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Noch eine Milch

Trendgetränk aus der Tigernuss Noch eine Milch

Milchersatzgetränke aus Mandeln, Soja oder Haselnüssen gibt es mittlerweile in jedem Supermarkt. Aus Großbritannien schwappt jetzt ein neuer Trend herüber, der einer altbekannten Frucht zu frischem Ruhm verhilft.

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Ein alter Hut

Traditionsreich – und doch das nächste große Ding: Großbritannien schwört auf Milch aus der Tigernuss.

Quelle: iStockphoto

Hannover. In den ersten Tagen eines neues Jahres ist in Foodblogs eine flatterhafte Nervosität zu spüren. Was wird der Trend des neuen Jahres? Und, fast noch wichtiger: Wer wird mit seiner Einschätzung richtig liegen? Während die Modemacher auf Fransen, Transparenz und Radlerhosen setzen, sind die Aufsteiger unter den Foodisten noch nicht ganz so deutlich auszumachen. Lediglich darüber, dass die Avocado nun wirklich von gestern ist, besteht Einigkeit. Schließlich weiß mittlerweile jeder, dass der Wasserverbrauch für den Anbau allein einer Frucht so hoch ist, dass man, ökologisch betrachtet, genauso gut weiter mit Kohle heizen könnte.

Doch was kommt jetzt? Es kann gut sein, dass man 2018 noch einmal auf die Feige zu sprechen kommen wird. Der britische “Guardian“ hat erhoben, dass die #Feige mit knapp 700 000 Erwähnungen der #Avocado – acht Millionen Treffer – als meistfotografierter Frucht zumindest auf den Fersen ist. Vielleicht nicht ganz so fotogen, aber trotzdem hoch im Kurs steht außerdem die Tigernussmilch.

Alte Bekannte mit neuem Namen

Ja, schon wieder eine neue Milch, oder ganz korrekt: ein neuer Milchersatz. In Großbritannien zumindest wird die Tigernussmilch schon als das nächste große Ding gefeiert. In deutschen Bioläden kennt man das Produkt natürlich schon länger, und zwar als Erdmandelmilch. Deswegen und vielleicht auch, weil sich Europäer und Briten vermutlich nun in diesem Jahr noch weiter voneinander entfernen wollen, ist die Aufregung bei uns nicht ganz so groß.

Schließlich ist die Tigernussmilch im alten Europa eine grundsolide, traditionsreiche Angelegenheit. In der Gegend rund um Valencia trank man sie schon, als Lebensmittelunverträglichkeiten wie Zöliakie seltener waren als Schnupfen. Die sogenannte Horchata ist dort sogar bis heute so etwas wie ein Kulturgetränk. Man trinkt sie an heißen Tagen, stets gut gekühlt, zur Erfrischung und Kräftigung. In Mexiko wird sie dagegen übrigens heiß und mit Vanille und Zimt serviert.

Die neue Hipster-Milchersatz

Die neue Hipster-Milchersatz: Während die Milch aus der Frucht des Erdmandelgrases in Großbritannien dank schicker Verpackung das neue große Ding ist, kennt man das Getränk in Spanien oder Mexiko schon lange.

Quelle: Hersteller

Beliebt ist die Erdmandelmilch aber nicht nur wegen ihres leicht süßen, gefälligen Geschmacks, der oft auch als „“liebevoll“ beschrieben wird, sondern auch, weil sie als nährstoffreich gilt und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen soll. Dabei handelt es sich bei der Frucht genau genommen gar nicht um eine Nuss, sondern um die schrumpeligen Knollen des auch in Afrika wachsenden Erdmandelgrases. Das hat dann gar nicht mehr viel mit dem Raubtier zu tun, das ein britischer Hersteller auf die schrille Verpackung gedruckt hat, um dem alten Getränk ein neues, hipsteriges Image zu geben.

Die Tigernussmilch hat das auch eigentlich gar nicht nötig. Man trinkt sie seit Jahrhunderten. Schon die alten Ägypter sollen die Erdmandel geschätzt haben, zumindest war sie eine der Grabbeigaben, auf die man später Hinweise in Sarkophagen fand. Dass nun ausgerechnet 2018 ihr Jahr wird, mag aus der Perspektive der Nowstalgia-versessenen Selfie-Gesellschaft vielleicht so sein. In Wahrheit ist der anschwellende ­Hype wahrscheinlich nicht mehr als der Flügelschlag eines Schmetterlings im Angesicht der Weltgeschichte. Wir sagen trotzdem Prost.

Von Dany Schrader

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