Startseite HAZ
Volltextsuche über das Angebot:

Kling-kling, bring, bring

Schöne neue Lieferwelt mit Uwe Janssen Kling-kling, bring, bring

Es ist Vorweihnachtszeit, und damit eigentlich die Zeit überfüllter Innenstädte und hektischer Last-Minute-Notlösungsgutscheine. Doch dieses Jahr wird alles anders – und zwar nicht dank besserer Planung.

Voriger Artikel
Big Data
Nächster Artikel
Hund, Katze, Esel, Hahn

Nie wieder Weihnachtsstress! Denn wer muss schon noch für die Zusammenstellung von Geschenken oder Festtagsmenüs das Haus verlassen?

Quelle: E+

Hannover. Jetzt ist die Zeit. Die Zeit vor der Zeit. Die Zeit vor der Vorzeit. Noch zwei Wochen, dann laufen die Menschen wieder im stets ausbruchsbereiten Panikattackenmodus ziellos durch die Städte. Der weihnachtliche Präsent-Irr-Teller. Noch vier Wochen, die Zeit läuft, rennt, fehlt. Man hätte sich einfach früher Gedanken machen sollen. Wie jedes Jahr.

Aber dann kam dieses Weihnachten doch wieder so, ja, überraschend. Kaum schläft man im September mal etwas länger, ist 1. Advent. Und es wird enger. In Elektromärkten und Geschenkeabteilungen wird die Spielregel Rücksichtnahme ausgesetzt und über den Einsatz eines Videoschiedsrichters nachgedacht.

Macht hoch die Tür

Doch der Konsumismus ist längst in neutrale Zonen vorgerückt. Wenn man Mitte November drei Paketzustellerwagen hintereinander in zweiter Reihe parken sieht, aus denen Männer viermal mit fünf gestapelten Paketen kommen, sollte man das nicht auf Mitte Dezember hochrechnen. Sehen die Zusteller überhaupt, wo sie hinlaufen? Macht hoch die Tür – war das für überladene Paketeschlepper?

Wer zahlt, wenn zwei mit fünf Paketen beladene Paketzusteller unterschiedlicher Dienste auf dem Bürgersteig zusammenprallen und die Vorfahrtsituation nicht eindeutig geklärt ist? Was ist, wenn das ältere Ehepaar im Erdgeschoss, das immer die Pakete für alle anderen annimmt, kurz vor Weihnachten die Ausgabe bestreikt und auf bessere Arbeitsbedingungen sowie Teilhabe an Getränkelieferungen pocht?

Nie wieder Tankstellenteddys

Vorweihnachten ist nicht mehr nur kling-kling, sing-sing und bling-bling, sondern auch bring-bring. Das sorgt für moralisches Ungleichgewicht. Bislang wurden Menschen, die am 23. Dezember die Geschenkeplanung aufnahmen, mit schlechtem Gewissen, heiligabendlicher Bastelarbeit, Gutscheinschreiberei und Kauf von Tankstellenteddybären mit leichter Dieselnote bestraft.

Jetzt werden die weihnachtlich Überrumpelten von Onlinehändlern mit pünktlicher Lieferung belohnt. Die Folge: Zwölf Lieferwagen in zweiter und dritter Reihe. Massenkarambolagen sichtbehinderter Zusteller. Keine Zeit für Gutscheine. Nicht mal ein Tankstellenteddy. Aber ein älteres Ehepaar im Erdgeschoss, das Weihnachten endlich wieder Spaß am Auspacken hat.

Von Uwe Janssen

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kolumnen