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Wer ist wir?

Gastbeitrag von Ingo Schulze Wer ist wir?

Die Frage “Wer ist wir?“ wird durch den Einzug der AfD in den Bundestag umso drängender. Der Schriftsteller Ingo Schulze begibt sich auf die Suche nach der Identität der Deutschen und erklärt, weshalb so viele Ostdeutsche rechts wählten.

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Wie kann eine gespaltene Gesellschaft voller Ängste ein aufgeklärtes, selbstkritisches “Wir“-Gefühl entwickeln?

Quelle: iStockphoto

Berlin. Wenn es stimmt, dass sich die Lösung eines Problems am Verschwinden der Frage zeigt, dann deutet das Auftauchen einer Frage auf ein Problem. Haben wir ein Problem mit uns? Wer ist wir? Ich muss gestehen, ich bin, wie das Korrekturprogramm meines Computers, immer wieder über diese Formulierung gestolpert. Dieses Stolpern erzeugt eine Distanz zur Sprache. Vertraue ich meinem Gehör, so macht “Wer ist wir?“ aus dem korrekten einen “Wer sind wir?“ mehrere Wirs. Ich kann die Frage auch unterschiedlich betonen: “Wer ist wir?“ bedeutete: Das Wir hat eine Kontur und wäre bekannt, nur sein Verhalten gibt womöglich Rätsel auf. Frage ich hingegen “Wer ist Wir?“ werden Zweifel laut, ob ein Wir überhaupt existiert. Oder ich halte mich an das Hilfsverb, um zwischen beiden Möglichkeiten hin und her zu schaukeln.

Das Wir, in das ich 1962 in Dresden hineingeboren wurde, machte mich zu einem Kind der DDR. Der Staat, in dem ich aufwuchs, gab sich nicht damit zufrieden, dass ich sein Staatsbürger war. Er wollte sichergehen, dass ich es auch bliebe, und forderte außerdem ein aktives Bekenntnis zu seinem Wir, als hätte ein Kind da überhaupt eine Wahl, was aufgrund der Mauer gleich zweifacher Unsinn war.

Umso mehr wundere ich mich heute, wie leicht mir damals eine Antwort auf die Frage nach meinem Wir gefallen wäre. Denn noch lange über meine Jugendjahre hinaus hing ich der Überzeugung an, dass derjenige, der es wagt und dem es gelingt, die offensichtliche Wahrheit für alle hörbar auszusprechen, die Mehrheit zwangsläufig auf seiner Seite haben würde. Diese imaginäre Mehrheit betrachtete ich als mein Wir.

Mein Wir ging auf die Straße

Noch vor meinem 27. Geburtstag durfte ich erleben, wie zutreffend meine Wir-Vorstellung war: Mein Wir ging auf die Straße und eroberte gewaltlos Demokratie und Freiheit – Visafrei bis Shanghai. Dass mein Wir dabei nicht so homogen war, wie es sich mir noch bis in den November/Dezember 1989 hinein dargestellt hatte, drückte sich zeichenhaft in der Opposition der beiden Slogans: “Wir sind das Volk“ contra “Wir sind ein Volk“ aus. Ich war überrascht und irritiert, dass man sich nicht politisch, sondern national definieren wollte. Das Nationale allerdings ließ sich immer schwerer vom D-Mark-Patriotismus unterscheiden.

Selbst während des neoliberalen Galopps in die marktkonforme Demokratie gab es einzelne Entscheidungen, wie das Nein zum Irakkrieg, die Energiewende oder die Aufnahme von Flüchtlingen im September 2015, in denen sich mein Wir in Übereinstimmung mit dem nationalstaatlichen Wir befand. Entscheidungen, bei denen unterschiedliche deutsche Regierungen nicht dem Selbstlauf des politischen und wirtschaftlichen business as usual gefolgt waren, weckten Hoffnungen auf eine Politik, die so handelt, wie wir selbst behandelt werden wollen, eine Politik, die Artikel eins des Grundgesetzes global versteht.

