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Wir brauchen ein Afrika

Gastbeitrag von Günter Nooke Wir brauchen ein Afrika

Wer eine Zukunft hat, muss nicht auf die Flucht gehen. Ein wirtschaftlich unabhängiges Afrika ist deshalb im ureigenen Interesse Europas. Es ist Zeit für eine Afrikapolitik, die diesen Namen verdient, meint Günter Nooke.

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Quelle: Getty Images

Hannover. Wer heute Afrika durchreist, kann schnellwachsende Städte mit modernen Geschäften und Bürohochhäusern wie überall auf der Welt finden; aber auch entlegene Dörfer mit traditionellen Hütten ohne jede Infrastruktur wie vor hundert Jahren. Hunger und Konflikte um Ressourcen, oft gewaltsam ausgetragen, gehören nicht der Vergangenheit an, sondern bestimmen den Alltag viel zu vieler Menschen. Gleichzeitig aber gibt es diese immer wieder überraschende Lebensfreude, eine woanders kaum anzutreffende Vielfalt von Menschen und wachsenden Stolz auf Erreichtes.

Die Dynamik auf dem afrikanischen Kontinent zeigt sich in hohen Wachstumsraten der Wirtschaft. Sechs der zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften liegen in Afrika. Innerhalb einzelner Länder nehmen aber auch die Unterschiede bei Einkommen und Vermögen zu. So befinden sich sieben der zehn Staaten mit dem höchsten Maß an Ungleichverteilung zwischen Arm und Reich ebenfalls in Subsahara-Afrika.

Ja, Afrika ist ein unheimlich dynamischer Kontinent, ein Kontinent im Aufbruch. Aber eben in dieser Doppeldeutigkeit: Was geschieht da wirklich im Verborgenen? Was bricht da auf bei dieser enormen Fortschrittsbewegung, und was wird für immer zerstört?

Es gibt kein Modell für ganz Afrika

Manchmal leben in einem einzigen Land mehr als 100 verschiedene Ethnien mit eigenen Sprachen und Lokalregionen. Es gibt die traditionellen Familien- und Clanstrukturen mit Codes, die für Europäer nur selten zu entschlüsseln sind. Früher kannten viele Menschen in Afrika weder ihren Staatschef noch den Staat, in dem sie leben. Die Grenzen dieser Staaten hatten die Europäer bei der Berlin-Konferenz 1884/85 gezogen; peinlich auf ihre eigenen Herrscherinteressen bedacht und ohne Rücksicht auf die Menschen in der Region. Das ist zwar Vergangenheit, wirkt aber bis in die Gegenwart.

All das macht deutlich: Es gibt kein Entwicklungsmodell für ganz Afrika. Wie sich einzelne Staaten entwickeln wollen, müssen sie selbst entscheiden. Erfolgreiche Entwicklung in Afrika bedeutet nicht, einfach nur die europäische nachzuholen oder die chinesische zu kopieren. Die Verantwortung dafür liegt bei den Staaten, meist direkt bei den Staats- und Regierungschefs. Sie müssen sich um das Wohl ihrer Bevölkerung kümmern, kümmern wollen. Die Verbrechen der Europäer in der Vergangenheit, seien es nun Sklaverei, Kolonialherrschaft oder – meist vergessen – die Auswirkungen des Kalten Krieges auf Afrika, sind keine Entschuldigung für verantwortungsloses und korruptes Regieren heute.

Europa hat ein Interesse an einem ernsthaften und partnerschaftlichen Gespräch darüber, was Afrika und Europa heute gemeinsam besser machen können, und ist bereit, weit mehr als früher dafür zu investieren. Es ist Zeit für eine europäische Afrikapolitik, die diesen Namen verdient. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat es so formuliert: Das Wohl Afrikas liegt im Interesse Deutschlands und Europas.

