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Wir hätten es wissen müssen

Gastbeitrag von Heinrich Geiselberger Wir hätten es wissen müssen

Autoritäre Staatschefs, verrohende Debatten und Demokratiedefizite: Schon in den Neunzigern prophezeiten führende Denker einen politischen und kulturellen Rückfall. Hätten wir nur auf sie gehört.

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Die Schattenseiten unserer Gier

Schon in den Neunzigerjahren sahen führende Denker ein “Jahrhundert des Autoritarismus“ voraus.

Quelle: Montage: RND, Fotos: Fotolia, DPA (4)

Berlin. Im Jahr 1992 brachte Swatch eine Sonderausgabe der bekannten Plastikuhr heraus. Sie hatte ein grünes Armband, funktionierte ohne Batterie und war mit dem Schriftzug “In Our Hands Earth Summit 92“ versehen. Sollte es je eine Ausstellung über die Neunzigerjahre geben, gebührt dieser Uhr darin ein Ehrenplatz. Gewidmet war sie dem UN-“Erdgipfel“ in Rio de Janeiro: Vertreter von 172 Staaten berieten über Probleme wie Hunger, Ungleichheit und Klimawandel. Die Absicht, globale Herausforderungen gemeinsam anzugehen, passte in die Aufbruchsstimmung jener Jahre, für die etwa das im September 1993 geschlossene Oslo-Abkommen stand. Für einen Moment schien es, als sei die Welt nach dem “Ende der Geschichte“ in eine Phase der friedlichen Kooperation eingetreten.

25 Jahre später ist von diesem Optimismus nichts mehr übrig, im Gegenteil: Im Weißen Haus sitzt ein Twitter-Troll, der das Pariser Klimaabkommen sabotiert und sich damit brüstet, die zweitgrößte nicht-atomare Bombe aller Zeiten eingesetzt zu haben. In ganz Europa brodeln Islamphobie und Ressentiments.

Großbritannien verabschiedet sich aus der EU, für den Bürgerkrieg in Syrien ist keine gemeinsame Lösung in Sicht, überall auf der Welt haben Politiker die Samthandschuhe ausgezogen. Man denke nur an den philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte, der seinen US-Amtskollegen Barack Obama 2016 als “Hurensohn“ bezeichnete. Kaum noch eine Spur von Hoffnung, Kooperation oder einem Bewusstsein für globale Verflechtungen. Stattdessen dominieren eine Verrohung des politischen Diskurses und das Versprechen, das jeweils eigene Land wieder “groß“ zu machen.

Prophetische Prognosen aus den Neunzigern

Als nach der Wahl Trumps die Erklärungsmaschinen angeworfen wurden, erinnerten viele Autoren an zwei aus heutiger Sicht prophetische Prognosen, die zurück in die Neunzigerjahre führen. So warnte der Soziologe Ralf Dahrendorf schon 1997, das 21. Jahrhundert könne das “Jahrhundert des Autoritarismus“ werden. Und der US-amerikanische Philosoph Richard Rorty listete 1999 eine ganze Reihe denkbarer Rückschritte auf, die uns heute gespenstisch vertraut vorkommen. Neben dem Aufstieg “ordinärer Demagogen“ malte Rorty eine Rückkehr der abwertenden Bemerkungen über Frauen und Angehörige von Minderheiten sowie ein Aufbegehren der Abgehängten an die Wand.

Das war die andere, die dunklere Seite der optimistischen Neunzigerjahre: das wachsende Bewusstsein für die Risiken einer an den Interessen transnationaler Konzerne ausgerichteten Globalisierung. Das Grundargument: Funktioniert die Wirtschaft erst einmal global, während die Politik weiterhin national organisiert ist, werde dies zu ökonomischen Schocks führen. In den Industriestaaten würden Arbeitsplätze verloren gehen, zwischen den Ländern ein gnadenloser Wettbewerb um die niedrigsten Steuersätze in Gang gesetzt.

