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Was wollen die, die vom Krieg reden?

Gastbeitrag von Ulrike Guérot Was wollen die, die vom Krieg reden?

Seit den Anschlägen von Paris ist ein gefürchtetes Wort wieder oft zu hören: Krieg. Eine angemessene Rhetorik? Nein, meint die Politologin Ulrike Guérot. Denn wer so redet, verfolgt womöglich ganz andere Ziele als die Verteidigung unserer Werte.

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Alle schreiben vom Krieg: Die Soziologin Ulrike Guérot fragt sich, wohin das in Europa führen soll.

Quelle: privat

1889 veröffentlichte Bertha von Suttner den Roman "Die Waffen nieder!", der ein Welterfolg wurde. Sie beschrieb die Schrecken des Krieges. Offensichtlich sehnen wir uns regelrecht nach "Krieg". Das Wort ist seit den schrecklichen Anschlägen von Paris in aller Munde. "Krieg" steht auf den meisten Titelseiten, sogar der Papst hat es in den Mund genommen.

So schnell geht das also. Letztes Jahr haben wir noch aufwendig die Erinnerung an 1914 zelebriert (und dass so etwas nie mehr passieren soll!); dann waren wir gerade noch damit beschäftigt, das "Friedensprojekt Europa", das uns plötzlich nicht mehr schmeckt, sang- und klanglos zu beerdigen. Jetzt ist also schon Krieg. Die Zeitenwende geht wirklich sehr schnell in diesen Tagen.

Ein Hauch von Mobilmachung

Schon werden Flugzeugträger versetzt, ein Hauch von Mobilmachung liegt in der Luft. Um es vorwegzusagen: Die Anschläge auf Paris waren heimtückisch, martialisch und barbarisch und sind durch nichts zu entschuldigen. Indes, nur einen Tag vor Paris, töteten zwei Selbstmordattentäter in Beirut mehr als 40 Menschen – wo war da der Aufschrei in den westlichen Medien? #Pray for Paris auf Twitter. Ja, wir sind alle Paris! Wer aber trauert um die Toten von Beirut? Jetzt soll "Krieg" sein, nur weil es um unser Leben geht?

Wer vom Krieg redet, muss sagen, was er will. Krieg ist ein völkerrechtlicher Begriff. Man tritt aus der zivilen Normalität heraus. Werden wir formal den Krieg erklären und, wenn ja, wem? Dem IS – der Staat sein will aber keiner ist? Und was ist unser Kriegsziel? Die vollständige Vernichtung des IS und die vollständige Befreiung des syrischen Volkes?  Eine Art "Normandie-Landung", als 1944 die tapferen Alliierten Europa von Hitler-Deutschland befreit haben? Wenn dem so wäre – ich bin keine Pazifistin –, so wäre ich womöglich dafür. Aber Bodentruppen wollen wir natürlich nicht. Denn die unangenehme Wahrheit ist: Wir wollen nicht unsere Werte, sondern unsere Sicherheit, unser Leben und unseren Wohlstand (aber bitte nur für uns!) verteidigen.

Aufrüstung als Sackgasse

Wenn es um die Verteidigung unserer Werte ginge, dann hätten wir diese schon lange verteidigen sollen: bei jedem Youtube-Video mit der Hinrichtung eines westlichen Journalisten; als Boko Haram letztes Jahr 200 Mädchen entführt hat – und die schon längst kein Thema mehr sind; oder spätestens, als IS im Mai dieses Jahres in Palmyra einen Teil des Weltkulturerbes in die Luft gesprengt hat. Aber dazu waren wir eben nicht bereit. Ja, wir haben den Kurden Waffen gegeben und ein paar – unbemannte – Drohnen geschickt.