Sehnsuchtsort Europa

Heute haben in Afrika weit mehr Menschen ein Handy als Zugang zu sauberem Trinkwasser. Durch Internet und Smartphone werden Informationen wie überall auf der Welt schnell und einfach verfügbar und damit auch die Bilder davon, wie Menschen in anderen Erdteilen leben. Für viele Millionen junge Männer und Frauen ist Europa ein Sehnsuchtsort.

Dort will man hin, wenn es möglich und bezahlbar wäre. „Dort“ bezieht sich aber weniger auf das reale Leben in Europa. Das ist kaum bekannt und kann auch sehr unterschiedlich sein. „Dort“ meint die Werbebilder einer Konsumgesellschaft, wie sie sich auf den Touchscreens der Smartphones darstellt. „Dort“, wo Verwandte sind, die es schon geschafft haben. Aber warum wollen gerade so viele junge Menschen ihre Heimat und ihr Land verlassen? Die wenigsten wollen es, (sondern) die meisten würden antworten: Wir müssen gehen, weil wir (hier) zu Hause keine Perspektive sehen. Menschen in Europa machen sich zu wenig bewusst, wie aussichtslos und um wie viel anstrengender, gefährlicher und – wenn man europäischen Standard will – auch teurer das Leben in den meisten afrikanischen Ländern immer noch ist.

Wir in Europa können all die Menschen, die zu uns kommen möchten, nicht aufnehmen, ohne unser eigenes, gewohntes Zusammenleben aufzugeben. Unser demokratischer und sozialer Rechtsstaat wäre in seinen Fundamenten erschüttert, weil soziale Sicherungssysteme immer für eine begrenzte Anzahl von Personen ausgelegt sind.

Perspektiven schaffen

Es ist also ganz klar, worum es gehen muss: Perspektiven schaffen in Afrika, weniger Gewalt, weniger Willkür, mehr Arbeitsplätze für die vielen jungen Menschen, damit sie nicht ihre Heimat verlassen müssen, sondern zum Aufbau ihrer Länder und der Wirtschaft vor Ort beitragen. In der Welt gibt es bisher kein anderes Konzept für zunehmenden Wohlstand als das einer wachsenden und starken Wirtschaft.

Deshalb geht es auch in Afrika um eine selbsttragende Wirtschaftsentwicklung. Durch Investitionen werden Arbeitsplätze geschaffen und Abhängigkeiten verringert. Damit Industrialisierung in Afrika stattfindet, braucht es unter anderem: ein sicheres, stabiles Umfeld, verlässliche gesetzliche Rahmenbedingungen, eine unabhängige Justiz oder Schiedsgerichte, Fachkräfte, Zugang zum europäischen Markt und größere Märkte innerhalb Afrikas, also den Abbau von Handelshindernissen, und vor allem eine leistungsfähige Infrastruktur – Stromversorgung, Straßen, Schienenwege, Häfen mit moderner Containerlogistik und eine moderne IT-Infrastruktur, also flächendeckend schnelles Internet. Ohne private Unternehmen und Finanzierungen ist das nicht zu leisten. Wie das Umfeld für solch eine Entwicklung aussehen sollte, darüber reden wir bei der ersten großen Afrikakonferenz, die unter deutscher G-20-Präsidentschaft am 12. und 13. Juni in Berlin stattfinden wird: Investing in a Common Future.

Gerade Europa und Afrika sollten sich dabei als Weggefährten verstehen, die einen langen Weg vor sich haben. Beide werden nur überleben, wenn sie sich in einer neuen Weise aufeinander einlassen und miteinander verbinden.

Günter Nooke, 58, war 1989  Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs in der DDR Der CDU-Politiker ist seit 2010 Afrikabeauftragter der Kanzler

Günter Nooke, 58, war 1989 Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs in der DDR. Der CDU-Politiker ist seit 2010 Afrikabeauftragter der Kanzlerin, zuvor war er Menschenrechtsbeauftragter.

Quelle: Imago

 

 

Von Günter Nooke

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