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Sollen die Kinder länger schlafen, Frau Schröder?

Gastbeitrag von Dr. Kristina Schröder Sollen die Kinder länger schlafen, Frau Schröder?

Schon um 6 Uhr oder früher müssen sich viele Jugendliche gegen ihre innere Uhr aus dem Bett quälen. Würden Schulen mehr Rücksicht auf die naturgegebenen Schlaf- und Wachzyklen Heranwachsender nehmen, müssten Wecker und Schulglocke jeweils eine Stunde später schrillen, meint Dr. Kristina Schröder.

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Früher schlafen gehen? Der Biorhythmus vieler Jugendlicher erlaubt das nicht. Schulen sollten mehr Rücksicht darauf nehmen, meint Dr. Kristina Schröder.

Quelle: dpa

Wer kleine Kinder hat, kennt es aus eigener, leidvoller Erfahrung: Kleine Hände zerren auch am Wochenende, wenn man endlich mal etwas länger schlafen könnte, schon um 6.30 Uhr an der Bettdecke. Die Chronobiologie, die Lehre der biologischen Rhythmen, ist schuld: Kleinkinder sind zumeist Morgentypen, sogenannte "Lerchen", deren Leistungshoch am Morgen liegt. Für uns Eltern ist es dagegen eher gewöhnungsbedürftig, um 8.30 Uhr schon eine Stunde gepuzzelt, fünf Bilder gemalt und unzählige Bücher vorgelesen zu haben.

Je älter die Kinder aber werden, desto mehr verschiebt sich ihr Biorhythmus nach hinten. Das belegen viele Studien von Schlafforschern und Biologen. Etwa im Alter zwischen zwölf und 14 Jahren werden die meisten Kinder zu Abendtypen, sogenannten "Eulen". Ihr erstes Leistungshoch liegt dann am späten Vormittag oder Mittag, das zweite nachmittags oder sogar abends.

Ihr Einschlafzeitpunkt verschiebt sich kontinuierlich nach hinten, während sie morgens oft aus dem Tiefschlaf wachgerüttelt werden müssen, damit sie es rechtzeitig in die Schule schaffen. Auch ich erinnere mich gut daran, wie übermüdet ich oft in der Schule war (mein wöchentlicher Tiefpunkt war die "Lateinisch-Sprechen-AG" dienstags um 7.15 Uhr) und dann am Wochenende 14 Stunden am Stück Schlaf nachholte.

Einfach früher ins Bett?

Alle fröhlichen Frühaufsteher – und darunter sind gewiss viele Lehrer – werden mir jetzt entgegnen, die Kinder sollten doch einfach früher ins Bett gehen und nicht die halbe Nacht fernsehen oder Computer spielen. Dann schliefen sie länger und die Welt wäre in Ordnung. So einfach ist es aber nicht. Die meisten Jugendlichen können schlicht nicht vor 22 oder 23 Uhr einschlafen, egal wie früh sie ins Bett gehen.

Und es stimmt auch nicht, dass die Jugendlichen einen späteren Schulanfang nutzen würden, um noch später ins Bett zu gehen: Für eine US-amerikanische Studie ließen Forscher an einer Modellschule den Unterrichtsbeginn von 8 Uhr auf 8.30 Uhr verlegen. Es zeigte sich, dass die Jugendlichen nicht länger aufblieben, sondern zur gleichen Zeit wie sonst ins Bett gingen. Durch den zusätzlichen Schlaf waren sie aber fitter, ausgeglichener und ihre schulischen Leistungen verbesserten sich.   

Langer Schulweg, kurze Nacht

Da die Schulen in Deutschland auf die chronobiologischen Rhythmen der Schüler bislang kaum Rücksicht nehmen, beginnt der Unterricht hierzulande meist zwischen 7.30 und 8.15 Uhr. Besonders in der ersten und zweiten Stunde können daher viele Schüler nachgewiesenermaßen nicht ihr volles Leistungspotenzial ausschöpfen.

Und auch in den Stunden danach sind sie oft schlicht müde. Kein Wunder: Viele der Schüler haben nur sieben Stunden geschlafen, manche sogar noch weniger. Die Schüler in ländlichen Gebieten trifft es besonders hart: Sie müssen zum Teil vor 6 Uhr aufstehen, um ihren Schulbus nicht zu verpassen.

Sozialer Jetlag

Studien des Zentrums für Chronobiologie an der Universität München belegen, dass der permanente Konflikt zwischen der biologischen Uhr und den gesellschaftlichen Zeitplänen zu einem chronischen Jetlag führt. Die Betroffenen schlafen oft schlecht, sind am Tag müde und haben Schwierigkeiten, mit ihren alltäglichen Anforderungen fertigzuwerden.

