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Zeit für gute Zeitungen

Gastbeitrag von Volker Kauder Zeit für gute Zeitungen

Lügenpresse? Die überdrehten Internetforen, in denen auf diese Art über Zeitungen hergezogen wird, sind oft ihrerseits voller Unwahrheiten. Dabei braucht Deutschland gerade jetzt klassischen Qualitätsjournalismus.

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Gerüchte verbeiten sich im Internet schneller als je zuvor. Guter Journalismus muss mit Qualität und fundierter Recherche dagegenhalten.

Quelle: Felix Leupold CC BY 2.0 / RND

Wir leben in einem neuen Informationszeitalter: Für immer mehr Menschen treten Netzwerke und Internetforen an die Stelle der guten, alten Zeitung. Mittlerweile macht sich jedoch mehr und mehr Ernüchterung breit, ob wir deshalb tatsächlich in einer besseren Medienwelt angekommen sind.

Segen und Fluch der Weiterentwicklung des Netzes liegen eng beieinander. Die neuen Medien verbreitern sicher die Möglichkeiten der Bürger, sich zu informieren und zu diskutieren. Doch das Internet und die sozialen Medien sind heute auch Bühnen bloßer Herabwürdigung und vorsätzlicher Desinformation. Es ist fast unerträglich mitzuerleben, wie in vielen Facebook-Kommentaren mittlerweile alle Schranken des Anstands gefallen sind. Es wird nicht nur geschimpft. Es wird beleidigt, gedroht und gelogen, dass sich die Balken biegen.

In Phase eins kam es zur Verrohung der Sprache und der Umgangsformen im Schutze der Anonymität. Jetzt äußern sich immer mehr User sogar vermehrt unter ihren Klarnamen beleidigend über andere. Es ist dann für manchen offenbar kein weiter Weg mehr dahin, auf Demonstrationen Galgen zu zeigen, an denen Politiker hängen.

Gefährliche Gerüchteküche

Gerüchte werden gestreut, Tatsachen verdreht, beides mit einer so schnellen und massenhaften Wirkung wie noch nie. Oft bekommen die so erzeugten Wellen im Netz eine enorme politische Dimension. Mitte Januar behauptete ein 13-jähriges Mädchen in Berlin, von Migranten entführt und vergewaltigt worden zu sein. Das russische Staatsfernsehen nahm den Vorwurf auf und warf deutschen Ermittlern vor, das angebliche Verbrechen zu vertuschen.

In den sozialen Netzwerken soll der Bericht tausendfach, wie ich einem Medienbericht entnommen habe, geteilt worden sein. Nutzer empörten sich und posteten ausländerfeindliche Kommentare. In Wahrheit war der Vorwurf der Vergewaltigung frei erfunden. Russische Staatspropaganda und etliche Nutzer in den sozialen Medien spielten hier noch zusammen, ob beabsichtigt oder nicht beabsichtigt, mag dahinstehen. Ganz offensichtlich sollte aber über die sozialen Medien Stimmung gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung gemacht werden.

Wahrheitsgehalt ist überprüfbar

Dies ist kein Einzelfall: Gerade im Zusammenhang mit der Flüchtlingsbewegung werden über Internetplattformen fast täglich Gerüchte verbreitet, die sich gegen Ausländer richten. Dies hat solche Ausmaße angenommen, dass sich nun eine Gemeinschaft im Internet gegründet hat, die dem entgegenwirken will.

Mit Interesse habe ich von dem Projekt "Hoaxmap" gelesen, was so viel wie "Gerüchtelandkarte" bedeutet. Fast 250 Vorfälle aus Deutschland und Österreich sind dort aufgelistet – Vorfälle, in denen sich Ausländer angeblich etwas haben zuschulden kommen lassen. Auf der Seite findet sich eine Karte, auf der zum Anklicken der Ort verzeichnet ist, wo sich der angebliche Vorfall abgespielt haben soll.

Über einen Link kann man sich dann über den Wahrheitsgehalt des Gerüchts informieren. In der Regel wird zur Berichterstattung regionaler Medien geleitet, die den Fall überprüft und das Gerücht widerlegt haben. Die Netzgemeinschaft ist also durchaus in der Lage, sich gegen Manipulationen zu wehren. Noch bemerkenswerter ist für mich, dass die Initiatoren von "Hoaxmap" letztlich die klassischen Medien nutzen, um den Unsinn, der zu diesem Thema tagein, tagaus im Netz verbreitet wird, eindrucksvoll zu widerlegen.

Herausforderung für die Redaktionen

Das Beispiel zeigt in aller Deutlichkeit, welch überragender Wert ein klassischer, der Wahrheit und Klarheit verpflichteter Qualitätsjournalismus auch heute noch hat. In den Landespressegesetzen steht seit Jahrzehnten in etwa gleichlautend folgender Satz: "Die Presse hat alle Nachrichten vor ihrer Verbreitung mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf Wahrheit, Inhalt und Herkunft zu prüfen."

Gerade in einer Zeit, in der sich Gerüchte im Internet überschlagen, sind die Redaktionen umso mehr als unabhängige Instanzen gefragt, die mit professioneller Distanz den Dingen auf den Grund gehen.  In einem Umfeld, in dem jeder alles behaupten kann und jeder im Netz auch noch eine Plattform für tausendfache Verbreitung findet, ist diese Verantwortung der Medien aus meiner Sicht sogar noch gewachsen. Gute Zeitungen funktionieren wie eine "Stiftung Wahrheitstest" und dienen damit der Demokratie.

Qualität beginnt für mich heute mit dem Bemühen, den Sachverhalt, über den berichtet werden soll, eingehend  zu prüfen und so ausgewogen wie möglich darzustellen. Für das Einseitige stehen die nicht-redaktionell gestalteten Seiten im Internet oder in den sozialen Medien.

Investieren in bessere Journalisten

Die Medien dagegen, die sich als Qualitätsmedien verstehen, sollten dem nicht nachlaufen. Sie müssen sich stattdessen weiter bemühen, dem Leser das umfassende Bild zu vermitteln. Das fängt bei der Prüfung der Fakten an, geht über deren Einordnung weiter und hört mit der Bewertung auf. Ich glaube auch, dass das die meisten Bürger so empfinden. Gut gemachter Journalismus wird auch in Zukunft die Menschen fesseln.

Die Politik kann den Zeitungsverlagen in Deutschland, das räume ich ein, im Grunde nur wenig helfen, den Sprung ins digitale Zeitalter zu schaffen. Wir wissen aber, wenn neue Gesetzesvorhaben anstehen, dass die Branche im Umbruch ist. Beim Mindestlohn für die Zeitungszusteller hat die Politik den Verlagen Übergangsfristen eingeräumt. Bei der anstehenden Reform des Urhebervertragsrechts muss ein fairer Kompromiss zwischen den Verlagen und den Autoren gefunden werden.

Ich weiß, dass noch niemand in  den Verlagen ein Patentrezept in der Tasche hat, wie sein Blatt auch im Onlinezeitalter weiter gut wirtschaftlich bestehen kann. Falsch wäre es aber jedenfalls, das Heil darin zu suchen, gute und damit vielleicht etwas teurere Journalisten einzusparen. In einem Punkt bin ich ganz sicher: Da guter Journalismus eine Zukunft hat, lohnt es sich, in ihn zu investieren.

Zur Person
Volker Kauder

Volker Kauder, Jahrgang 1949, ist Jurist und seit 2005 Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

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