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Stallone in the dark

Kinokritik von Imre Grimm Stallone in the dark

Hollywood hängt in der Recyclingschleife fest. Helden im Rentenalter lassen sich prima auch für die achte und neunte Fortsetzung von Gut-gegen-Böse wiederbeleben – einzig der Geheimhaltungszirkus nimmt wirklich neue Formen an. Eine Abrechnung aus Kino 2.

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Auf ewig "Rocky": Sylvester Stallone boxt sich auch im Rentenalter durch. 

Quelle: dpa

Wie verzweifelt müssen die Typen in Hollywood sein, wenn sie jetzt Sylvester Stallone (104) aus der Vorhölle zurück ans Licht zerren? Wenn sie den greisen Recken, notdürftig zusammengehalten von Tackerklammern, zum siebten Mal den "Rocky" spielen lassen? Bloß weil das kurz nach dem Krieg mal ein Hit war? Hahnenkämpfe und Pistolenduelle waren auch mal ein Hit, und trotzdem hat man aus guten Gründen davon Abstand genommen, jedenfalls nördlich des Rio Pecos.

Stallone. Seniorenaction. Betablockbuster. Hollywood recycelt munter Kram aus dem Bronzezeitalter des Entertainments und verfilmt lieber müffelnden Beifang aus dem intellektuellen Nichtschwimmerbereich wie "Batman vs. Superman" oder die 18. Fortsetzung von "Transformers". Im Prinzip ist im Kino seit "Ich denke oft an Piroschka" nicht mehr viel passiert.

Multiplex-Hochsicherheitstrakt

Ich war neulich in einer Preview. Man durfte vorab gucken. Total exklusiv. Am Eingang standen zwei Gorillas mit Metalldetektoren. Das Kino wurde mit Nachtsichtgeräten überwacht. Fehlte nur noch, dass ich für "Kino 2" ein Visum brauchte. Ich musste mein Handy abgeben. Das habe ich verstanden. Nicht dass ich die Sache abfilme. Oder noch während des Films in Hollywood anrufe und frage, was der Mist soll. Das nervt die ja auch.

Aber dann fragte ein Gorilla, ob das ein Notizblock in meiner Tasche sei. Den müsste ich auch abgeben. Das war der Moment, als ich die solide Basis der gesellschaftlich tolerierten Verhaltensnormen verließ. "Wieso das denn?", fragte ich. "Damit ich den Film nicht abschreibe und bei Facebook reinstelle?"

Die Angst vor dem S.W.A.T.-Team

Was kommt als Nächstes? Nähen die mir die Augen zu? Kann ein Studio es tolerieren, wenn Menschen einen noch nicht veröffentlichten Film im Kleinhirn mit sich herumtragen? Oder fräsen die mir den Schädel auf und expedieren mein Gehirn? Ich erwartete jeden Moment ein S.W.A.T.-Team unter der Leitung von Sylvester Stallone, das sich vom Dach abseilt, die Fensterfront durchbricht und mich in Grund und Boden schießt.

Ich durfte dann doch rein. Und beschloss, erst wieder zu einer Preview zu gehen, wenn "Ich denke oft an Piroschka 2" läuft. Mit Lieselotte Pulver als Piroschka und Veronica Ferres als Plattensee. Schönes Wochenende!

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