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Genuss & Leben Es ist angerichtet
Sonntag Genuss & Leben
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20:00 28.07.2017
Die Rollen sind klar verteilt: Der Servierwagen ist wieder da. Dieses Mal dient er Hipstern und anderen Zeitgeistern. Quelle: Instagram
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Hannover

In Zeiten, in denen noch nicht alles politisch korrekt sein musste, wurde im Fernsehen so exzessiv gequalmt, als ob es kein Morgen gibt. Unvergessen ist zweifellos der 1952 erstmals auf Sendung gegangene “Internationale Frühschoppen“. Es war durchaus beeindruckend mit anzusehen, wie die emsig diskutierende Journalistenrunde nach einigen Minuten in dicken Schwaden bläulichen Rauchs verschwand.

Ab und zu tauchte aus dem Nebel eine adrette Assistentin auf, die den Herren (zu jener Zeit waren die Rollen auch im deutschen Fernsehen noch klar verteilt) großzügig vom halbtrockenen Mosel-Riesling nachschenkte. Auf den Gedankenfluss und das Artikulationsvermögen hatte der hemmungslose Konsum keinen spürbaren Einfluss. Damals war man noch trinkfest – und Raucherhusten offenbar ein Fremdwort.

Hiermit wäre das Ambiente der Wirtschaftswunderära beschrieben – ein wesentliches Möbel dieser Zeit darf nicht fehlen: der Servierwagen. Ein Tisch auf Rollen, zumeist mehrgeschossig, oft aus Furnierholz, gelegentlich aus Glas und Chrom oder Messing, mitunter faltbar, eckig, rund oder auch schon mal oval.

Rollende Hausbar mit Cognac und Likör

Zu den Verwendungszwecken gehörte der kräfteschonende Transport schwerer Lebensmittel (Sonntagsbraten, Weihnachtsgänse) oder umfangreicherer Gedecke, für die der Weg von der Küche ins Esszimmer normalerweise mehrfach gemacht werden musste. So konnte die Frau des Hauses in einem Rutsch alles heranrollen, was für ein sechsköpfiges Kaffeekränzchen erforderlich war.

Mitunter jedoch stand der Servierwagen – zumeist in einer edleren Ausführung – auch still in der Ecke, als eine Art Schnapsflaschenaltar. Das war freilich schon ein paar Jahre später, als US-amerikanische Filme und Fernsehserien allmählich begannen, die biedere deutsche Seele umzukrempeln. “Wollen Sie einen Drink?“ – so was hörte man auf einmal auch in deutschen Fernsehkrimis, zumeist, wenn der Kommissar bei der betuchten Witwe des Ermordeten vorbeischaute.

Die rollende Hausbar, bestückt mit Bleiglaskaraffen voller Cognac und zuckersüßem Likör, war ein Statussymbol, ein Zeichen für Gastlichkeit, Wohlstand und Weltläufigkeit. Wohl deshalb nahm der Barwagen in den protzigen Spätsiebzigern in zahlreichen Besserverdienerhaushalten auch die Gestalt eines monströsen Globus an, in dessen Inneren sich eine ganze Flaschenparade versteckte.

Sockel für Lieblingsdinge

Offenbar war das zu viel des schlechten Geschmacks, zu hemmungslos die Inszenierung maßloser Lebensart. Der Servierwagen verpasste den Sprung ins 21. Jahrhundert und wäre um ein Haar ausgestorben. Wenn nicht zahllose junge Hipster das rollende Retromöbel wiederentdeckt und von den Trödelmärkten in ihre Style-Butzen verfrachtet hätten.

Das Bildernetzwerk Instagram ist voll von Einrichtungsbeispielen. Schnapsflaschen, Weihnachtsgänse und Kaffeeservices finden sich freilich kaum noch auf den Wägelchen. Eher schon gerahmte Handletterings, ausgefallene Tischlampen, Strandfundstücke, locker drapierte Wildblumensträuße, Kleinplastiken, wuchtige Bildbände oder die Hipster-Grünpflanze Monstera deliciosa.

Eben Dinge, mit denen sich ästhetisch ambitionierte junge Menschen so umgeben. Aus dem stummen Knecht von einst ist ein Sockel für Lieblingsdinge, für leichthändige Stillleben geworden. Eine Lebensbühne sozusagen. Ein spätes, aber umso kraftvolleres Comeback.

Von Daniel Behrendt

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