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Wer Raumfahrt kann, kann alles

Gastbeitrag von Pascale Ehrenfreund Wer Raumfahrt kann, kann alles

Angesichts von Milliardenkosten fragen viele: Wie lassen sich teure Raumfahrtmissionen rechtfertigen? Doch im 21. Jahrhundert gilt mehr denn je, dass die Raumfahrt Wissen schafft, das uns auch auf der Erde hilft: im Umweltschutz, in der Industrie und auch in der Medizin.

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Raumfahrt bleibt auch 50 Jahre nach "Sputnik" eine große Faszination. Denn sie zeigt, was möglich ist, so Pascale Ehrenfreund, Vorsitzende des DLR.

Quelle: Fotolia

Der Mensch ist ein bemerkenswertes Wesen. Getrieben von Neugier, dem Streben nach immer neuem Wissen und dem Verlangen, Grenzen zu überschreiten; in die Tiefsee vorzudringen, Berge zu besteigen, den Weltraum zu erobern. Was wir wissen, ist uns nie genug. Jede Antwort generiert zehn neue Fragen. Der dauerhafte Zustand von geistiger Sättigung ist nicht unsere Natur, wurde uns nicht mit auf unseren evolutionären Weg gegeben.

Wissen macht immer Lust auf mehr. Der Mensch unserer Zeit behauptet sich heute durch sein gezieltes Einwirken auf seine Umwelt, eine immer rasantere kulturelle Weiterentwicklung sowie sein historisches Bewusstsein, das ihn zu Zukunftsvisionen befähigt – resultierend aus dem über Generationen entstandenen Wissen. Ergo: Uns Menschen zeichnen Kreativität und Selbstreflexion aus.

Wissenschaft als Antrieb

Doch was machen wir daraus? Der Mensch schafft Wissen. Es liegt in seiner Natur. Wissenschaftlicher Ehrgeiz ist auch der Antrieb des modernen "Homo astronauticus", der danach strebt, die Geheimnisse und Möglichkeiten des Weltraums zu erkunden. Jahrhundertelang haben Wissenschaftler und Philosophen über das Wesen des "da draußen" nachgedacht und diskutiert. Aber erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist der Mensch dort wirklich angekommen.

Ein wichtiger Teil der Raumfahrt beschäftigt sich mit der elementaren Frage der Grundlagenforschung: Wie entstand das Leben? Wie entwickelte sich unsere Erde? Was ist die Beschaffenheit des Universums? Ein anderer Teil hingegen mit klaren Anwendungen, die heute kaum noch als solche wahrgenommen werden, unser tägliches Leben aber beeinflussen.

"Rosetta" ist der Name einer Esa-Kometenmission, der faszinierendsten und zugleich anspruchsvollsten Unternehmung der europäischen Raumfahrt. Elf Instrumente an Bord des "Rosetta"-Orbiters und zehn an Bord des aus Deutschland stammenden "Philae"-Landers erkundeten die Zusammensetzung des Kometenkerns sowie das Aktivwerden des Kometen auf seinem Weg um die Sonne. Grundlagenforschung pur.

Die Rosetta-Mission

Rosetta (künstlerische Darstellung) ist eine Raumsonde der ESA, die den Kometen Tschurjumow-Gerassimenko seit August 2014 umkreist. Gestartet wurde die Sonde am 2. März 2004.

Quelle: DLR / CC BY 3.0

Aber aus einem der Instrumente wurde bereits vor dem Start der Mission eine irdische Anwendung, eine Waldbrandkamera, entwickelt. Seit mehr als zehn Jahren stehen diese unter anderem in den Brandenburger Wäldern und haben dort Millionenschäden verhindert.

Der Astronaut Alexander Gerst hat 2014 auf seiner "Blue Dot"-Mission die Geschichte der deutschen bemannten Raumfahrt fortgeschrieben. Seit 1978 standen lebens- und naturwissenschaftliche Forschungen im Mittelpunkt bemannter Missionen mit deutscher Beteiligung. Aus Deutschland stammen das Spacelab, das ab 1983 auf dem Space Shuttle zum Einsatz kam, und das europäische "Columbus"-Labor, das mehr als 50 Prozent der wissenschaftlichen Kapazität auf der Internationalen Raumstation ISS abdeckt.

