Startseite HAZ
Volltextsuche über das Angebot:

Legalisiert den Handel mit Drogen

Gastbeitrag von Tobias Käufer Legalisiert den Handel mit Drogen

Das Monster sitzt im Klassenzimmer. Kokain, Heroin, Crystal Meth – die Kids wissen, wie sie an Drogen kommen. Es gibt nur ein Mittel gegen das zynische Geschäft der organisierten Kriminalität, glaubt Lateinamerika-Spezialist Tobias Käufer: Der Staat muss selbst den Drogenhandel übernehmen.

Voriger Artikel
Sonne, Wind und Autofahren
Nächster Artikel
Putin kann die Ukrainer nicht stoppen

Der Drogenhandel ist einer der einträglichsten Gewerbezweige weltweit.

Quelle: iStock

Kokain bei Aldi? Aber sicher, bananenkistenweise. 300 Kilogramm im Wert von 15 Millionen Euro. Das Kokain ist natürlich nicht bei Aldi verkauft worden. Aber die Schmuggelware ist in einer Berliner Filiale des Discounters gelandet, päckchenweise versteckt zwischen Bananen.

Der Zoll kennt das Spiel: Kokain (und auch Heroin) kommt derzeit gerne als Lebensmittelimport getarnt aus Lateinamerika ins Land. Besonders beliebt ist die Bananenkistenmethode, auch Nüsse, Avocados oder Kaffeebohnen dienen als Camouflage.

Keiner kann "El Chapo" stoppen

Der Drogenhandel ist einer der einträglichsten Gewerbezweige der Welt. Allein der mexikanische Drogenboss Joaquín Guzmán, genannt El Chapo, macht angeblich 20 Milliarden US-Dollar Umsatz jährlich. Die Bilanz wird wohl auch dieses Jahr wieder glänzend sein.

Am 11. Juli ist El Chapo durch einen Tunnel aus dem Hochsicherheitsgefängnis Altiplano entkommen. Seither ist er verschwunden. Helfer hat er genug. Rund 150 000 Menschen sollen weltweit auf der Gehaltsliste des Mafiabosses stehen. Keine Macht der Welt kann ihn stoppen.

Der Staat als Drogenhändler

Oder doch? Gegen das zynische Geschäft mit der Abhängigkeit hilft nur eins: Der Staat muss selbst den Drogenhandel übernehmen.
Die Angst davor ist verständlich. Sind Drogen im freien Verkauf erhältlich, dann werden unsere Kinder zur leichten Beute, fürchten viele Eltern.

Zur Person

Tobias Käufer lebt seit zwölf Jahren als Korrespondent in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá und berichtet von dort regelmäßig über die Kokainmafia. Die jüngste Geschichte des Landes ist geprägt vom Kampf gegen die mächtigen Kartelle in Medellín oder Cali. Kolumbien ist größer Drogenlieferant der Welt.

Man sollte ihnen die Wahrheit sagen: Die Realität ist schon viel schlimmer. Fragen Sie in einer Schulklasse in Berlin, Bogotá, Miami oder Tokio die Kids, ob sie einen kennen, der weiß, wo sie Drogen besorgen können. In jeder Schulklasse auf diesem Planeten wird mindestens ein Zeigefinger nach oben gehen. Das Vertriebsnetz, vor dem wir so große Angst haben, existiert längst. Terroristen, Guerillas, Paramilitärs, Menschenhändler, religiöse Fanatiker leben davon.

Der Kampf gegen die Drogen ist unter den aktuellen Bedingungen nicht mehr zu gewinnen. Denn auf der Gewinnerseite steht ein weltweites Finanzsystem, das opportunistisch bis zur Selbstverleugnung wegschaut und seinen Anteil einstreicht, wenn es unfassbar große Geldströme wäscht. Und es ist eine Waffenindustrie, die beide Seiten beliefert: die von Drogenmilliarden gemästeten Kartelle und die Staaten, die sich verzweifelt dagegen wehren. Nicht nur in Mexiko.

Warum nicht in die Apotheke?

Auf der Verliererseite steht die Gesellschaft. Jugendliche, die in Abhängigkeit und Kriminalität abgleiten, um die absurd hohen Straßenverkaufspreise zu zahlen. Gedemütigte Mädchen und Frauen, die ihren Körper und ihre Würde aufgeben, um den nächsten Kick zu organisieren. Die Demokratie, die hilflos mitansehen muss, wie ganze Politikgenerationen mit Drogengeld gekauft werden. Mutige Zivilisten, Menschenrechtler, Priester, die sich der Mafia in den Weg stellen, um dann ermordet wie ein Stück Dreck auf Müllhalden entsorgt zu werden.

Die Medien, weil sie es insgeheim cool finden, wenn ein Steven Tyler oder ein Keith Richards lächelnd von seinen Drogenexzessen berichtet – während in den von der Mafia kontrollierten Ländern zeitgleich Richter niedergemetzelt werden, die es wagen, jene juristisch zu verfolgen, die in der Zulieferkette der Prominenten arbeiten. Warum schicken wir diese Promis nicht in die Apotheke und lassen sie 19 Prozent Mehrwertsteuer zahlen?

Mächtiger als die Staatsgewalt

Die Drogenmafia ist bestens organisiert. Sie ist in vielen Teilen der Welt reicher und mächtiger als die lokale Staatsgewalt. Und sie ist keineswegs ideologiefrei. Islamistische Terrororganisationen sind mit linken Guerillagruppen und rechten Paramilitärs bestens vernetzt.

Jeder, der in Münchens Edeldisco P1 oder auf der Bundestagstoilette eine Linie Koks zieht, sollte wissen, bei wem am Ende das Geld landet, das er dafür bezahlt hat. Ganz bestimmt nicht bei den armen Bauern in Kolumbien, Peru oder Mexiko. Es gibt links regierte und rechts regierte Staaten, die auf der Lohnliste der Drogenmafia stehen. Kommunisten, Sozialisten, Kapitalisten sind käuflich, jeden Tag und überall.

Das Monster im Klassenzimmer

Ein Teenager, der Drogen ausprobieren will, der wird das tun. Egal, ob das legal oder illegal ist. Zurzeit bekommt er seine Testdosis von zwielichtigen Gestalten in irgendwelchen Clubs, Bahnhöfen, sogar auf dem Schulhof. Wenn wir unsere Kinder schon nicht davon abhalten können, sollten wir sie zumindest nicht auch noch an die organisierte Kriminalität ausliefern.

Die Entwicklung in Mexiko zeigt, wohin es führt, wenn wir das Monster der Drogenmafia weiter mästen. Es wird größer, fetter und mächtiger. Dieses Monster foltert, tötet, korrumpiert. Es kann sich die besten Anwälte der Welt leisten. Es spricht alle Sprachen dieser Welt, es ist in München genauso zu Hause wie in Mailand und Medellín. Es bringt Kokain, Marihuana und Crystal Meth aus allen Teilen der Welt. Und es sitzt schon jetzt in den Klassenzimmern unserer Kinder. Wir müssen nur richtig hinsehen.

Je härter die Verbote, desto höher der Straßenverkaufspreis und desto größer der Gewinn der Drogenbosse. So funktioniert das Geschäft. Nur wenn der Staat die Kontrolle über den Drogenhandel übernimmt, bricht dieser mörderische Kreislauf zusammen. Das gierige Drogenmonster lässt sich nur besiegen, wenn man ihm sein Fressen entreißt: das Geld, die Milliarden, die es mit der Abhängigkeit verdient.

Von Tobias Käufer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Gastkommentar