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Raus aus der Komfortzone

Gastbeitrag von Janne Teller Raus aus der Komfortzone

In schweren Zeiten mehren sich die Anhänger der dänischen Glücksphilosophie Hygge, die den Rückzug in die Gemütlichkeit propagiert. Doch das ist gefährlich: Eskapismus grenzt andere aus. Und stark sind wir nur gemeinsam.

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Das Einigeln in der Komfortzone ist nicht mehr als eine Angstreaktion und führt zu Ausgrenzung: Warum der Rückzug ins Private unsere Welt nicht besser machen kann.

Quelle: Unsplash / Anete de Lusina

In London ist Hygge derzeit überall. In den Buchhandlungen stapeln sich Literaturberge zum Thema, in den Möbelgeschäften tragen Sofagruppen dieses Etikett, und in Geschenkeläden wird mit diesem Label nahe alles verkauft: von Bechern bis zu Kerzenständern, Kissen oder Schokolade. Selbst Socken und Puzzles werden darauf abgeklopft, wie sie zum ätherischen Konzept von Hygge beitragen können.

Hygge ist das unübersetzbare dänische Wort für etwas Warmes, Angenehmes und Harmloses. Es bedeutet weit mehr als ähnliche Wörter in anderen Sprachen wie etwa das deutsche "Gemütlichkeit". Es beschreibt ein nicht intellektuelles, freundliches, leidenschaftsloses Zufriedensein, das tief in der dänischen Kultur verwurzelt ist. Eine "hyggelige" Zeit zu haben gilt als sehr viel erstrebenswerter, als eine interessante, aufregende oder abenteuerliche Zeit zu haben.

Nach dem Brexit-Votum der Briten kann ich mich an deren Versuch, das dänische Konzept zu adaptieren, nicht erfreuen. Stattdessen laufen mir eiskalte Schauer den Rücken hinunter. Mich gruselt es geradezu, wenn ich mich in Europa umsehe, und überall stürzen sich die Menschen auf die trügerische Hygge, wenn sie auch nicht überall diesen Namen trägt.

Hygge schließt "das Andere" aus

Der Begriff stammt aus den Zeiten, als Dänemark infolge von Kriegen große Gebietsverluste hinnehmen musste: Südschweden im Jahr 1658, Norwegen in 1814. Damit verbunden ist das Sprichwort: "Was wir nach außen verlieren, müssen wir innen gewinnen." So wurde Hygge zur Lösung für jeden erdenklichen Konflikt. Wenn dir nicht gefällt, was um dich herum geschieht, wende dich nach innen. Und alles wird gut sein.

Die Idee von Hygge wurde lange vor unserer Zeit vorbereitet, in Zeiten, in denen die Dänen sich in langen, kalten Nächten noch in den Ställen mit den Tieren zusammenkuschelten. Das Überleben hing damals buchstäblich davon ab, sich aneinander festzuhalten. Ein anderes altes Sprichwort – "Es muss Raum für jedermann sein" – ist ebenfalls ein Hemmnis für jeden Disput. Das Problem ist, dass "jedermann" nur diejenigen einbezieht, die wir als Teil unserer Gruppe definieren.

Die Besinnung auf Hygge ist deshalb nicht nur der persönliche Versuch, ein wenig Frieden und Erholung zu erlangen, sondern auch ein Zeichen dafür, dem Rest der Welt den Rücken zuzukehren. Hygge ist für Gleichgesinnte bestimmt und schließt "das Andere" aus – ebenso das Sprechen über und sogar das Denken an unangenehme Dinge. Politik, Ökonomie, globale Erwärmung und Krieg werden zu Unaussprechlichem. Auch Empathie mit jedem "von draußen" ist ausgeschlossen, denn sie würde das schöne Hygge-Gefühl sofort zerstören.

Der Welt den Rücken zukehren

Wenn die dänische Regierung mit sehr wenig Widerstand seitens der Bevölkerung das Zuwanderungsgesetz zu einem der restriktivsten von ganz Europa verschärfen konnte, ist das darauf zurückzuführen, dass die Dänen sich ohne ihre Hygge-Decken sehr bedroht fühlen.

Eine in die Enge getriebene Katze kratzt jeden, der sich ihr nähert. Ein in die Enge getriebener Mensch schreit "Nein", kauert sich zusammen und dreht den Ursachen der Bedrohung den Rücken zu. Das ist genau das, was die Wähler in der gesamten westlichen Welt in diesem Jahr getan haben: nicht nur die Amerikaner und die Briten, sondern auch die Kontinentaleuropäer.

Sie haben in Wahlen und in einem Referendum Stimmen für nationalistische und rechtspopulistische Bewegungen abgegeben: Das ist ihre Version des archaischen "Nein"-Schreis. Hygge in allen Erscheinungsformen ist eine Weise, den zunehmend stressigen Anforderungen in einer überwältigenden, chaotischen und beängstigenden modernen Welt den Rücken zuzukehren.

Wer nicht mithalten kann, wird fortgeweht

Anders als es uns die Demagogen einreden wollen, sind es jedoch nicht die EU und der Zustrom von Flüchtlingen und Migranten, die so viele Menschen ärmer gemacht, Ungleichheiten verstärkt und unsere Leben verkompliziert haben. Es ist nicht "das Andere", das viele Jugendliche so verzweifeln lässt, dass sie Essstörungen oder eine Computersucht entwickeln, Alkohol, Drogen oder Antidepressiva nehmen.

Es ist nicht "das Andere", das einen großen Teil der westlichen Bevölkerung von "Glückspillen" abhängig macht, um Stress bewältigen zu können. Das alles sind nur Symptome eines Wirbelwind-Kapitalismus, der jeden fortweht, der nicht mithalten kann. Ein System, in dem Ethik nur ein Stein im Schuh ist. In diesem stetigen Kampf des Fortschritts zählen nur Adjektive: schneller, reicher, größer, mehr. Das führt zum Ruin der Menschheit und des Planeten.

Willkommen heißen statt einigeln

Wir müssen uns der Hygge-Decken entledigen und rausgehen. Wir müssen politische Lösungen für die Konflikte auf der ganzen Welt einfordern. Und wir müssen uns damit abfinden, dass das Streben nach Einkommensgerechtigkeit, der Bewahrung unseres Lebensraumes und der Sicherheit unserer Mitmenschen das Wachsen unseres eigenen Komforts verlangsamen könnte.

Wir müssen jene willkommen heißen, die verzweifelt an unseren Küsten Zuflucht suchen, und einsehen, dass wir Menschen aufeinander angewiesen sind. Nur wenn der sichere Hafen wirklich für alle offen ist, wird unser eigenes Hygge kein Raum für Eskapismus und Exklusivität sein, sondern eine wahre Energiequelle für die Verbesserung unserer geteilten Zukunft.

Zur Person
Janne Teller

Die Politikberaterin und Schriftstellerin Janne Teller.

Quelle: dpa

Die dänische Schriftstellerin Janne Teller (52) lebt in Berlin und New York. Die Makroökonomin war früher für die Europäische Union als Konfliktberaterin tätig und arbeitete für die UN. Ihr 2013 auf Deutsch erschienenes
Jugendbuch "Nichts – Was im Leben wichtig ist" war umstritten – weil es Heranwachsenden angeblich zu viel zumutete.

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