Der Buchmarkt erlebte ab Mitte der Neunziger eine Flut globalisierungskritischer Literatur. Viele dieser Werke enthalten Sätze, die sich lesen, als seien sie gestern geschrieben worden. Wo heute von einer “Weimarisierung“ die Rede ist, fragten Hans-Peter Martin und Harald Schumann in “Die Globalisierungsfalle“ (1996), ob die Welt auf dem Weg “vorwärts in die Dreißigerjahre“ sei. In “Empire“, einem weiteren Kultbuch dieser Zeit, schreiben Michael Hardt und Antonio Negri, gerade die Verlierer der Globalisierung seien anfällig für “fundamentalistische Unternehmungen“. Wer dabei an den Front National denkt, liegt richtig: Genau diese Partei nannten Hardt und Negri als Beispiel. Im Jahr 2000, wohlgemerkt.

Die Wir/sie-Unterscheidung

Wie konnte es dazu kommen, dass plötzlich – in mehrfacher Hinsicht – diese Gespenster aus der Vergangenheit wieder auftauchen? Im Wesentlichen kann man darauf wohl zwei erste Antworten geben: Statt auch weiterhin gemeinsam darüber zu beraten, wie man Herausforderungen am besten angehen könnte, überließ man die Lösung dieser Probleme einfach dem freien Spiel der Marktkräfte.

Und an die Stelle des Bewusstseins, dass es für globale Probleme nur gemeinsame Lösungen geben kann, traten nationale Alleingänge und etwas, das Soziologen als Wir/sie-Unterscheidungen bezeichnen: “Wir“ fleißigen Deutschen gegen “die“ Griechen, die es mit der Haushaltsdisziplin nicht so genau nehmen; “wir“ Engländer gegen “die Fremdherrscher“ aus Brüssel. Kein Wunder, dass man so nicht zu gemeinsamen Lösungen findet. Weder für den Bürgerkrieg in Syrien noch für die nach wie vor grassierende Steuerflucht noch für die demokratischen Defizite der EU.

Der politische Kurs ist nicht “alternativlos“

Es ist also wenig überraschend, dass an die Stelle der kosmopolitischen Hoffnung von vor 25 Jahren Verunsicherung, Pessimismus und Zukunftsangst getreten sind. Der Umschlag von Zygmunt Baumans letztem Buch “Retrotopia“ zeigt eine Uhr, deren Zeiger rückwärts gehen. Der argentinische Autor Martín Caparrós schreibt in seinem aufrüttelnden Werk “Der Hunger“ resigniert: “Vielleicht erwarte ich zu viel, aber es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht frage, wann endlich die Zukunft zurückkommt.“

Was tun? Am Anfang muss die Einsicht stehen, dass man soziale Prozesse durchaus gestalten kann, dass der politische Kurs nicht so “alternativlos“ ist, wie oft behauptet wird. Der breite Widerstand gegenüber neuen Freihandelsabkommen wie TTIP zeigt, dass immer noch viele Menschen glauben, dass, so ein alter Slogan der Globalisierungskritiker, “eine andere Welt möglich ist“.

Eine Welt, in der Staaten vielleicht endlich ernsthaft an Lösungen für Probleme wie Steueroasen arbeiten, um nur ein Beispiel zu nennen, das mittlerweile selbst der EU-Kommission Sorgen macht. Sollte das gelingen, kommt womöglich auch der Optimismus von 1992 zurück. Und vielleicht gehen die Zeiger dann irgendwann endlich wieder in die richtige Richtung.

Zur Person: Heinrich Geiselberger ist Politikwissenaftler und Lektor im Suhrkamp Verlag. Zuletzt erschien der von ihm veröffentlichte Sammelband “Die große Regression“ (Suhrkamp. 319 Seiten, 18 Euro).

Von Heinrich Geiselberger

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