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Ohne Punkt und Komma

Sprachverschwörung mit Imre Grimm Ohne Punkt und Komma

Stärker als das Komma, aber schwächer als der Punkt: Das Semikolon ist eine der elegantesten Möglichkeiten, seine Sprachfertigkeiten demonstrativ unter Beweis zu stellen.

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Fundgrube für Hobbygermanisten oder doch nur Buchstabensuppe? Der Friedhof der dekorativen Satzzeichen.

Quelle: Emily Matthews CC BY 2.0

Um sich idiomatisch vom Pöbel zu distinguieren, bietet die Schriftsprache eine Reihe von Möglichkeiten. Die quantitativ exorbitante Utilisation von Fremdwörtern etwa. Oder den Einsatz von güldenem Dekorationsvokabular. Karl Theodor zu Guttenberg sagte statt "Ich trau mich nicht" lieber "Ich werfe Ihnen hier ein Stück Schüchternheit zu". Ein prachtvolles verbales Ölgemälde, das sportlich und belesen zugleich klang.

Spöttische Chefgermanisten

Gern verwenden Autoren mit bildungsbürgerlichen Komplexen auch den Schluckauf der gebildeten Stände: das gute, alte "sic!". Es bedeutet: "Ich als spöttisch-intellektueller Chefgermanist habe natürlich gemerkt, dass der rückenmarksgesteuerte Dorfdepp, den ich gerade zitiere, ’ne Delle in der Bimmel hat; aber ich wollte Ihnen diesen Fauxpas keinesfalls entgehen lassen – vor allem, weil es mich selbst besser aussehen lässt." Ich habe in Uninähe schon Texte gehört, die klangen wie ein abgesoffenes Mofa (sic-sic-sic-sic-sic-sic...!).

Das ökonomischste Werkzeug für Sprachblender ist freilich das Semikolon. Ein Satzzeichen mit Fliege und Hornbrille aus der Familie der Renommiersymbole. Das Semikolon trennt gleichwertige Sätze und ist stärker als das Komma, aber schwächer als der Punkt. Menschen, die gehäuft Semikolons verwenden, verwenden auch: Kolophonium, "After Eight", Möbeltinktur, Molltonarten, Chai Latte.

Absturz eines Satzzeichens

Ich bin einer massiven Satzzeichenverschwörung auf der Spur; denn ein "halbes Kolon", also ein halber Doppelpunkt, müsste ein Punkt sein und nicht ein Punkt mit Komma drunter. Eine Doppelhaushälfte ist ja auch bloß ein halbes Doppelhaus, kein Doppelhaus mit Bungalow drunter.

Wenn das rauskommt, muss die deutsche Literatur in weiten Teilen neu geschrieben werden. Thomas Mann allein hat weite Teile des deutschen Semikolonvorrats aufgebraucht. Heute fristet der einst glanzvolle Strichpunkt ein trauriges Dasein als Augenpartie des Zwinker-Smileys ;-) – wie ein greiser Star, der seine Hits für ein welkes Mortadellabrötchen bei Baumarkteröffnungen singt. Wäre es eine Firma, stände es kurz vor dem Urin (sic!). Schönes Wochenende!

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