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Immer der Nase nach

Rückkehr des Wunderbaums Immer der Nase nach

Es riecht wieder intensiv nach Vanille, Meeresbrise oder neuem Auto: Der Wunderbaum, die Lieblingswaffe der Siebziger- und Achtzigerjahre gegen muffige Raum- und Autoluft, feiert ein überraschendes Comeback.

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Maniok statt Süßkartoffel

Dufte, damals wie heute: Der Wunderbaum ist weltweit eines der Daueraccessoires fürs Auto.

Quelle: Hersteller

Hannover. Es gibt Kindheitstraumata, die wollen auch in fortschreitenden Lebensjahren nicht verschwinden: Eis am Stiel etwa. Während Eisdielen immer neue, immer kreativere Eissorten zusammenmischen, finden wir in den Gefriertruhen plötzlich wieder Klassiker wie Dolomiti und Capri. Oder dezent hochgekrempelte Hosenbeine: Diese Modeerscheinung der Achtzigerjahre erlebt unter jungen Leuten derzeit eine wundersame Renaissance. Ein Kindheitstrauma aber konnte man schon damals nicht gut riechen – und es ist plötzlich wieder allgegenwärtig: der Duftbaum.

Er baumelt im Taxi, im Retro-Beetle, im Reisebus und manchmal auch im Badezimmer. Damals wie heute. Es riecht wieder nach Vanille, nach Ozean, nach Lavendel und immer öfter auch nach Apfel. Profis mischen mehrere Sorten, um einen ganz individuellen Riechwirrwarr zu erreichen. Das Gebaumel aus unterschiedlichen Farben am Rückspiegel verleiht dem Autoinnenraum auch optisch eine ganz besondere Note. Die beliebtesten Sorten der Deutschen sind Rankings zufolge “Vanille“, “Sportfrische“ und “Neuwagen“. Zusammengepackt entsteht geruchlich so etwas wie ein süß-saurer Mittagstisch.

Geruch ohne Ende

Einmal ausgepackt, versprühen die kleinen, bunten, tannenähnlichen Duftplättchen ihren penetranten Geruch über Wochen. Selbst aus dem Müllbeutel riecht es manchmal noch, wenn man sich längst dazu entschlossen hat, der “Meeresbrise“ oder dem “Frühling“ ein Ende zu setzen. “Everfresh“ nennt sich eine Duftrichtung, dabei trifft das fast auf alle Farben zu.

Im Fachjargon heißt der Duftbaum “Einweg-Riechstoffverbreiter“. Und genau genommen handelt es sich auch nicht um einen Duftbaum, sondern um einen Wunderbaum. Kein Wunder, dass der Duft schier kein Ende zu haben scheint.

Erfunden hat den Wunderbaum der Schweizer Julius Sämann. Wegen seiner deutsch-jüdischen Abstammung floh er während des Zweiten Weltkrieges nach Kanada, wo er erforschte, wie man Kiefernnadelöl gewinnt. 1951 soll sich ein Fahrer bei Sämann über den Geruch verschütteter Milch in seinem Wagen beklagt haben – das war die Geburtsstunde des Wunderbaums. Poröse Pappe und Kiefernnadelöl bildeten die Grundlage der ersten Exemplare. Damit traf Sämann den Geruch seiner Zeit: 1952 gründete er im US-Bundesstaat New York einen eigene Firma zur Produktion der Duftbäumchen, in den USA “Little Trees“ genannt.

Wirtschaftswunder Wunderbaum

Es blieb nicht beim amerikanischen Markt: Von den USA aus belieferte die Julius Sämann Ltd. den Rest der Welt. Längst gibt es Werke auch in Europa, die Marke ist weltweit geschützt. Der Wunderbaum – ein Wirtschaftswunder.

Experten sind indes bis heute skeptisch, was die Wirkung angeht: Die duftenden Pappbäumchen überdecken zwar üble Gerüche, was übrigens auch kleine Mengen Waschpulver oder ein Stück Seife bewirken. An der Ursache ändert dies aber nichts. Und an einer gründlichen Reinigung kommt man schon aus anderen Gründen nicht vorbei: Studien zufolge sollen beispielsweise auf dem Lenkrad eines durchschnittlichen Autos mehr als 100 Keime lauern. Als Vergleichswert wird vor allem von Autoreinigungsbetrieben gern die Zahl der Keime auf den Sitzen öffentlicher Toiletten angegeben: ganze zwölf.

Von Michael Pohl

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