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Über den Durst

Hochprozentiges mit Imre Grimm Über den Durst

Rohkostfaschisten behaupten gelegentlich, dass Nahrung nur dann menschlichen Urbedürfnissen entspricht, wenn sie höchstens fünf Zutaten enthält. Wegen der Jäger und Sammler. Solche Wurzelpuristen haben noch nie einen Sommercocktail aus meiner Herstellung getrunken.

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Melodien für Melonen

Selbst bei der Cocktailherstellung greift in letzter Zeit eine fast freudlose Minimalisierung um sich. Ein großer Fehler!

Quelle: Fotolia

Hannover. Für das Modell “Suburbian Bombshell“ zum Beispiel verwende ich mindestens elf bis 14 Zutaten. Und da sind die Non-Food- und die Non-Schnaps-Komponenten noch gar nicht mitgerechnet (Schirmchen, Glas, Limettenscheibe, Eis, Minze, Zitronenlimonade, brauner Zucker, Cola, Ginger-Ale, dekoratives Gewölle, das süße Zeug aus der Flasche vom Flohmarkt, Glitzeraufkleber).

Die Ingredienzen mögen wechseln, aber es ist stets sichergestellt, dass das papageienfarbene Geschoss a) ausreichend Alkohol enthält und b) meinen persönlichen Urbedürfnissen entspricht.

Ich bin sicher: Wenn die Jäger und Sammler damals beim Jagen und Sammeln ihres frugalen Mahls statt irgendwelcher ollen Knollen Rosmarinkartoffeln, Pizzakäse, Knoblauch-Ciabatta, Lasagne, Frikadellen, Erdbeerkuchen, Zwiebelmettbrötchen und Caipirinha entdeckt hätten, wären sie von der Fünf-Zutaten-Regel ruck, zuck abgerückt.

Wichtigste Zutat: Sommer

Bei der Cocktailproduktion lasse ich mich gern vom Moment inspirieren. Meistens rät mir der Moment, mich nicht mit fünf Zutaten zu unterfordern und ordentlich Eis zu verwenden. Natürlich ist es hoch dekadent, im Supermarkt Tüten voll gefrorenen und zerstoßenen Wassers zu kaufen. Irgendwann bestellen wir Sauerstoff bei Amazon. Aber seit ich bei der Zertrümmerung von Eiswürfeln aus Eigenproduktion mittels Geschirrtuch und Hammer mal fast die Katze erschlagen hätte, greife ich aus Sicherheitsgründen auf Angebote der Saufindustrie zurück.

Wichtig bei Sommercocktails: Sommer. Bei 12 Grad und Nieselregen schmeckt ein „Sex on the Beach“ eher nach “Bauchweh on the Zugtoilette“. Es ist nicht dasselbe. Ich glaube, dass sich ein Buch namens “Regencocktails“ in Norddeutschland hervorragend verkaufen würde. Isländischer “Schwarzer Tod“ mit Eichelkompott, Krabbenfleisch, frischen Hagelkörnern und Möwenfedern. Name: “Bensersiel Sunrise“. Oder Küstennebel mit Jägermeister, welkem Laub, Moosresten, Seesternen und Sand. Ich nenne ihn “Sex on the Deich“. Schönes Wochenende!

Von Imre Grimm

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