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Das Schweigen der Sammler

Herbst ist Pilzzeit Das Schweigen der Sammler

Die Pilzsaison ist eröffnet: Im Herbst machen sich die Sammler auf in den Wald. Wo sie die besten Pfifferlinge, Steinpilze oder Champignons ernten, bleibt aber oft ein Geheimnis. Ihre urbane Version schafft es nur bis zum Supermarkt.

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Frische Pilze aus dem Wald sind bei Sammlern eine äußerst begehrte Beute.

Quelle: Ole Spata/dpa

Nun schießen sie also doch noch aus dem Boden. All die Steinpilze und Schopftintlinge, die Röhrlinge und Riesenschirmlinge, die Maronen und Morcheln, die richtigen und falschen Pfifferlinge. Nach einem knochentrockenen, heißen Sommer hatte mancher Experte schon resigniert abgewinkt: 2015, das ist kein gutes Pilzjahr. Doch nach einigen kräftigen Septemberregenschauern sieht die Sache am Waldboden schon anders aus, es könnte ein gutes Finale im Herbst geben.

Davon zeugen nicht zuletzt die vielen Menschen mit wetterfester Kleidung und luftigen Körben, die auch an diesem Wochenende gebückt über Wurzeln steigen, stets nach unten blickend und bisweilen auch zurück – damit nur ja niemand folgt. Denn wer jemals einen Sucher und Sammler nach seiner Quelle, nach einer ergiebigen Stelle im Wald gefragt hat, weiß: Pilzsammler können extrem einsilbig sein.

Lieber beim Profi nachfragen

Anders sieht es aus, wenn man beim Profi nachfragt. Pilzkurse und Pilzwanderungen boomen, manche Pilzschule wirbt für ihre einwöchigen Seminare sogar damit, dass die sachkundige Suche nach Mönchskopf, Nebelkappe, Herbsttrompete und Krause Glucke als Bildungsurlaub verbucht werden kann. Wer aber nicht gleich die Pilzschulbank drücken will, der kann zum Buch greifen. Im Tre-Torri-Verlag ist jetzt das neue Buch "Pilzküche – Wald- und Wiesenpilze sammeln, kochen und genießen" (19,90 Euro) erschienen.

Der hessische Experte und geprüfte Pilzberater Dieter Gewalt (www.fundkorb.de) gibt darin einen ebenso sachkundigen wie unterhaltsamen Überblick über die Vielfalt zwischen Hallimasch, Judasohr und Samtfußrübling, garniert mit originellen Kochrezepten. So füllt der 75-Jährige Windbeutel mit Pfifferlingen und Teigtaschen mit Schwefelporlingen, verfeinert Rehschnitzel mit Lachsreizker-Wacholderrahmsoße und toppt den gebackenen Riesenbovisten mit Joghurt-Limettensoße.

Bunte Kappenträger beleben jedes Gericht

Pilze, das sind nicht nur 50 Stufen Braungelb, das können auch richtig bunte Kappenträger sein. So bringen weniger bekannte Vertreter wie der Violette Rötelritterling (Lepista nuda) Farbe ins Spiel. Und ein Armer Ritter bekommt durch die Zugabe von Kirschen, Portwein und Violetten Lacktrichterlingen eine strahlende Aura.

Doch selbst das beste Pilzbestimmungsbuch, da werden Autoren wie Dieter Gewalt nicht müde zu warnen, schützt nicht vor gefährlichen Verwechslungen. So konnte der Mykologe – der Fachbegriff für Pilzkundler – Detlef Emgenbroich Anfang September anhand eines Fotos diagnostizieren, dass ein Pilzsucher giftige Pantherpilze gegessen hatte. Der Mann, der seine giftige Mahlzeit überlebt hat, hatte die gefährlichen  Pantherpilze mit ihrem weißen Fleisch und dem gerieften Hutrand für Perlpilze (glatter Hutrand) gehalten.

Noch gefährlicher kann es werden, wenn in wenigen Wochen die ersten Grünen Knollenblätterpilze auftauchen. Sie werden tragischerweise mit Champignons verwechselt, ein bisweilen tödlicher Irrtum. Deshalb gibt es für alle Pilzfreunde auch in dieser Saison nur einen absolut sicheren Pilz-Fundort: Es ist das Regal beim Obst- und Gemüsehändler.

Harald John

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