Außerdem greifen sie öfter zu Stimulanzen, insbesondere zu Zigaretten, aber auch zu Alkohol. Dies muss uns ganz besonders aufhorchen lassen, weil die meisten Raucherkarrieren in der Jugend beginnen, also genau in der Phase, in der der soziale Jetlag am größten ist.

Ich bin insofern der Meinung, dass wir unseren Kindern sehr viel zumuten, wenn wir sie – zum Teil ohne Not – entgegen ihrem idealen Rhythmus zur Schule schicken und sie so oft einer ständigen Müdigkeit aussetzen. Ihr Wecker sollte später klingeln! Deswegen halte ich einen späteren Schulbeginn, wie in den meisten europäischen Ländern etwa um 9 Uhr, für vernünftig. Dies hätte zudem den Vorteil, dass wir unsere Kinder in den Wintermonaten nicht in völliger Dunkelheit aus dem Haus schicken müssten.

Flexiblerer Schulbeginn

Gleichwohl ist klar, dass eine solche Umstellung zu neuen Koordinationsproblemen in Familien führen wird, etwa wenn der Arbeitsbeginn der Eltern früher liegt als der Schulbeginn. Ich kenne jedoch auch viele Eltern, besonders in akademischen Berufen, die erst um 9 Uhr mit der Arbeit beginnen und froh wären, wenn sich der Rhythmus ihrer Kinder etwas nach hinten verschöbe und sich so ihrem eigenen annäherte.

Um keine Familie in Bedrängnis zu bringen, ist eine Betreuung vor Schulbeginn ab 7.30 Uhr entscheidende Voraussetzung für einen späteren Schulbeginn. Wenn dies aber gegeben ist, profitieren meines Erachtens alle: der Großteil der Kinder und auch die Eltern mit frühen wie mit späten Arbeitszeiten. Insbesondere Ganztagsschulen hätten also alle Möglichkeiten – und ich finde, sie sollten sie nutzen.

Der gesellschaftliche Trend geht hin zur Ganztagsschule, weil immer mehr Eltern sich diese Schulform für ihre Kinder wünschen. Ich halte es für eine große Chance, diese Entwicklung zu nutzen und den späteren Schulbeginn an Schulen, die ohnehin ein Mittagessen für ihre Schüler anbieten, auszuprobieren. Die verschobene Schulzeit könnte sich für sie sogar als Wettbewerbsvorteil gegenüber Halbtagsschulen erweisen.

Schulen können selbst entscheiden

Ich komme aus Hessen und hier wird an vielen Grundschulen schon der "offene Anfang" praktiziert: Die Kinder können ab 7.30 Uhr kommen und etwa Hausaufgaben erledigen. Der Unterricht nach Stundentafel – und mit ihm die Anwesenheitspflicht – beginnt aber erst um 8.30 Uhr. Ich hoffe, dass auch viele weiterführende Schulen hier bald nachziehen. Denn gerade für Jugendliche in der Pubertät ist die Mathearbeit in der ersten Stunde eine besondere Qual und sie könnten von einem anderen Schulrhythmus besonders profitieren.

Gesetzlich wäre dies kein Problem, denn in den meisten Bundesländern dürfen die Schulen selbst entscheiden, wann sie mit dem Unterricht beginnen. Akut betroffene Familien rufe ich daher dazu auf, in den Schulen selbst aktiv zu werden. Wenn eine nennenswerte Zahl an Eltern einen späteren Schulbeginn fordert, wird man in einer Schule darüber diskutieren müssen, etwa in der Schulkonferenz, in der auch Eltern und Schüler vertreten sind.

Leben im eigenen Rhythmus

Und dann finden sich sicher Schulen, die sich für einen späteren Schulbeginn entscheiden und den Stein ins Rollen bringen. Am Anfang könnte etwa ein Pilotprojekt für die Oberstufe stehen – bei den 16- bis 18-Jährigen gäbe es auch keine Kollisionen mit den Arbeitszeiten der Eltern, denn diese Altersgruppe dürfte sich in der Regel morgens eigenständig fertig machen.

Ich weiß: Viele halten frühes Aufstehen für einen Ausweis besonderer Redlichkeit. Aber der Langschläfer, dem immer latent unterstellt wird, er wäre faul und würde wertvolle Lebenszeit vergeuden, schläft eben meist nicht länger, sondern nur später! Wenigstens unseren Kindern sollten wir nicht schon zumuten, permanent gegen ihren eigenen Rhythmus leben zu müssen.

Zur Person
Dr. Kristina Schröder

Plädiert für einen späteren Schulbeginn: Dr. Kristina Schröder

Quelle: Laurence Chaperon

Dr. Kristina Schröder, Jahrgang 1977, ist CDU-Abgeordnete im Deutschen Bundestag. Von 2009 bis 2013 war die Wiesbadenerin Bundesfamilienministerin.

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