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Kolumnen Es lebe die Bäckerei
Sonntag Kolumnen Es lebe die Bäckerei
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00:13 19.05.2018
Bitte vier Brötchen und ein Brot! Quelle: dpa
Hannover

Es war zuletzt viel von Bäckereien die Rede. Ich habe Christian Lindner nicht ganz verstanden, aber im Kern ging es ihm darum: In Deutschland sollten die weißen Brötchen sicher sein können, dass die Mehrkornbrötchen nicht gegen die deutschen Backgesetze verstoßen haben – und überhaupt sollte es viel mehr Weißbrot und viel weniger Vollkorn geben, weil man beim Vollkorn nie so genau weiß. Ich finde: Bäckereien haben es nicht verdient, von überzuckerten sogenannten Liberalen als Referenzorte für Ungastlichkeit in Misskredit gebracht zu werden. Denn nirgends ist sich Deutschland näher als sonntags in halbkomatöser Duldungsstarre in der Schlange beim Bäcker. Jeder, der hier mit Bettfrisur und nur dem Nötigsten bekleidet auf handgemachte Backware wartet, erweist der hiesigen Kultur seine Ehrerbietung. Ein Mensch, der frische Brötchen dem Aufback-Methadonprogramm vom Discounter vorzieht, kann grundsätzlich kein schlechter Mensch sein.

Bäckereien sind Orte des kleinen Glücks und des großen Kaffees. Wäre da nicht dieser Trend zu bekloppten Produktnamen. Irgendwann muss das deutsche Backwesen beschlossen haben, die Bereitschaft des Verbrauchers, sich selbst zum Horst zu machen, auf die Probe zu stellen.Wer sagt bitte freiwillig „Ich hätte gern zwei Schoko-Wuppi, zwei Vollkorn-Michel, eine Lockere Hildegard und eine Bördekruste geschnitten“? Um als mündiger Kunde den Eindruck zu vermeiden, man könne meine Kaufbereitschaft mit Vokabular für Dreijährige manipulieren, pflege ich mein Wunschgebäck mit den Mitteln der geografischen Verortung und der Pantomime zu identifizieren. „Ich hätte gern zwei von diesen Dingern da ganz vorne rechts, von Ihnen aus links, neben diesem einen, das so aussieht wie das rechts daneben, von Ihnen aus links, nur ohne Körner ...“ – „Sie meinen unsere Roggelinchen?“ – „Wie SIE das nennen, ist Ihre Sache. Ich nenne das Roggenbrötchen.“

Einfache Dinge wie Brot „Unser Ursprüngliches“ zu nennen, ist ein Instrument der Ausgrenzung. Wo kommen wir hin, wenn Bäckereien keine Orte mehr sind für Menschen, die „Unser Ursprüngliches“ nicht aussprechen können oder wollen? Und jetzt hätte ich gern vier Brötchen und ein Brot. Danke. Und schönes Wochenende!

Von Imre Grimm

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