Europa lebt noch immer von der Ausplünderung anderer

Spätestens als die Frage nach den Ursachen der Flucht von Millionen Menschen gestellt wurde, konnte sich das Selbstbild unseres großen Wirs nicht in den modernen Samaritern erschöpfen, die schon bald die Gestrandeten taxierten, wie brauchbar sie für Hof und Stall sein könnten. Doch bei der Diskussion der Fluchtursachen ging es vor allem um die Schleuser und die Sicherung der EU-Außengrenzen.

Die Ärzte von Lampedusa haben immer wieder darauf hingewiesen, dass es kaum Frauen und Jugendliche gibt, die Europa erreichen, ohne missbraucht worden zu sein. Wenn sie überhaupt Europa erreichen. Aber die Ursache der Flucht sind die Kriminellen nicht. Ohne Schleuser kein Selfie mit der Kanzlerin. Solange sie die einzige Möglichkeit bleiben, nach Europa zu kommen, klagen wir mit den Schleusern auch uns selbst an.

“Der Amerikaner, der den Kolumbus als erster entdeckte, machte eine böse Entdeckung.“ Ich wünschte, uns gelänge es mitunter wie Lichtenberg, die Perspektive zu wechseln. Wir wissen: Europa hat immer von der Ausplünderung anderer Kontinente, vor allem von Amerika und Afrika, gelebt und lebt bis heute davon. Es ist nicht schwer, einen Bogen vom Gold der Inkas und Azteken zum Kobalt des Kongo oder der argentinischen Sojabohne zu schlagen. Die entscheidende Frage dabei ist: Geht es uns gut, weil es den anderen schlecht geht?

Angst um die eigene Exklusivität

Mich macht oft die Hilflosigkeit derer fassungslos, die glauben, mit der Proklamation von Weltoffenheit und Willkommenskultur oder gar mit Befürchtungen zum Standortfaktor irgendetwas zum Besseren wenden zu können. Eine Haltung, die nur wünscht, dass die AfD-Wähler wieder verschwinden und der frühere Status quo zurückkehrt, verschlimmert die Situation nur. Diese Klientel, die lautstark, teils nationalistisch bis rechtsextrem, protestiert, hat Angst um den exquisiten Status, den die deutsche Staatsbürgerschaft ihr gewährt. Kein Wunder, dass jene, die noch nicht so lange dazuzählen und häufig das Gefühl hatten, Deutsche zweiter Klasse zu sein, nun besonders auffallen.

In dieser Angst um ihre Exklusivität aber treffen sie sich mit einem großen Teil der Bevölkerung. Jetzt rächt sich die Politik der letzten Jahrzehnte, die der Gesellschaft nicht viel mehr als Marktgläubigkeit anzubieten hatte, in der Privatisierung, betriebswirtschaftliche Effizienz und Wachstum die Kriterien nicht nur für die Ökonomie, sondern die gesamte Gesellschaft wurden und die eine Vereinzelung bewirkt haben, die ein Wir nur noch als Sentimentalität erträgt.

Als ich vorhin behauptete, ein Wir entstünde, indem ich etwas tue, ging ich von der Annahme aus, dass ich, wenn ich etwas beginne, damit nicht allein bleiben muss. Deshalb lassen Sie mich zum Schluss bekennen, dass ich einem Wir angehören will, das die Doppelbödigkeit der eigenen Existenz und Lebensweise nicht hinnimmt, auch wenn wir tagtäglich darin mit Haut und Haar verstrickt sind, ein Wir, das es leid ist, zu den bösen Entdeckungen gezählt zu werden, und deshalb nicht aufhört, der eigenen Gesellschaft wie sich selbst Fragen zu stellen, wie jene, ob wir gut leben, weil die anderen schlecht leben. Deshalb kann mein letzter Satz eigentlich nur lauten: Und was meinen Sie?

Zur Person: Ingo Schulze wurde 1962 in Dresden geboren. Gerade erschien sein Roman “Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“ über einen Mann, der die Verheißungen des Westens beim Wort nimmt. Dies ist die gekürzte Fassung seiner Rede bei den Darmstädter Gesprächen.

Von Ingo Schulze

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