Mit dem Gerede von der "Verteidigung unserer Werte" wird letztlich nur der Steigbügel gehalten für eine maßlose Aufrüstung von Polizei- und Sicherheitsmaßnahmen in ganz Europa. Das aber führt in die Sackgasse, weil der IS damit genau das bekommt, was er will: dass wir uns selber unserer Freiheit berauben und demnächst unter Videokameras ins Restaurant gehen, den Pass beim Kirchgang zeigen und uns beim Kinobesuch die Tasche auf Waffen untersuchen lassen. Auch eine maßlose militärische Aufrüstung für die jetzt im Handumdrehen mehr Geld mobilisiert werden dürfte, als wir für die Flüchtlinge je bereitwillig ausgegeben hätten, steht zu befürchten.

Navid Kermani hat in Frankfurt gesagt: "Die Liebe zum Eigenen erweist sich in der Selbstkritik." Vielleicht ist das jetzt unsere Aufgabe? Anstatt moralisch wie real aufzurüsten, Schutzwälle zu ziehen und den dritten Weltkrieg auszurufen, sollten wir vielleicht einmal damit anfangen, unsere moralische Überlegenheit einmal kritisch zu hinterfragen.

Wir sind nicht mehr die Guten

Die tief empfundene Unstimmigkeit zwischen unseren proklamierten Werten und der Realität ist nämlich der Nährboden des IS. Wir treten unsere "Werte" mit Füßen, ganz egal, wohin wir schauen. Wir rüsten die Saudis bis an die Zähne auf, kooperieren mit den miesesten afrikanischen Staatschefs, erliegen dem Diktat des Geldes und stellen gerade unter Beweis, wie wenig uns ein Flüchtlingsleben wert ist. Ganz abgesehen davon, dass wir uns nicht schwertun, ganze Bevölkerungsschichten in den sozialen Abgrund zu stürzen und dabei auch noch Raubbau am Planeten in gigantomanischer Manier zu betrieben. Wir sind ganz sicher die Reichen; aber in den Augen vieler schon lange nicht mehr die Guten.

Vielleicht will uns der IS das sagen? Und vielleicht wollen wir genau das nicht hören? Uns erscheint es schleierhaft, ja abscheulich, dass junge Muslime lieber den "Ehrentod" wählen, als ein deklassiertes Leben in unseren Gesellschaften zu führen. Und es ist abscheulich, dass sie andere dabei in den Tod ziehen. Solange wir aber nicht begreifen, dass jedes Menschenleben gleich viel Wert hat, so lange haben wir den Krieg gegen den IS schon verloren, noch bevor er richtig angefangen hat.

Währung: Menschenleben

Denn wir vergessen, dass die Begriffe, Anstand, Moral und Scham immer der eigentliche Kitt von Gesellschaften waren. Aber mit diesen Begriffen können wir nicht mehr viel anfangen. Bei uns sind Menschenleben sehr teuer. Für den IS aber sind sie unbezahlbar. Deshalb kann man seine jungen Krieger nicht "kaufen". Genau das macht den IS so stark. Der IS führt seinen asymmetrischen "Krieg" mit einer Waffe, die zugleich seine Währung ist und in der wir nicht bezahlen können: Menschenleben. Das ist unsere Achillesferse, auf die der IS seine giftigen Pfeile zielt.

Nicht die umfangreichsten Sicherheitsmaßnahmen werden diese Achillesferse absichern. Mit jeder Drohne, mit der wir – unbemannt – Bomben abwerfen und IS-Stellungen bombardieren, wird er unsere Städte in Europa in die Luft sprengen, und wir werden immer nur mehr Angst haben. Man kann es auch mit dem römischen Philosophen Juvenal sagen: "Betrachte es als die größte Scham, das nackte Leben höher zu stellen als die Scham; und um des Lebens willen die Gründe, für die es sich zu leben lohnt, zu verlieren."

Zur Person

Ulrike Guérot ist Gründerin und Direktorin des European Democracy Lab an der European School of Governance und Dozentin für Europäische Integration an der Europa Universität Viadrina.

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