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Warum wir mit dem Internet nicht umgehen können

Gastbeitrag zur digitalen Überforderung Warum wir mit dem Internet nicht umgehen können

Informationsflut, Nonstop-Unterhaltung, Befriedigung ohne Aufschub: Das Internet hat uns scheinbar einen Raum unbegrenzter Möglichkeiten eröffnet – um den Preis, dass wir gierig und ungeduldig geworden sind und kaum noch selbstständig denken.

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Sofortige Befriedigung, nur einen Klick entfernt: Durch das Internet verlernen wir, uns Belohnung zu erarbeiten, meint Medienwissenschaftler Roberto Simanowski.

Quelle: iStock

Hannover. Das Internet hat ein ernsthaftes Reputationsproblem, und zwar nicht erst, seit Donald Trump mit der Hilfe von Facebook und Twitter, wie es heißt, Präsident der USA geworden ist. Schon vorher war der Lobgesang auf das Internet als Ort radikaldemokratischer Kollaboration und kollektiver Intelligenz verklungen. Es mehrten sich die Klagen über „digitalen Burnout“, „digitale Depression“ und „digitale Demenz“ – um nur drei deutsche Buchtitel der letzten Jahre zu nennen.

Bei all dieser „digitalen Hysterie“, so ein weiterer Titel aus dem Jahr 2016, gibt es natürlich auch Gegenstimmen, wonach alles gar nicht so schlimm sei und das Internet unsere Kinder weder dumm noch krank mache. Aber auch hier wird das eigentliche Problem übersehen: Das Internet ist nicht schlecht für uns, weil es uns zu seinen Opfern macht, sondern weil es uns so willig zu Diensten ist.

Versetzen wir uns zurück in die frühe Kindheit. Wir sind vier Jahre alt, der Onkel hat uns ein Marshmallow gezeigt und ist aus dem Zimmer gegangen. Wir können ihn zurückrufen und bekommen dann das Marshmallow. Wenn wir warten, bis er von selbst zurückkehrt, erhalten wir zwei. Der Onkel heißt Walter Mischel und ist ein österreichisch-amerikanischer Persönlichkeitspsychologe; das Marshmallow-Experiment hat er 1968 bis 1974 durchgeführt. Als er 1980/81 seine Versuchspersonen erneut besuchte, stellte er fest: Jene, die damals warten konnten, hatten intellektuell und sozial eine höhere Kompetenz entwickelt.

Unmittelbarer Genuss statt Geduldsprobe

Die Theorie zum Experiment heißt “present bias“ und “instant gratification“: Der Mensch zieht den unmittelbaren Genuss dem künftigen Vorteil vor; er leidet ungern jetzt, selbst wenn sich dies später auszahlen sollte. Man kennt diese Kurzsichtigkeit aus der eigenen Erfahrung, wenn man nicht mit dem Rauchen aufhören oder mit dem Sport anfangen will. Man kennt sie auch aus der Literatur, wenn jemand einen Pakt mit dem Teufel schließt und für Genuss in der Gegenwart seine Seele in der Zukunft verkauft.

Das Internet kam zunächst ganz im Sinne des Belohnungsaufschubs: als Geduldsprobe. World Wide Wait hieß das WWW um 1995, als man zwischen dem Aufruf und dem Aufbau einer Website noch Kaffee kochen konnte. Heute gibt es Breitband und 5G. Was nicht sofort erscheint, wird weggeklickt.

Die Sofortbelohnung ist nicht der einzige Verstoß des Internets gegen die Einsichten der Psychologie. Ein anderer heißt Kontrolle. Allerdings nicht über, sondern durch das Individuum: Kontrolle der Information, der man ausgesetzt ist, und der Menschen, mit denen man zu tun hat. Das Konzept nennt sich “Personalisierung“ und operiert zum Teil mit Algorithmen, die uns auf Facebook und anderswo auch mal ohne Rückfrage in einer Filterblase einhegen. Das klingt dann wie Fremdbestimmung, ist aber im Grunde nur die Durchsetzung eines menschlichen Impulses mit technischen Mitteln. Das Individuum ist nicht das Opfer, sondern der Täter, was die Sache keineswegs besser macht: Denn leichter ist es, sich von Tyrannen zu befreien als von sich selbst.

Der Mensch ist selbst sein ärgster Feind

Was schief lief mit dem Internet, ist nicht nur die Kommerzialisierung und Zentralisierung der Kommunikation, die uns zu Opfern von Internetgiganten und Geheimdiensten macht. Das Problem ist, dass uns das Internet alles gibt, was wir wollen: maßgeschneiderte Information, Unterhaltung ohne Grenzen, Befriedigung ohne Aufschub.

Der Mensch ist sein ärgster Feind. Sportler wissen das und suchen sich, wenn sie was werden wollen, strenge Trainer. Kinder wissen es noch nicht und ärgern sich, wenn ihre Eltern sie im Restaurant nicht Pommes essen und Smartphone gucken lassen. Ebenso lieben Schüler gerade jene Lehrer, die keinen Stress machen. Wie verfluchte ich jene Professoren, derentwegen ich die Samstagabende mit viel zu komplizierten Texten verbrachte. Gepriesen sei ihre Weisheit und Kraft, auf meine Liebe warten zu können.

Ein Blick in die Bibliotheken bezeugt das Elend: Studierende lesen mit leuchtenden Augen, die Bücher auf dem Tisch, das Smartphone in der Hand, die neuesten Posts ihrer sozialen Netzwerke, die immer viel amüsanter sind als das, was in den Büchern verstanden sein will. Die neuen Medien machen es leicht, sich jeder Schwierigkeit zu entziehen. Welche Chancen hat ein Buch gegen Facebook?

Das Pandorageschenk unserer Zeit

Das Internet ist das Pandorageschenk unserer Zeit. Es schafft eine Kultur der Sofortbefriedigung, in der bei jeder Anstrengung der Spaß immer nur einen Klick entfernt ist. Vergessen ist die Losung der Sportler “Ohne Schweiß kein Preis“, gesiegt haben die “Loser“, wie der Trainer sagen würde, die “Weichlinge“ und “Drückeberger“.

“Alles Schlechte ist gut für dich“, so lautet ein Buchtitel des Amerikaners Steven Johnson aus dem Jahre 2005. Zwölf Jahre später ist es Zeit, den Spieß der Analyse umzudrehen: Alles Gute ist schlecht für dich! Zumindest ist Skepsis geraten gegenüber dem gefühlt Guten, das uns nicht selten der Chance beraubt, über uns hinauszuwachsen: als Sportler, Studenten und Leser.

Roberto Simanowski ist Medienwissenschaftler. Zuletzt erschienen bei Matthes & Seitz seine Bücher “Facebook-Gesellschaft“ (238 Seiten, 20 Euro) und “Abfall. Das alternative ABC der neuen Medien“ (186 Seiten, 15 Euro).

Von Roberto Simanowski

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