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Warum #MeToo uns alle angeht

Gastbeitrag von Robert Franken Warum #MeToo uns alle angeht

Nach dem Skandal um den Filmproduzenten Harvey Weinstein berichten immer mehr Frauen weltweit über sexuelle Belästigung, Nötigung oder Vergewaltigung. Es wird nun Zeit, die Männer in die Pflicht zu nehmen – alle Männer.

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#MeToo ist eine ebenso erschreckende wie eindrucksvolle Kampagne zur Sichtbarmachung eines gesellschaftlichen Problems riesigen Ausmaßes.

Quelle: iStockphoto

Berlin. Die amerikanische Schauspielerin Alyssa Milano hat mit einem einzigen Tweet ein mediales Erdbeben ausgelöst. Sie schrieb am 15. Oktober bei Twitter: “If you’ve been sexually harassed or assaulted write ,me too’ as a reply to this tweet.“ Also übersetzt: “Wenn du sexuell belästigt oder angegriffen wurdest, schreibe ,me too’ als Antwort auf diesen Tweet.“ Fortan waren die Fluttore geöffnet.

Unter dem Hashtag #MeToo melden sich weltweit viele Tausend Frauen (und Männer) zu Wort und berichten über Dinge, die ihnen im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen widerfahren sind. Beziehungsweise: Sie berichten in der Regel gar nicht, sondern unterzeichnen die Aktion in den sozialen Medien mittels Hashtag und ihrem Namen oder Pseudonym. Dabei hat Alyssa Milano “Me too“ keineswegs erfunden. Tarana Burke, die afroamerikanische Gründerin der Jugendorganisation Just Be Inc., hatte unter diesem Motto bereits im Jahr 2007 dazu aufgerufen, mit den eigenen Erlebnissen in die Öffentlichkeit zu treten. Die aktuelle Aktion hat ein solches Echo hervorgerufen, dass mittlerweile Männer unter Hashtags wie #IHave (Ich habe (es getan)) oder #Guilty (schuldig) zugeben, Frauen sexuell bedrängt, belästigt oder missbraucht zu haben.

Aktueller Auslöser für die riesige Welle an zum Teil sehr persönlichen Leidensgeschichten ist der Skandal (ein Euphemismus!) um den einst mächtigen Filmproduzenten Harvey Weinstein. “Vom Machtspieler zum Paria in weniger als einer Woche“ titelte die Onlineausgabe der “L. A. Times“, und in der Tat verlief Weinsteins Abstieg mit atemberaubender Geschwindigkeit. Das ist sicherlich auch einer der Gründe für die mediale Brisanz der Causa Weinstein: seine Fallhöhe.

Kultur des Schweigens

Man muss bei der Geschichte aufpassen, dass man die Aufmerksamkeit nicht ausschließlich auf Harvey Weinstein richtet. Er ist Täter. Mehr noch: Emma Thompson bezeichnete ihn in einem BBC-Interview richtigerweise als “Raubtier“. Aufmerksamkeit aber verdienen die vielen Frauen, denen er und seinesgleichen Leid angetan haben. #MeToo ist eine ebenso erschreckende wie eindrucksvolle Kampagne zur Sichtbarmachung eines gesellschaftlichen Problems riesigen Ausmaßes.

Die Hashtag-Welle rollt, und sie nimmt einem fast den Atem. Sie schafft es, Menschen aus ihrer Filterblase zu holen, und sie hilft anzuerkennen, dass diese Art sexueller Gewalt ein systematisches Problem ist: ein Fakt, den man nicht negieren darf. Dennoch kritisieren einige Menschen die Aktion. Der Hashtag sei zu allgemein, als dass sich die dahinter liegenden Einzelschicksale differenzieren ließen. Diesen Menschen sei gesagt: Niemand hat Frauen vorzuschreiben, welche Details ihrer persönlichen Dramen sie öffentlich machen.

Harvey Weinstein ist bei Weitem kein Einzelfall. Vermutlich ist Weinstein die Spitze der Spitze eines riesigen, ekelerregenden Eisbergs an Unterdrückung, Machtmissbrauch und sexueller Gewalt. Die Frage, ob ein solcher Fall Weinstein auch in Deutschland denkbar wäre, ist allenfalls rhetorisch zu stellen. Vielleicht haben wir hierzulande keine mit Hollywood vergleichbare Filmindustrie, dafür aber Machtsysteme, die derartige Vorfälle nach wie vor in großer Zahl begünstigen. Zudem herrscht nach wie vor eine Kultur des Schweigens: Die Hürde für betroffene Frauen (und Männer), solche Dinge ruchbar zu machen, ist hoch. Zu hoch.

