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Neulich in Neuland

Infrastrukturapokalypse mit Imre Grimm Neulich in Neuland

Deutschland ist Weltspitze. Weltspitze im Fußball. Weltspitze im Bau von alten Autos. Weltspitze im Übertreiben der eigenen Großartigkeit. Nur in einem hinkt das Land hinterher: beim Internetausbau.

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Deutschland kann allgemein als einigermaßen entwickeltes Land bezeichnet werden – es sei denn, man sitzt im Dorf und braucht eine Internetverbindung.

Quelle: RND

Hannover. Blicken wir zum Beispiel nach Zwackenborstel, eine sympathische kleine Kuhbläke zwischen Ödloch und Dröge. Hier hat Bauer Fiete Bommelkamp eine verrückte Idee: Er will endlich auch so ein Internet! Nachbar Nepomuk Klawitter hat sogar Farbfernsehen, da wird es auch bei Bommelkamps Zeit für die Zukunft.

Bommelkamp schickt eine Brieftaube zur Telekom. “Was kostet ein Klafter Internet?“ Die Telekom antwortet mit einem Sonderangebot: Festnetz und Internet für nur 139 Euro im Monat mit zwei Megabyte Datenvolumen und drei Frei-SMS, Minutenpreis in alle Netze nur 6,99 Euro. Und freitags gibt’s sogar ISDN! Dafür müsse Bommelkamp allerdings umziehen. Nach Itzehoe. Oder besser nach Hamburg.

Bis zu 50 Kilobit pro Sekunde

Fiete Bommelkamp hat Bedenken. Neulich habe sein Schwager in Itzehoe ein Foto des neuen Mähdreschers “Claas Tucano“ heruntergeladen. “Nach 40 Minuten sah er gerade mal das Dach!“ Die Kreditkarte von Mutter Bommelkamps Schwester sei noch während einer Onlinebestellung abgelaufen! Die Telekom antwortet: “Das ist normal.“ Die Formulierung “bis zu 50 Kilobit pro Sekunde“ bedeute im Kern: “nie“. Gesetzlich sei man nur zur Bereitstellung eines Dosentelefons verpflichtet.

Bommelkamp schaltet den Bürgermeister ein. Ein Handynetz muss her. Allein wegen des Tourismus – mit bis zu drei Übernachtungen pro Jahr Zwackenborstels größte Industrie. “Neulich klagte ein Sommergast aus Rendsburg über Phantomklingeln in der Hose!“

Internet ist was für Tagediebe

Der Bürgermeister ruft die Telekom an. Die Telekom verweist auf die Landesregierung. Die Landesregierung verweist auf die Bundesregierung. Die Bundesregierung hat keine Zeit. Sie stößt gerade mit Schampus auf die Pläne für die marmorgetäfelte, achtspurige Autobahn zwischen Murmelwitz und Großenbrake an. Anschließend geht’s 14 Tage zur Besichtigung des neuen ICE-Bahnhofs Stoffelsdorf, wo die Rolls-Royce-Taxis mit kaltgepresstem Olivenöl fahren.

Internet? Handy? Das ist doch nur was für Tagediebe! Bommelkamp geht die Hühner füttern. Und fasst neue, verrückte Pläne: Bis 2029 soll Zwackenborstel jetzt Warmwasser und geteerte Straßen bekommen. Teufelskerl. Schönes Wochenende!

Von Imre Grimm

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