Forschungsergebnisse der vergangenen 15 Jahre haben Eingang gefunden in die Industrierobotik, die Augen- und Innere Medizin sowie den Automobilbau. Den Weg für diese Anwendungen haben staatliche Investitionen geebnet, deren Innovationen die Basis nicht nur für industrielle Technologien gelegt haben.

Raumfahrt wird zu "ALL-tag"

Zu diesen Technologien gehören auch die Kommunikation, Navigation und Erdbeobachtung. Technologien, die in den Siebzigerjahren entstanden sind, finanziert von aufstrebenden Raumfahrtnationen. Oft wurde gefragt: Was soll das? Doch die technischen Entwicklungen im Laufe der Zeit haben den Nutzen der Raumfahrt bewiesen.

Teilweise wäre unser Leben ohne die Raumfahrt nicht mehr denkbar. Der Austausch von Informationen via Satellit, die Orientierung auf der Straße und in der Luft, Wetterbericht und Katastrophenschutz sind nur wenige Beispiele, wie die Raumfahrt unseren "ALL-tag" mitgestaltet.

In der Zukunft jedoch wird es notwendig sein, die Gesellschaft und ihre Bedürfnisse in die Planung und Gestaltung neuer Missionen miteinzubeziehen. Die Öffentlichkeit, die als Stake- und Shareholder fungiert, muss früher und stärker in die Frage eingebunden werden: Was wollen wir im Weltraum erreichen?

Innovationen für die Gesellschaft

Es ist eine interessante Aufgabe, die Bedürfnisse seitens der Gesellschaft zu erkennen, diese mit den Fragestellungen der Wissenschaftler und Ingenieure abzustimmen und daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Dabei sind gegenwärtig noch andere Entwicklungen zu beachten: die zunehmende Kommerzialisierung und der weiter wachsende Grad der Internationalisierung in der Raumfahrt.

Auch wenn der Mensch sich im Erdorbit festgesetzt hat, menschliche Sonden die Grenzen unseres Sonnensystems erreicht haben, so kennen wir heute keinesfalls das gesamte Innovationspotenzial, das die Raumfahrt noch ermöglichen wird.

Denn Raumfahrt als Technologietreiber zu bezeichnen bedeutet auch, Technologien aus der Raumfahrtforschung und -industrie für anwendungsbezogene Produkte und Dienste in ganz unterschiedlichen Bereichen des täglichen Lebens nutzbar zu machen. Von den existierenden Innovationen kann die Wirtschaft, insbesondere der Mittelstand, noch stärker profitieren, als dies bereits heute der Fall ist.

Technik am Rande des Möglichen

Doch ein Restrisiko bleibt. Raumfahrt ist immer Technik am Rande des Möglichen. Es ist aber genau das, was uns antreibt – das scheinbar Unmögliche zu wagen, gar zu schaffen.
Raumfahrt bleibt auch 50 Jahre nach "Sputnik" eine große Faszination. Denn sie zeigt, was möglich ist. Wer Raumfahrt kann, kann alles. Diese Überzeugung hilft unserer Gesellschaft, um den dringend benötigten Nachwuchs für Natur- und Ingenieurwissenschaften zu gewinnen.

Raumfahrt bietet ein attraktives, abwechslungsreiches und hoch dynamisches Arbeitsumfeld für eine Vielzahl von Berufen. Sie fordert zu Mut, Neugier und Lust an Erneuerungen heraus. So bietet Raumfahrt dieser und künftigen Generationen ein weites Feld von noch nicht gehobenen Innovationsschätzen.

Raumfahrt ist eine der bedeutendsten Entdeckungsreisen unserer Zeit, vergleichbar mit denen eines Christoph Kolumbus, Ferdinand Magellan oder James Cook. Ebenso wie diese erweitert sie unser Wissen über die uns umgebende Welt auf fundamentale Weise und eröffnet vielfältigen Nutzen. Raumfahrt ist eine der großen Leistungen und Chancen unserer Zeit.

Zur Person
Prof. Dr. Pascale Ehrenfreund

Prof. Dr. Pascale Ehrenfreund

Quelle: privat

Prof. Dr. Pascale Ehrenfreund ist eine österreichische Astrobiologin. Von September 2013 bis 2015 war sie Präsidentin des österreichischen Wissenschaftsfonds FWF. Nach ihr wurde der Asteroid (9826) Ehrenfreund benannt. Seit 2015 ist sie Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt.

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