Nur Männer sind vom Ausmaß noch überrascht

Es dürfte mehrere Gründe dafür geben, dass es wieder einmal die Frauen sind, die ein Thema öffentlich machen, das für so viele Alltag ist: Sexismus, sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen. Es ist erschreckend, wie häufig #MeToo in unseren Timelines auftaucht. Nur Männer scheint das Ausmaß sexueller Gewalt noch zu überraschen. Man kann das nur mit Ignoranz erklären. Das Schweigen der Männer hat bei diesem Thema sicherlich noch weitere Gründe. Sehr viele Männer sind sich nach wie vor nicht dessen bewusst, dass sie auch dann Teil des Problems sind, wenn die Taten nicht von ihnen selbst ausgehen: Indem sie wegsehen, wenn andere übergriffig sind, schaffen sie den Nährboden für Sexismus und sexuelle Gewalt.

Ein “System Weinstein“, wenn man so verharmlosend überhaupt formulieren darf, ist nur möglich durch die vielen Menschen, die trotz besseren Wissens nicht den Mund aufmachen. Wer in diesem Zusammenhang meint, anmerken zu müssen, dass ja auch die Frauen lange Zeit geschwiegen hätten: Schämt euch! Für euer eigenes Schweigen. Für eure Ignoranz. Und für eure falsch verstandene Männlichkeit. Männer treten dann in Komplizenschaft, wenn sie sich nicht vehement und hörbar gegen jede Art von Übergriffen und Sexismus stellen. Und zwar auch und vor allem dann, wenn es für sie selbst unangenehm zu werden droht.

Warum alle Männer in der Pflicht sind? Weil jeder Mann jeden Tag in jeder Situation die Möglichkeit (und die Wahl) hat, ein Teil der Lösung zu werden. Ich spreche hier nicht vom Klischee des Weißen Ritters, der bedrängten Frauen zu Hilfe eilt. Stattdessen brauchen Männer eine Wahrnehmung ihrer selbst im jeweiligen Kontext. Sexuelle Belästigung und Sexismus sind nicht immer offensichtlich. Diese Dinge laufen häufig subtil ab.

Aggressoren ihre Deckung nehmen

Was man aktuell in den Kommentarspalten zu “Me too“ zu lesen bekommt, macht mitunter fassungslos. Da glauben manche Männer, die Deutungshoheit darüber beanspruchen zu können, wann es sich um Sexismus oder sexuelle Übergriffe handelt und wann nicht. Hier sind Demut und Respekt gefragt: Das Recht, ihre ganz individuellen Negativerfahrungen zu qualifizieren, liegt ausschließlich bei den Betroffenen.

Es wird im Zusammenhang mit der Thematik immer wieder von einer “Krise der Männlichkeit“ gesprochen. Diese Definition klingt stark nach Täter-“Opfer“-Umkehr. Wir sollten nicht von einer Krise sprechen, wenn so viel Misogynie und sexuelle Gewalt von einem Geschlecht ausgeht. “Toxische Maskulinität“ kommt der Sache vermutlich näher. Und sicherlich müssen wir uns unmittelbar mit den Ursachen dafür befassen, dass viele Männer ihre emotionale und körperliche Bedürftigkeit nur mittels Hass und Gewalt gegenüber anderen Menschen Ausdruck verleihen können. Und wir müssen über Machtausübung und Dominanz sprechen, die ursächlich sind für systematischen Missbrauch.

Schaffen wir einen Raum der Sicherheit für alle, die Diskriminierung und Missbrauch nicht aus der Distanz der Debatte erleben, sondern direkt betroffen sind. Sorgen wir in unseren unmittelbaren Umfeldern – beruflich wie privat – dafür, dass sich Menschen wertgeschätzt, geborgen und anerkannt fühlen. Zeigen wir den Aggressoren, dass sie mit unserem vehementen Widerstand zu rechnen haben. Beenden wir endlich das Schweigen und nehmen wir den Weinsteins dieser Welt ihre Deckung.

Zur Person: Robert Franken berät Unternehmen im digitalen Wandel und schreibt über Themen wie die Zukunft der Geschlechterrollen, Gender-Shift, die Arbeitswelt der Zukunft oder Digital Leadership. Der frühere Geschäftsführer von urbia.de und Chefkoch.de ist Beirat von Panda und Kitchen Stories und hat die Plattform Male Feminists Europe mitgegründet.

Von Robert Franken

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