Freie.

Das war ein Schlag ins Kontor, immerhin erzielt die hiesige Landwirtschaft rund die Hälfte ihres Einkommens mit Tieren und hatte stets behauptet, noch mehr Tierschutz sei wettbewerbsschädigend. Laut WBA nimmt die deutsche Tierschutzgesetzgebung “innerhalb Europas entgegen der allgemeinen Annahme keine Vorreiterposition ein, sondern befindet sich im gehobenen Mittelfeld“.

Spitzenleistungen erbringen hingegen die Nutztiere. Und zwar permanent, denn sie haben keine andere Wahl, es steckt ihnen buchstäblich in den Genen. Das kann gut gehen, wenn alle Bedingungen stimmen – bei der Fütterung, dem Klima, der Hygiene und der Ausstattung im Stall; wenn der Halter Fehler vermeidet. Es kann aber auch viel schiefgehen.

Doppelt so produktive Kühe wie 1970

Bei Mastschweinen zum Beispiel, echten Zunahmeprofis, die ihr Körpergewicht um fast 1000 Gramm täglich erhöhen. Jedes dritte Schwein entwickelt mehr oder minder schwere Lungenentzündungen, Leber- oder Gelenkserkrankungen. Innerhalb seiner durchschnittlich sechsmonatigen Lebenszeit, wohlgemerkt. Die heutigen Hochleistungslegehennen können gar nicht so viel Kalzium aufnehmen, wie sie benötigen, um Schalen für die über 300 Eier zu bilden, die sie im Jahr legen. Also ziehen ihre Körper das Kalzium aus den Knochen – mit der Folge massenhafter Brüche. Das betrifft laut Studienlage jede zweite Legehenne, ein Berufsrisiko wie auch Eileiterentzündungen und Kannibalismus.

Milchkühe produzieren heute doppelt so viel Milch wie 1970 – fast 8000 Liter im Jahr. Jedes Jahr wird rund ein Fünftel aller Kühe vorzeitig wegen Krankheit geschlachtet. 2014 waren es in Deutschland 850 000. Zur Stellenbeschreibung der Milchkühe gehört, dass jede fünfte unter Fruchtbarkeitsstörungen, jede siebte unter Eutererkrankungen und jeweils jede zehnte unter Klauenerkrankungen oder Stoffwechselstörungen leidet. Auf manchen Höfen sind bis zu 80 Prozent der Tiere betroffen, auf anderen kaum eines – egal, ob Ökoidyll oder Megastall.

Was die Fachleute nicht überrascht, ist für die meisten Laien ein eklatanter Widerspruch zum über viele Jahre hinweg Gelernten. Längst gehören Begriffe wie “Massentierhaltung“ zum Standardvokabular jedes Tischgesprächs über die Höhen und Tiefen der Nutztierhaltung. Gleichsam, als gäbe es die eine, die richtige Anzahl von Tieren, mit der die Versöhnung von Umwelt- und Tierschutz, von Verbraucher- und Bauerninteressen wie von selbst gelingt.

Die Betriebsgröße ist nicht entscheidend

Der Ruf nach einer “bäuerlichen Landwirtschaft“ fungiert häufig als Lösungsformel, eine Art fernes Echo der Bauernhof-Bilderbücher unserer Kindheit. Doch auch in “bäuerlichen“ Betrieben werden Muttersauen monatelang in Kastenstände gesperrt, werden den Schweinen die Ringelschwänze abgeschnitten, können die Milchkühe massenhaft entzündete Euter oder Klauen haben.

“Kleine Betriebe sind nicht automatisch tier- oder umweltfreundlicher als große, die Betriebsgröße ist nicht entscheidend, wenn es um eine Verbesserung des Tier- und Umweltschutzes geht“, sagt der Agrarökonom Harald Grethe, Vorsitzender des WBA.

Wir müssen uns von den Klischees verabschieden, den Tatsachen ins Auge sehen: Unsere Nutztiere werden systematisch krank gemacht, weil unsere Landwirte einem von übermächtigen Handelskonzernen erzeugten Preisdruck schutzlos ausgeliefert sind und bleiben werden, solange der Gesetzgeber keine besseren Gesetze für den Schutz der Nutztiere macht. Die Rechnung für den Mehraufwand müssen wir Verbraucher zahlen, damit die Tiere nicht länger mit Krankheit und Elend zahlen müssen.

Verbraucher wollen gesetzliche Regelungen

In einer Mitte Januar 2017 von TNS Emnid im Auftrag von Foodwatch durchgeführten repräsentativen Umfrage stimmten 80 Prozent der Befragten der Aussage zu: “Mehr Tierschutz sollte für die Tierhalter verbindlich vorgegeben werden, damit alle Nutztiere tiergerecht und gesund gehalten werden“, 85 Prozent forderten verbindliche Kriterien für die Tiergesundheit in allen Betrieben, und sogar 92 Prozent verlangten von der Bundesregierung, eine möglichst tiergerechte und gesunde Haltung für alle Nutztiere durchzusetzen. Man könnte dies als die Eckpunkte einer nationalen Strategie für gesellschaftlich akzeptierte gute Lebensbedingungen unserer Nutztiere lesen.

Stattdessen reden alle über Kosmetik wie etwa ein freiwilliges staatliches Tierwohl-Siegel. Der WBA erwartet für Produkte mit einem solchen Label einen Marktanteil von vielleicht 20 Prozent. Heißt im Umkehrschluss: Die Bundesregierung duldet weiterhin vermeidbare Krankheiten, Schmerzen und Leiden für 80 Prozent der Nutztiere. Unsere Nutztiere werden systematisch krank gemacht.

Matthias Wolfschmidt, Veterinärmediziner, ist stellvertretender Geschäftsführer von Foodwatch.

Von Matthias Wolfschmidt

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