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Bambus statt Kruppstahl

Biegsames Wundermaterial Bambus statt Kruppstahl

Bambus wird nicht nur in Asien als Bau- und Werkstoff geschätzt, er erobert auch immer mehr westliche Haushalte. Der neueste Schrei: Brillen, Tee und sogar Fahrräder aus Bambus.

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Der Rahmen fällt aus dem Rahmen: Das aus Bambus gefertigte Fahrrad "bambooride".

Quelle: Hersteller

Der Bambus beugt sich, aber er bricht nicht: Eine uralte japanische Redensart bezeugt, dass der filigranen Pflanze im Fernen Osten ob ihrer erstaunlichen Geschmeidigkeit seit jeher Verehrung entgegengebracht wird. Als Baustoff etwa ist das federleichte, aber enorm widerstandsfähige Gewächs aus der Familie der Süßgräser in Asien als "Holz der Armen" schon seit Jahrtausenden etabliert, sei es als Basis für einfache Wohnhäuser, sei es im Gerüstbau.

In zwei-, drei-, mitunter auch vierhundert Metern Höhe verrichten die Arbeiter auf den Hochhausbaustellen von Hong Kong, Singapur oder Kuala Lumpur ihr Werk. Vor dem Absturz schützt sie außer ihrer Geschicklichkeit einzig zerbrechlich wirkendes Bambusgestänge.

Westlichen Betrachtern mögen derartige Konstruktionen wenig vertrauenerweckend erscheinen, tatsächlich jedoch haben Bambusfasern die dreifache Zugfestigkeit von Stahl. Was erklärt, warum sich Bambus leicht biegen, aber nur schwer brechen lässt.

Flexibel, belastbar, genügsam

Hochflexibel, belastbar und rasant nachwachsend, zugleich äußerst genügsam: Derart vorteilhafte Eigenschaften machen das smarte Naturprodukt in einer Zeit knapper werdender natürlicher Ressourcen zunehmend auch im Westen beliebt. Inzwischen haben Bambusschneidebretter, -rollos, -esstäbchen und -terrassenmöbel, aus Bambus gefertigte Dim-sum-Dampfgarkörbe und die unvermeidlichen Bambusquirle für den Matcha-Tee gefühlt jeden zweiten Haushalt erobert.

Und das ist erst der Anfang: Längst gibt es Brillengestelle, Bodenbeläge, Badewannen, selbst Tapeten aus Bambus. Kieselsäurereiche Bambusextrakte halten Einzug in Kosmetikprodukte, Bambustee wird als koffeinfreie Alternative zu herkömmlichem Grüntee vermarktet, Bambusfasern prägen so manche Öko-Modekollektion – und in der High-Fashion-Welt wird das Gras, das sich als Holz aufspielt, schon mal als Handtaschenhenkel (Gucci) oder als Sandalenabsatz (Prada) verarbeitet.

Alternative zu High-Tech-Materialien

Selbst Bambusfahrradmanufakturen gibt es inzwischen zahlreiche – denn der Werkstoff, der schon als Alternative zu High-Tech-Materialien wie Karbon gehandelt wird, ist für eine stabile Konstruktion hinreichend verwindungssteif, aber dennoch elastisch genug, um harte Stöße oder gar Stürze in einem Stück zu überstehen. Kein Wunder, dass dem Bambus angesichts solcher Härte im Nehmen auch beim erdbebensicheren Bauen immer mehr Bedeutung zukommt.

Weil eine Bambuspflanze unter optimalen Bedingungen täglich um einen Meter wachsen kann und im Jahr bis zu 30 Prozent an Biomasse zulegt, besteht kaum die Gefahr, dass das Pseudo-Holz trotz intensiver Ernte irgendwann knapp werden könnte. So steht zu hoffen (oder zu befürchten, je nach ästhetischem Standpunkt), dass das pflanzliche Multitalent den menschlichen Erfindergeist auch weiterhin intensivst beflügeln wird. 

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