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Allzeit bereit für den Hunger

Food-Trend “Meal Prep“ Allzeit bereit für den Hunger

Was unsere Großmütter schlicht “Vorkochen“ nannten, erlebt gerade eine erstaunliche Renaissance auf Instagram & Co: “Meal Prepper“ feiern die Essensvorbereitung und fotografieren ihre Tupperdosen-Kunstwerke.

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Fitness mit Hüftschwung

Alles so schön gesund und praktisch hier: Meal Prepper haben die schnöde Essensvorbereitung zum Trend erhoben.

Quelle: Instagram/fitnessfitjess

Hannover. Es gibt Kulturtechniken, die beinahe so alt sind wie der Mensch selbst – etwa die Nahrungszubereitung unter Zufuhr von Hitze, auch Kochen genannt. Schon seit 1,9 Millionen Jahren bereichern warme Mahlzeiten – das zumindest haben Forscher der US-Universität Harvard herausgefunden – den Speiseplan des Menschen.

Es war offenbar einer unser Ahnen, der Homo erectus (“aufrechter Mensch“), der auf die Idee kam, seine Nahrungsmittel zu garen. Mit sensationellen evolutionären Konsequenzen, wie Harvard-Biologe Richard Wrangham überzeugt ist, denn: Der Körper kann durch Gekochtes größere Energiemengen zu sich nehmen und verwerten als durch Rohkost, was, so Wrangham, die Reproduktionsrate und die Hirnentwicklung der Frühmenschen drastisch vorangetrieben habe – und damit unsere Evolution.

Insofern scheint die großmütterliche Ermahnung, der Mensch brauche täglich eine anständige warme Mahlzeit, durchaus ihre Berechtigung zu haben. In Zeiten maximaler Arbeitsverdichtung scheint es indes nicht jedem möglich, täglich einzukaufen, um anschließend schnippelnd und brutzelnd in der Küche zu stehen, nur damit allabendlich etwas Bekömmliches und Nahrhaftes auf den Tisch kommt.

Küchentische voller Vorratsdosen

Unter hipsterhaften Arbeitsjunkies mit ungünstiger Work-Life-Balance macht sich wohl auch deshalb gerade eine Trend breit, der Abhilfe schaffen will. “Meal Prep“ heißt das Zauberwort, das in sozialen Netzwerken wie Instagram derzeit ein extrem gebräuchlicher Hashtag ist. Beinahe so, als hätten sie gerade eine neue Stufe in der Evolution der Nahrungszubereitung erklommen, präsentieren die Anhänger in Abertausenden Fotos stolz die Früchte dieser Methode. Zu sehen sind Küchentische in der Aufsicht, vollgestellt mit Vorratsdosen oder Einmachgläsern, in denen sich vorgekochte Mahlzeiten – zumeist für eine ganze Woche – befinden.

Zahlreiche Blogs, Fitness- und Frauenzeitschriften huldigen derzeit dem “Meal Prep“ als sei es die Erlösung vom Küchenstress schlechthin. Hieße der angebliche Küchentrend nicht “Meal Prep“, sondern in schlichtem Deutsch “Essensvorbereitung“ oder “Vorkochen“, vermutlich fänden sich auf Instagram weitaus weniger aufwendig arrangierte Tupperschalenbilder. Was die Frage aufwirft: Warum finden wir eigentlich jedes Allerweltsphänomen cool und irgendwie zukunftsweisend, nur weil es in einem Anglizismus verpackt daher kommt?

Alltagswissenschaft Kochen

Wenn unsere (Ur-)Großmütter wüssten, was sich hinter “Meal Prep“ verbirgt, würden sie schallend, aber gütig lachen. In ihren Zeiten hieß das schlicht “wirtschaften“ oder “haushalten“. Allein aus Kostengründen war es geboten, den Speiseplan für eine ganze Woche zu erstellen und entsprechend diszipliniert einzukaufen. Denn irgendwas, das sich weiterverwerten ließ, blieb bei jedem Rezept übrig. Wer vorausschauend plante und einkaufte, zauberte aus den Resten gleich noch ein zweites oder drittes Gericht – und bereitete es, wo der Holzherd schon einmal befeuert und heißgelaufen war, gleich im Anschluss oder sogar parallel zu.

Kochen, das war einmal eine Art Alltagswissenschaft, die Planungsgeschick, Sparsamkeit und Effizienz beinhaltete – obwohl damals noch niemand von Begriffen wie “öko“ und “nachhaltig“ faselte. Die Großmütter hatten noch im Blut, was wir neu entdecken und wie ein Weltwunder bestaunen. Was deutlich macht: In der Evolution sind auch Rückschritte möglich.

Von Daniel Behrendt

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