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Gastkommentar Schöner wohnen darf kein Privileg sein
Sonntag Gastkommentar
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20:00 22.01.2016
Schöner wohnen nur für Reiche? Hohe Immobilienpreise und immer strengere Bauauflagen machen bezahlbares Wohnen fast unmöglich. Quelle: Fotolia
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Beim Wohnen kann jeder mitreden, denn jede und jeder von uns wohnt. Lässt sich angesichts der Verhältnisse, in denen derzeit Flüchtlinge übergangsweise beherbergt werden müssen, ein Beitrag zum Thema noch so beginnen? Ja, denn der Satz wird ja dadurch nicht falsch.

Viele in unserem Land können sich ihr Zuhause nicht frei aussuchen, andere hingegen können mit Eifer und hohem finanziellem Einsatz ihre Traumwohnung realisieren. Dabei ist das frei stehende Einfamilienhaus immer noch die beliebteste Wohnform, obwohl gerade sie mit Nachteilen verbunden ist, die manche private Bauherren in ihrer Euphorie nicht wahrhaben mögen.

Fehlinvestition Einfamilienhaus

Das typische Einfamilienhaus auf der "grünen Wiese" trägt zur Zersiedelung der Landschaft bei und erzeugt tägliche Wege, die in vielen Familien nur mit dem Auto, mitunter sogar nur mit mehreren Autos bewältigt werden können. Durch hohe Bodenpreise sind die Grundstücke oft so klein, dass der erhoffte Paradiesgarten zum schmalen Handtuch schrumpft, der gerade mal die Mindestabstände der Bauordnung einhält.

Überdies wird die geplante Nutzung für die Familie in vielen Fällen nur verhältnismäßig kurz "gelebt": Spätestens wenn die Kinder aus dem Haus sind, ist dieses zu groß, doch wenn dann die alten Eltern aufgenommen werden sollen, ist es wieder zu klein oder zu unflexibel. Ob ein Haus vor der Stadt mit wenig Infrastruktur dann für das Wohnen im Alter tauglich ist, wird zunehmend bezweifelt.

Schließlich erweist sich auch die einkalkulierte Alterssicherung durch ein abbezahltes Häuschen in manchen Teilen unseres Landes als Trugschluss, wenn dort wegen einer schrumpfenden Bevölkerung die Nachfrage sinkt und der erhoffte Verkaufspreis nicht erzielt werden kann.

Abkehr von der Normwohnung

Aus ökologischer und stadtplanerischer Sicht – Stichwort: Bündelung der Infrastruktur – ist ein innerstädtisches Wohnen in angemessener Dichte also in der Regel vorzuziehen. Das muss heute nicht zu den Planungssünden vergangener Jahrzehnte führen, als abwechslungslose Normwohnungen für Kleinfamilien aufeinandergestapelt wurden.

Architekten planen heute ein Repertoire von gemischt genutzten Bautypologien, wo mehrere Generationen zusammenleben können, wo die Unterschiede von Wohnen und Arbeiten verwischen dürfen und wo Gemeinschaftseinrichtungen wie Dachterrassen, Versammlungsräume oder separate Gästezimmer das Wohnangebot erweitern.

Besonders überzeugende Beispiele liefern in den vergangenen Jahren sogenannte Baugruppen, bei denen sich zukünftige Nutzer verschiedenen Alters und verschiedener sozialer Herkunft zusammenschließen und gemeinsam auf das Abenteuer eines Neu- oder Umbaus einlassen. Architekten moderieren hier von Anfang an die verschiedenen Interessen und lassen die Bauherren von ihrer Erfahrung profitieren. Ein Bauträger als Investor wird in dieser Konstellation nicht benötigt, was zu einer deutlichen Kostensenkung führt.

Luftdicht verpackt: Energieauflagen führen vielerorts zu dicken Styroporschichten an den Fassaden. Das führt oft zu schlechterem Wohnklima, Schimmel und teuren Nachbesserungen. Quelle: Armin Weigel / dpa

Hohe Qualität zu tragbaren Kosten ist also anzustreben. Doch hier stoßen wir auf einen merkwürdigen Antagonismus: Derselbe Staat, der sich das "bezahlbare Wohnen" als politische Aufgabe verordnet hat, steigert gleichzeitig die Kosten durch immer höhere Anforderungen an die Standards des Bauens wie Brandschutzauflagen, Stellplatznachweise und vor allem die weiter verschärfte Energieeinsparverordnung.

All diese Ziele sind für sich genommen gut gemeint, in der Summe führen sie allerdings dazu, dass selbst gemeinnützige Wohnungsunternehmen bestimmte Mindestmieten nicht unterschreiten können, um ein Projekt wirtschaftlich darzustellen. Das wird noch dadurch verschärft, dass die öffentliche Hand durch eigene Verordnungen gezwungen ist, Bauland zum Höchstgebot zu veräußern.

Erst langsam macht sich hier ein Umdenken breit. Eine vergünstigte Vergabe von Grundstücken für politisch gewollte, gemeinwohlorientierte Projekte ist aber bisher immer noch die Ausnahme. Bei einem Areal in Berlin-Kreuzberg konnte kürzlich erst durch ein Veto des dafür eigentlich nicht zuständigen Bundesrats ein Verkauf zum Höchstgebot zugunsten einer von Bürgerinitiativen und Politikern gewünschten Konzeptvergabe gestoppt werden.

Intelligente Planung statt Auflagen-Exzess

Besonders kostentreibend ist die Reduktion des an sich richtigen und wichtigen Zieles des Klimaschutzes auf die Wärmedämmung der Fassaden. Hier sind inzwischen technokratische Exzesse zu verzeichnen: Die immer stärkere luftdichte Verpackung der Wände führt dazu, dass zur Vermeidung von Schimmel mechanische Zwangslüftungen eingebaut werden müssen, die wiederum mit einer Wärmerückgewinnung ausgestattet sind.

Hier wäre eine viel ganzheitlichere Betrachtung zu wünschen, die bei einer verdichteten städtebaulichen Gebäudeanordnung beginnt, mit einer intelligenten Planung der Häuser unter Berücksichtigung natürlicher Gegebenheiten wie dem gezielten Eintrag von Sonnenwärme noch lange nicht aufhört und schließlich das Gebäude auch über seine gesamte Nutzungsdauer betrachtet – dabei die "graue Energie" in die Ökobilanz einbezieht, die beim Bau des Hauses aufgewendet und bei einem eventuellen Abriss wieder vernichtet wird.

Der Berufsstand der Architekten ist darin ausgebildet, das große Ganze im Blick zu behalten. Eine intelligente Planung kann so manche verordnete Kostensteigerung wieder kompensieren. Aber es gibt Grenzen. Der Gesetz- und Verordnungsgeber muss durch aktive Liegenschaftspolitik und eine maßvolle Beschränkung seiner ordnungspolitischen Ansprüche seinen Anteil am bezahlbaren Wohnen leisten. Dann gibt es eine gute Chance, dass jeder "seine" Wohnung findet.

Zur Person

Heiner Farwick ist freier Architekt und seit 2013 Präsident des Bundes Deutscher Architekten BDA. Er lehrte an der Hochschule Bochum und an der Universität Dortmund.

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