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Genuss & Leben Ein Sack voll Freiheit
Sonntag Genuss & Leben
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20:05 11.08.2017
Verleiht Bewegungsfreiheit: Das Sackleid feiert ein Comeback, inspiriert vom Boho- und Ethno-Style. Quelle: Instagram/(@manrepeller)
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Hannover

Mitunter fallen die Kriterien, nach denen Männer und Frauen Kleider beurteilen, recht verschieden aus. Männer, die das Thema vor allem aus der Außenperspektive betrachten, lieben ökonomischen Stoffeinsatz und figurnahe Schnitte. Frauen, die buchstäblich drinstecken, wissen Bequemlichkeit zu schätzen – gerade bei steigenden Temperaturen. Das Sackkleid, dem in diesem Sommer vom puristischen Tunika-Stil bis hin zum weiträumig wallenden Kaftan zahllose Instagram-Galerien gewidmet sind, dürfte demnach ein Traum für Frauen sein – und ein Albtraum für Männer.

Noch vor ein paar Jahren war der Begriff “Sack“ in Verbindung mit Mode ja eher ein Schimpfwort, das sich vor allem auf unentschuldbar unförmige Ökoschlabberfetzen bezog. Das Sackkleid des Sommers 2017 besinnt sich hingegen auf seine gewissermaßen emanzipatorischen Wurzeln im Reform- und Hemdblusenkleid, ist somit also kein Ausdruck mangelnden Körperbewusstseins, sondern viel mehr ein Ausweis weiblicher Unabhängigkeit.

Einerseits gibt die großzügige Schnittführung der Trägerin Bewegungsfreiheit und Entfaltungsraum, andererseits widersetzt sich das Sackkleid durch seine nicht vorhandene respektive weit nach unten versetzte Taille und ein völlig undramatisches De­kolle­té männlichen Wunschvorstellungen.

Modisch betrachtet keine Sackgasse – im Gegenteil: Das Sackkleid hat seit dem frühen 20. Jahrhundert viele Revivals gefeiert, auch in den Fünfzigern. Quelle: Goebel

Obgleich sich das Sackkleid beharrlich weigert, Schlüsselreize plump zu betonen und fragwürdige Fantasien zu bedienen, kann es seinen Trägerinnen doch etwas ganz und gar Anmutiges, Zauberhaftes,durchaus auch Reizvolles verleihen. Im Rückgriff auf den Summer of Love, den Hippiesommer von 1967, sind es aktuell vor allem Bohemian Chic und Ethno-Style, die dem luftigen Sackkleid durch Stickerein und florale Muster einen verspielten, durchaus auch abenteuerlustig-verwegenen Touch geben.

Das vermeintlich spießige Sackkleid, der angeblich verklemmte Fummel der Prüden und Schamhaften, ist auf dem (Rück-)Weg zum Lieblingsstück der modischen Avantgarde. So war es schon 1916, als Coco Chanel als Gegengift gegen beengende Miederwaren ihr sportlich-androgynes Hemdkleid entwarf – und auch in den Fünfzigern, als der Spanier Cristóbal Balenciaga mit seiner T-Linie die Silhouette des Körpers von der des ihn umspielenden Stoffs entkoppelte.

Wo steht geschrieben, dass modebewusste Frauen Kurven zeigen müssen? Avantgarde ist straight, nicht kurvig. Gerade in Zeiten, in denen nahezu alle Schamgrenzen außer Kraft gesetzt sind, in denen bauchfrei, Schlauchbootlippen, “Bubble Butts“ (extrem runde Pos) und andere halb pornografische Phänomene als “Modetrends“ gefeiert werden, sollte man das Signal, das von einem selbstbewusst getragenen Sackkleid ausgeht, nicht unterschätzen.

Von Daniel Behrendt

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