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Orthodox, jüdisch, Fashionista

Jüdische Stilikonen Orthodox, jüdisch, Fashionista

Langer Rock, Perücke und High Heels – das passt für jüdische Modeblogger und Designer perfekt zusammen. Von New York aus erreichen sie mit eigenen Labels Käuferinnen auf der ganzen Welt.

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Ich bin kein Berliner

Die Macher des Labels Mimu Maxi gehören zu den Vertretern der “Modest Jewish Fashion“.

Quelle: Mimu Maxi

Hannover. Mit Mitte 20 ging Adi Heyman nach New York, um ganz oben in der Modewelt mitzumischen. Dass sie stets Röcke trug, die über die Knie reichten, und Blusen anzog, die mindestens die Ellbogen und das Schlüsselbein bedeckten, sollte dabei nicht stören. Im Gegenteil, es sollte ihr Kapital werden. Heyman ist orthodoxe Jüdin. Als Jugendliche konvertierte sie mit ihrer Familie zum Judentum. Heute isst sie koscher, sie schaltet am Sabbat ihr Handy aus und beantwortet keine E-Mails, und seit sie verheiratet ist, trägt sie eine Perücke – den “Scheitel“.

Die mittlerweile 35-Jährige ist das orthodoxe It-Girl, die bekannteste jüdische Fashionista New Yorks. Heyman führt ein viel gelesenes Instagram-Profil, und ihr Blog Fabologie.com war in den vergangenen Jahren eine Art jüdische “Vogue“. Labels bieten Heyman ihre Mode an, damit sie diese auf der New York Fashion Week trägt. Und Ivanka Trump – selbst zum Judentum konvertiert und Modedesignerin – nannte Heyman in einem Artikel auf ihrer Seite kürzlich “Meisterin des Mischens“.

Schön sittsam statt langweilig

“Ich habe ein gutes Gespür für das, was kommt“, sagt Heyman. Vor Jahren kreuzten immer öfter muslimische und mormonische Bloggerinnen ihren Weg. “Ich habe gesehen, dass sich da ein riesiger Trend entfaltet“, sagt Heyman. Es war die Zeit, in der in den USA “Modest Fashion“ groß wurde. “Modest“ lässt sich am ehesten mit sittsam übersetzen. Es klingt nach grauem Mäuschen und Langeweile. Es stimmt aber nicht. “Modest Fashion“ ist eine Rebellion, sagt Heyman. “Nur weil ich eine Perücke trage, bin ich nicht außen vor. Ich wollte mir zu eigen machen, was die Fashionwelt liefert. Ihr einen eigenen Stempel aufdrücken, den jüdischen eben.“

Also pickte sich Heyman Kleidungsstücke raus, deren Entwürfe den jüdischen Vorschriften entsprachen – Midi-Röcke, Maxi-Kleider, Tuniken. Modspotting nannte sie das. Oder sie kombinierte Kleidung so, dass sie sittsam war: Jeans mit T-Shirt-Kleidern, Kimonos mit Steg-Leggings – und immer: High Heels. So saß sie neben US-“Vogue“-Chefin Anna Wintour und anderen Größen der Branche und ließ sich ablichten.

“Wir kamen genau richtig“

“Wir kamen genau richtig“: Modebloggerin Adi Heyman.

Quelle: GETTY IMAGES

“Ich habe zusammen mit anderen Bloggerinnen einen neuen Street-Style geschaffen. Und weil wir so viel Aufmerksamkeit bekamen, wurde die Modeindustrie darauf aufmerksam. Wir kamen genau richtig“, sagt Heyman. Als Erstes brachten die Chefdesigner von Valentino, Maria Grazia Chiuri und Pierpaolo Piccioli, lange, fließende Roben und Midi-Röcke auf den Laufsteg – und landeten einen Coup damit. Es folgten Shows von Céline, Dior, Gucci und schließlich Kollektionen der großen Mainstreammarken wie H&M und Mango.

Mittlerweile haben modebewusste Jüdinnen eine ganze Reihe von Idolen in der Modewelt, die nicht unbedingt jüdisch sein müssen. Die Designerinnen Mary-Kate and Ashley Olsen mit ihrem Label The Row und ihrem diskreten, schicken Stil gehören genauso dazu wie It-Designerin Victoria Beckham oder Herzogin Kate. Es gibt Versandhändler und sogar eine Art Dawanda für sittsame Kleidung – Modli.co.

Die Szene hat zudem eigene Marken hervorgebracht. Allen voran machen zwei Labels aus New York von sich reden, die von orthodoxen Unternehmerinnenduos geführt werden: Mimu Maxi und The Frock NYC. Beide Marken haben als Geheimtipp der New Yorker Jüdinnen begonnen und exportieren mittlerweile weltweit, nach Singapur und London, Hongkong und Australien.

Nicht alle sind begeistert

Allerdings bekommen die religiösen Modefans nicht nur Applaus. In ihrer eigenen Community müssten sie behutsam vorgehen, berichten die Schwestern Simi Polonsky und Chaya Chanin, Gründerinnen von The Frock NYC. Ihr Laden liegt in der Brooklyner Nachbarschaft Crown Heights, dem Zentrum der ultra-orthodoxen Gemeinschaft New Yorks. Einige Mitglieder dort halten die Mode der Schwestern für zu gewagt.

“Wir versuchen beides: die Frauen aus ihren Komfortzonen zu locken und diese gleichzeitig zu respektieren“, sagen die Schwestern. Sie haben ein schwarzes Badekleid entworfen, das sie neben einem Surfer am Strand fotografieren ließen, und ein Oversize-Männerhemd designt, das sich als Kleid tragen lässt. Dennoch ist das meist verkaufte Stück der Designerinnen ein schlichtes, langärmeliges Seidenkleid.

Kleiden nach den Regeln der Tzniut

Für jüdische Männer und Frauen gilt die Tzniut, eine Regelsammlung für sittsames Leben im Allgemeinen, zu der auch die Kleidungsvorschriften gehören. Jüdisch-orthodoxe Frauen bedecken ihren Körper bis zu den drei Knochen – Knie, Ellbogen und Schlüsselbein – und tragen ein Kopftuch oder eine Perücke, sobald sie verheiratet sind.

Neben “Tichel“ und “Scheitel“ gibt es vor allem in Israel mittlerweile jede Menge andere Kopfbedeckungen – Mützen oder Hüte. Mit dem Stil der Kopfbedeckung zeigt die orthodoxe Frau oft die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Strömung des Judentums. Das gilt auch für Männer: Die Wahl der Kippa oder des Hutes ist oft keine modische, sondern eine religiöse oder politische Aussage.

Von Ann-Kathrin Seidel

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