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Die Wahrheit über Whisky

Geschmacksfragen mit Imre Grimm Die Wahrheit über Whisky

Irgendwo zwischen einem nassen Keller und einer Gummidichtung: Wer sich auf das Abenteuer eines Whiskytastings einlässt, muss sich in Sachen Geschmack auf einiges gefasst machen.

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Nasser Stahl oder Schimmelkäse? Den Geruchs- und Geschmacksvariationen sind bei Whisky erstaunlich wenig Grenzen gesetzt.
 

Quelle: Shutterstock

Hannover.  Ich habe bisher in der irrigen Annahme gelebt, beim Verzehr von Genussmitteln gehe es vorrangig um Genuss. Das ist falsch. Ich war jetzt mal beim Whiskytasting. Whiskytasting ist schnell erklärt: Ein Dutzend Männer trinkt mit nachlassender Konzentration alkoholhaltige Getreidedestillate und redet darüber, solange es geht. Trinken ist einfach. Reden ist der komplizierte Teil.

Zwar ist jeder Depp in der Lage, sich mit irgendeinem bronzebraunen Gesöff abzuschießen, bis die Englein singen. Beim Whiskytasting aber ist man gehalten, die Aromen unterwegs präzise zu benennen. Es wirkt einfach seriöser, sich unter Verwendung von Fachvokabular die Mütze wegzubrennen. Dabei helfen die Nase und eine bunte Vokabelkarte, die allerhand Geschmäcker und Gerüche auflistet, die in Whiskys vorkommen.

Darunter solche, die ich bisher ausschließlich mit der mutwilligen Zerstörung von Lebensfreude assoziiert hatte: kränklich, ranzig, Schweißnoten, Nagellackentferner, Terpentin, Mottenkugeln, Motoröl, Autoreifen, Radiergummi, Dichtungsgummi, faulige Eier, nasser Keller, nasser Stahl, Desinfektionsmittel, Asche, alte Bücher, gammliges Gemüse, Leder, Gas, Abwasser, Schweinestall und Schimmelkäse. Herrlich, das “Wasser des Lebens“.

Die Nuancen von Traktorrädern

Ich habe nicht viel Erfahrung bei der gustatorischen Unterscheidung von Radiergummi und Autoreifen. Wer beißt schon freiwillig in ein Traktorrad? Aber es geht natürlich um die Nuancen. Man sagt also nicht direkt: “Ich hätte gern ein Glas von dem­­ 200 Euro teuren Ranzigen, der nach nassem Keller, Motoröl und Gummidichtung schmeckt.“

Das ist wie in Arbeitszeugnissen, wo auch keiner die Wahrheit schreibt. Beim Whisky heißt das dann nicht „erfüllt die Anforderungen und hat sich stets bemüht“, sondern: „leichte Esternoten, etwas schweflig, torfig und feinty“. “Feinty“ ist Englisch und heißt übersetzt: “Unübersetzbares Wort, das bei Whiskytastings meistens passt.“

Es gibt natürlich auch Whiskys voller Butterkeks, Nelken, Vanille, Weizen, Kakao, Schokolade und Nuss. Aber Herrgott, dann kann ich auch ein Plätzchen essen. Im Kern geht es sowieso darum, unter Kerlen Worte wie “Scotch“ zu verwenden, wenn man schon keine Schusswaffenlizenz hat. Und jetzt hätte ich gern noch ein Glas von diesem Kränklichen mit den Schweißnoten. Schönes Wochenende!

Von Imre Grimm

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