Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 17 ° Regenschauer

Navigation:
Windeleimer on tour

Mit Kind unterwegs Windeleimer on tour

Vom Baby als praktischer Knautschzone und anderen Widrigkeiten: Imre Grimm über Kindersitze, daueranwesende Mütter und den Sinn von Familienparkplätzen.

Voriger Artikel
346 Crosstrainer
Nächster Artikel
Partymaschine 1960 Stereo

Warum mögen Fluggesellschaften Erwachsene lieber als kleine Kinder? Unser Autor hat nachgeforscht.

Quelle: Aleks Clark / CC BY 2.0

Die Menschheit gibt mir auch im neuen Jahr Rätsel auf: Warum schnallen wir Babys in einem 80-PS-Auto bei 30 km/h in eine schadstoffarme, gepanzerte 1000-Euro-Multiprotektor-Sitzschale mit 18 Airbags – aber in einem 40 000-PS-Flugzeug setzten wir uns dasselbe Baby bedenkenlos bei knapp 1000 km/h mit nichts als einem fransigen Schlaufengurt um die Hüfte auf den Schoß? Das ist, als würden wir eine Saturn-5-Rakete in Badehose besteigen.

Den Grund erfuhr ich erst kürzlich bei einer Alfred-Draxler-mäßigen Intensivrecherche: Ich rief eine Fluggesellschaft an. Und erfuhr: Es geht gar nicht um die Kinder. Der "Loop Belt" soll erwachsene Passagiere im Falle von Turbulenzen vor herumfliegenden Kleinkindern schützen. Gleichzeitig dienen Babys vor dem Bauch im Falle von klappmesserartigen Körperkontraktionen als biologische Knautschzone.

Babys fliegen gratis

Mehr muss man über das Verhältnis einer alternden Gesellschaft zu ihren Kindern gar nicht wissen. Fluggesellschaften mögen Erwachsene einfach lieber als Kleinkinder. Erwachsene bezahlen für Flugtickets, Babys nicht.

Dieses Land tut gern kinderlieb. In Wahrheit betrachtet es Kinder wie eine Studenten-WG auf zwei Beinen: dreckig, verlaust und nachts um drei hellwach. In Wahrheit sind deutsche Spielplätze eingezäunt, damit die Kinder keine Hunde beißen. Eltern-Kind-Abteile im Zug dienen ausschließlich dem Komfort von kinderlos Reisenden. Und die Familienparkplätze bei Ikea signalisieren schon von Weitem: Achtung, hier laufen kleine, dampfende Biokraftwerke mit klebrigen Mündern frei herum. Denken Sie an die Ledersitze.

Kresse-Dinkel-Lobby

Ich möchte nicht anstrengend klingen. Ich gehöre nicht der verkniffenen Kresse-Dinkel-Kinderlobby an, die ihre Töchter nach preußischen Prinzessinnen und ihre Söhne nach skandinavischen Möbeln benennt. Daueranwesende Mütter sind in meinen Augen schädlicher als dauerabwesende Väter. Und die meisten wahnsinnig konsequenten Eltern haben gar keine Kinder.

Ich seh’s pragmatisch: Wenn wir keinen Besuch wollen, stellen wir einfach den Windeleimer vor die Tür. Und wenn die Stewardess im Flugzeug wieder sagt, ein Babysitz sei leider nicht möglich, weil alle Plätze besetzt sind – dann nehmen wir den Windeleimer einfach mit ins Handgepäck. Schönes Wochenende!

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kolumnen