Startseite HAZ
Volltextsuche über das Angebot:

Wir können Frauen besser schützen

Gastbeitrag von Anke Domscheit-Berg Wir können Frauen besser schützen

Was in Köln passiert ist, darf sich nicht wiederholen. Doch es ist zu einfach, das Problem bei Männern mit Migrationshintergrund zu suchen. Gewalt gegen Frauen gibt es jeden Tag, überall. Die in Köln angestoßene Debatte kann uns helfen, das zu ändern, meint Anke Domscheit-Berg

Voriger Artikel
Wer Raumfahrt kann, kann alles
Nächster Artikel
Schöner wohnen darf kein Privileg sein

Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist allgegenwärtig, wird jedoch meist als Bagatelle behandelt. Die Vorfälle der Kölner Silvesternacht sollten zu einem besseren Schutz der Opfer führen.

Quelle: Fotolia

"Never waste a crisis" – Verschwende keine Krise –  so lautet das Motto von Birgitta Jonsdottir, einer isländischen Politikerin, die maßgeblich daran beteiligt war, im Zuge der großen Wirtschaftskrise Veränderungen in ihrem Land durchzusetzen. Seit der Silvesternacht in Köln reden wir auch in Deutschland von einer Krise, die auch uns die Chance bietet, überfällige strukturelle Verbesserungen zu erreichen.

Was in Köln passiert ist, ist furchtbar und darf sich nicht wiederholen. Es ist aber zu einfach, das Problem ausschließlich bei Männern mit Migrationshintergrund zu verorten. Wenn wir das tun, blenden wir die 99 Prozent des Problems aus, in denen deutsche Männer Frauen Gewalt antun.

Gewalt gegen Frauen gibt es jeden Tag

Für Opfer spielt es keine Rolle, welche Hautfarbe, Herkunft oder Religion ein Angreifer hat. Für eine attackierte Frau ist die Verletzung relevant, ob man ihr Glauben schenkt bei der Polizei oder vor Gericht, ob sie psychosoziale Betreuung vor und während eines Gerichtsprozesses erhält, und ob Täter verurteilt werden. Das alles gilt auch für männliche Opfer, aber Fakt ist: Die meisten Angreifer sind männlich, die meisten Opfer sexualisierter Gewalt sind weiblich.

Es sind Frauen, die nachts Angst haben allein in der U-Bahn mit einem Mann, oder wenn sie nachts die Schritte eines Mannes hinter sich hören – umgekehrt gilt das nicht. Es sind Frauen, die sich Schlüssel zwischen die Finger klemmen, um im Notfall ein Verteidigungswerkzeug zu haben.

Jede zweite Frau in der EU erfuhr bereits sexuelle Belästigung, 53 Prozent meiden bestimmte Orte aus Angst vor Gewalt. Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnet Gewalt gegen Frauen als pandemisches Problem. Weltweit – auch bei uns – werden Frauen täglich belästigt, geschlagen, vergewaltigt. Auf 160 000 Fälle wird die Dunkelziffer bei Vergewaltigungen geschätzt, nicht einmal jeder zehnte Fall wird angezeigt. Weniger als ein Prozent endet mit einer Verurteilung.

Anzeige bedeutet Spießrutenlauf

Ein Grund dafür ist der Spießrutenlauf, den Frauen oft durchleiden. Die Standardvorwürfe: Die Tat sei frei erfunden, die Frau sei irgendwie selbst schuld. Beim Täter sucht man nach Gründen, die ihn rechtfertigen: Es sei doch nur ein Missverständnis, Hormone hätten seine Kontrolle beeinträchtigt, die Tat sei Ausdruck von Begehren. Nach geltendem Recht enden die meisten Vergewaltigungen selbst bei eindeutiger Beweislage mit Freispruch.

Obwohl Deutschland schon im Jahr 2011 die Istanbul Konvention unterzeichnete, nach der jeder Geschlechtsverkehr gegen den eindeutig erkennbaren Willen einer Person als Vergewaltigung zu behandeln ist, gilt bei uns der Grundsatz "Nein heißt Nein" einfach nicht. Bei uns sind nur der erzwungene Geschlechtsverkehr bei Anwendung roher Gewalt, bei Androhung roher Gewalt oder bei Ausnutzung einer objektiv "schutzlosen Lage" strafbar.

