Startseite HAZ
Volltextsuche über das Angebot:

Am besten Bakelit

Telefonarm mit Uwe Janssen Am besten Bakelit

Der Mensch muss Entscheidungen fällen. Früher: Beatles oder Stones? Später: Schalke oder Dortmund? Noch später: Flachbildschirmaufhänger oder -aufsteller? Heute: Ohr-Telefonierer oder Frontsprecher?

Hannover 52.3758916 9.7320104
Google Map of 52.3758916,9.7320104
Hannover Mehr Infos
Nächster Artikel
An der Backe

Hat mehr Einfluss auf die menschliche Physiognomie als bisher gedacht: das Telefon. Hier ein älteres Modell.

Quelle: Fotolia

Hannover. Gerade hat man sich an die wandelnden Freisprecher gewöhnt, Menschen also, die ohne Ansprechpartner oder Telefon kommunizierend durch die Gegend gelaufen sind. Bevor man diese Leute für über-, ab- oder durchgedreht hält, kontrolliert man, ob sie in ein Kabel sprechen – und kann dann überlegen, ob es immer noch nötig ist, ihnen über die Straße zu helfen.

Doch das Kommunikationsverhalten ist schon einen Schritt weiter. Grundannahme: Warum soll man das schwere Telefon ans Ohr halten, warum soll man den Arm in eine unnatürliche Position bewegen, wenn man ein Smartphone auch wie ein Tablett vor sich halten und reinreden kann?

Generation Schwartphone

Das Telefonieren muss den Menschen über Jahrzehnte deformiert haben. Schwere Bakelittelefone, sogenannte Schwartphones, haben ganzen Generationen von Hörerhebern einen Wirbelsäulenschiefstand eingebrockt, der eigentlich nur durch das gleichzeitige Heben eines Wassereimers mit der anderen Hand verhindert werden konnte. Oder bei reichen Leuten durch ein weiteres Gleichgewichtsbakelittelefon am anderen Ohr.

Aber weil das bekloppt aussah, hat das niemand gemacht. Wie viele Menschen an fernmündlich bedingter Haltungsschwäche gestorben sind, ist nicht erwiesen. Fest steht: Mit der Zeit wurden Telefone immer leichter, die Lebenserwartung stieg.

Chance zum Flashmobbing

Die heutige, frontale Armbewegung ist um vieles natürlicher als die Ohrhaltung. Menschen mit gastronomischer Vorbildung sind die Tablettstellung sowieso gewohnt, außerdem bietet die Hand vor dem Gesicht einen Schutz vor Laternenpfählen.

Wer den Lautsprecher einschaltet, erleichtert Umstehenden das Mithören und die Teilnahme am Gespräch, man spricht von analog-digitaler Konferenzschaltung oder Conference Interference. Bei Streitgesprächen an Bushaltestellen können sich auch ganze Wartegemeinschaften einschalten und den Anrufer mitbeschimpfen – das sogenannte Flashmobbing.

Vielleicht sollte man sich einfach mal wieder ein altes Telefon kaufen. Oder zwei. Wegen der Haltung.

Von Uwe Janssen

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kolumnen