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Vorsicht vor Entrepreneuren

Imre Grimm über Business Punks Vorsicht vor Entrepreneuren

Sie arbeiten gar nicht in einem hippen Start-up? Macht nichts: Selbst in biederen Großraumbüros kann man inzwischen den knallharten Selbstausbeuter mit kryptischer Berufsbezeichnung geben – immer auf der Suche nach Projekten und dem inneren Business-Punk.

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Einen an der Waffe

Wer länger als 30 Sekunden braucht, um zu erklären, was er beruflich tut und warum dafür jemand Geld ausgeben sollte, hat mehr als nur ein Problem.

Quelle: Whiterockkitchens.com

Immer öfter begegne ich jetzt Typen mit hohem Blutdruck, denen es nicht gelingt, mir ihre berufliche Tätigkeit in unter 30 Minuten verständlich zu machen. Neulich bekam ich eine Visitenkarte, auf der stand "Associate Vice President Digital Development Key Marketing Badass Superhero XXL Royal Galore" (aus dem Gedächtnis zitiert).

Keine Ahnung, was der Mann beruflich macht. Klingt für mich nach 13 Jobs, nicht nach einem. Möglicherweise leidet er an multipler Beruflichkeitsstörung. Aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass er "Business Punk" liest. Solche Typen lesen immer "Business Punk" – die "Auto Motor und Sport" für Segway-Fahrer.

Bart ab oder Start-up?

"Business Punk"-Leser halten 18-Stunden-Arbeitstage für Rock 'n' Roll, kennen ihre Kinder nur von der Kreditkartenabrechnung und nennen sich selbst nicht Unternehmer, sondern "Entrepreneur" – mit englischem Akzent ausgesprochen. Immer, wenn ein "Business Punk"-Leser "Entrepreneur" sagt, klappt irgendwo ein Poloshirtkragen hoch.

Früher oder später kommen halt auch Hipster in das Alter, in dem man sich fragt: Bart ab oder Start-up? Soll ich mal was Richtiges arbeiten oder mach' ich weiter Projekte? Ihr Ausweg aus dem Dilemma, trotz Coolness Miete zahlen zu müssen, ist ein fragiles emotionales Konstrukt: Sie tun so, als ob Selbstausbeutung das geilste individuelle Freiheitskonzept unter der Sonne ist. In Wahrheit tun sie nichts anderes als arbeitslose Taucher: Sie halten sich mit Gelegenheitsjobs unter Wasser.

So Heavy Metal wie Selena Gomez

"Business Punk" verkauft Poster mit Sprüchen wie "Rock your Riot Demon". Man soll das ins Büro hängen. Finde den Fehler. Schön Lemmy Kilmister für seine Unangepasstheit feiern, aber dann blöde Business-Schmusetext-Lyrik an die Wand pappen wie "Gipfelstürmer bauen sich eigene Berge".

"Business Punk" ist der Versuch, Lemmy Kilmister und Gordon Gekko unter einen Hut zu kriegen. Was dabei herauskommt, ist ungefähr so Heavy Metal wie Selena Gomez. Aber was soll‘s. Blödheit ist ja heutzutage kein Problem mehr. Quallen haben 650 Millionen Jahre ganz ohne Gehirn überlebt. Sie sind im Prinzip das erfolgreichste Startup aller Zeiten. Darüber kann man ja mal nachdenken. Jedenfalls, wenn man keine Qualle ist. Schönes Wochenende!

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