Im realen Leben heißt das Freispruch, wenn ein Mann sich auf das Gesicht einer Frau setzt, um sie zu Oralsex zu zwingen, denn das Daraufsetzen wurde nicht als Gewalt, sondern als Teil der sexuellen Handlung ausgelegt. Es heißt Freispruch, wenn ein als gewalttätig bekannter Täter eine schreiende Minderjährige vergewaltigt, weil die Tür nicht verschlossen war und sie ja hätte wegrennen können. Es heißt Freispruch, wenn eine Frau nicht schreit, weil nebenan die Kinder schlafen.

Belästigung gilt als Bagatelle

Einer Frau unter den Rock zu greifen oder ihre Brüste zu begrapschen, ist kein Straftatbestand. Dies kann höchstens als "sexuelle Beleidigung" interpretiert werden, aber solche Verfahren werden oft eingestellt. Sexuelle Belästigung gilt als Bagatelle. Das war bisher anscheinend gesellschaftlicher Konsens. Es wird höchste Zeit das zu verändern.

Viele dieser Fakten sind kaum bekannt. Die durch Köln angestoßene Debatte kann dazu führen, dass auch in unserem Land jeder erzwungene Geschlechtsverkehr strafbar und sexuelle Belästigung ein eigener Straftatbestand wird. Justizminister Heiko Maas (SPD) hat gerade einen Entwurf für eine Sexualstrafrechtsreform vorgelegt, die die genannten Ziele zwar noch nicht erreicht, aber die ja noch nachgebessert werden kann.

Chancen der Krise nicht verschwenden

Das Anzeigeverhalten in den Tagen nach Neujahr zeigt, wie stark sich der Umstand auswirkt, dass man endlich den Frauen Glauben schenkt und Interesse an einer ernsthaften Strafverfolgung zeigt. Waren es am 4. Januar erst 60 Anzeigen, so wurden daraus sieben Tage später schon mehr als 550, darunter 45 Prozent wegen Sexualstraftaten.

So kann ein veränderter gesellschaftlicher Konsens die Dunkelziffern verringern, mehr Straftaten ans Tageslicht bringen und ein reformiertes Strafrecht (wenigstens zukünftig) für mehr Verurteilungen sorgen. Wenn wir das schaffen, und die Chancen dieser Krise nicht verschwenden, dann könnten wir noch in diesem Jahr die körperliche Unversehrtheit von Frauen besser schützen.

Manifest gegen Gewalt und Rassismus

Es wäre schön, wenn sich all diejenigen, die die Überfälle von Köln vor allem für rassistische Hetze nutzen und dabei vorgeben, sich für die Sicherheit von Frauen brennend zu interessieren, dies ernst meinten und sich dafür einsetzten, dass alle Fälle sexueller Belästigung und Gewalt geächtet und bestraft werden – ausnahmslos.

Dafür, dass alle Opfer die notwendige Unterstützung erhalten, Beratungsstellen gestärkt werden, mehr Aufklärung geleistet wird, Polizei und Justiz geschult werden, und niemand mehr zuschaut, wenn eine Frau belästigt oder angegriffen wird. Auch Sexismus darf in der Gesellschaft keinen Platz mehr haben, denn er ist Nährboden für sexualisierte Gewalt.

Alle diese Forderungen hat eine Gruppe Feministinnen als Manifest "Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall. #ausnahmslos" am 11. Januar 2016 veröffentlicht. Hunderte von Unterstützern, mich eingeschlossen, haben diesen Aufruf unterschrieben. Auch Justizminister Heiko Maas und Frauenministerin Manuela Schwesig (SPD). Wenn Regierung und Bevölkerung nun an einem Strang ziehen, steht dieser Reform nichts mehr im Wege, und wir haben die Krise von Köln zum Wohle der Gesellschaft genutzt.

Zur Person
Anke Domscheit-Berg

Anke Domscheit-Berg (47) ist Unternehmerin, Publizistin und Aktivistin und war früher in der Piraten-Partei aktiv. Sie berät die Stiftung World Future Council zum Thema bessere
Gesetze zum Schutz von Frauen vor Gewalt. Domscheit-Berg war eine der Stimmen der #aufschrei-Debatte über Alltagssexismus in Deutschland.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Gastkommentar