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Der Kinderwagen als Statussymbol

Baby an Bord Der Kinderwagen als Statussymbol

Die neuen Kinderwagen sind nicht nur sicher und komfortabel in der Handhabung. Sie müssen vor allem gut aussehen. Und sie sind das neue Statussymbol einer Elterngeneration, die nur das Beste will – und dafür am liebsten auf nichts verzichtet.

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Man kann sich nicht früh genug daran gewöhnen, in Ledersitzen Platz zu nehmen. Oder warum sonst wird dieser Kinderwagen mit einer Mama auf dem Weg zum Privatjet beworben?

Quelle: Hauck

Im fränkischen Lichtenfels steht sozusagen die Wiege der deutschen Kinderwagenindustrie. Dort, wo zu Beginn des vorigen Jahrhunderts Korbflechter ihren Geschäften nachgingen, entwickelte Alfred Hesselbacher in den Fünfzigerjahren einen der ersten Kinderwagen mit Metallgestell und Lederriemenfederung. Noch heute fertigen fünf Frauen und 15 Männer die gesamte Flotte des Unternehmens Hesba teilweise von Hand.

Dass sich daran bisher nichts geändert hat, liegt an den gewachsenen Ansprüchen moderner Eltern. Denn wer es sich heute leisten kann, leistet sich nur das Beste für sein Kind – etwa einen Kinderwagen made in Germany. Die Pro-Kopf-Ausgaben für Babys und Kleinkinder steigen seit Jahren, allein im Jahr 2014 gaben Eltern im Durchschnitt 1058 Euro für den Nachwuchs aus – Kleidung und Möbel nicht einmal eingerechnet.

Kinderwagen mit passendem Image

"Die Menschen bekommen heute später Kinder – und machen sich auch mehr Gedanken. Der Kinderwagen soll da etwas ganz Besonderes sein", sagt Patricia Hesselbacher, Juniorchefin bei Hesba. Das bedeutet aber auch: Wer sich heute einen Kinderwagen kauft, hat die Qual der Wahl.

Mehrere Hundert Modelle sind allein auf dem deutschen Markt erhältlich. Und mit dem nötigen Maß an Sicherheit und Qualität – beide Aspekte stehen bei der Auswahl noch immer ganz oben – kaufen Eltern wie beim Autokauf das passende Image gleich mit.

Babyartikelhersteller können Typologien der Kinderwagentypen erstellen: Retromodelle mit großen Gummireifen sowie futuristisch anmutende Leichtgewichte verorten sie am ehesten bei Akademikern, die, das Klischee lässt grüßen, in stuckverzierten Altbauten wohnen. Dreirädrige Jogger ordnen sie sportlichen Naturliebhabern und Bioladenkunden zu.

Genau das richtige für Akademiker mit luftigen Altbauwohnungen: Der Hesba Corrado.

Genau das richtige für Akademiker mit luftigen Altbauwohnungen: Der Hesba Corrado.

Quelle: Hesba

Und wendige Kleinwagen mit passender Wickeltasche, mal in Knallfarben, mal in weißem Leder mit Glitzerapplikationen, begleiten vielreisende Kosmopoliten. Alltagspragmatiker dagegen sehen sich eher bei den preiswerteren und größtenteils ähnlich brauchbaren Modellen um.

Kinderwagendesigns wechseln inzwischen wie die Moden in den Schaufenstern. Seine Marketingexperten entsendet der Kinderwagenherstellers Cybex regelmäßig zu den internationalen Modewochen. Eines seiner Modelle ist als Hommage an den berühmten Eames-Chair gedacht. Als Kommunikationsleiter Jan Erdweg vor einigen Jahren vom Sportartikelhersteller Puma in seine derzeitige Position wechselte, gab es so etwas freilich noch nicht.

"Damals fuhren auf den Bezugsstoffen weiße Mäuse Schlittschuh. Heute muss das Design zum Outfit der Eltern passen. Der Kinderwagen ist ein Accessoire", sagt er. Moderne Eltern hätten aber ganz andere Vorstellungen als noch ihre eigenen Eltern. "Unsere Kunden sind politisch und kulturell interessiert. Sie reisen. Und sie wollen als Eltern auf all das nicht verzichten."

Väter schieben mit

Das trifft auch auf die Käufer des Bugaboo (niederländisch für Schreckgespenst) zu – das Modell ist sozusagen der VW-Bus unter den Kinderwagen, ein Bestseller und fast schon ein Designklassiker, praktisch, leicht und einfach in der Handhabung – inklusive Sandstrandfunktion der Räder. In einem Bugaboo fuhren schon Heidi Klum und Miranda in "Sex and the City" ihre Kinder aus. Die Models der aktuellen Kampagne sehen kaum noch aus wie Eltern, sie könnten auch hippe Straßenmusiker aus Paris sein.

Ein Grund für den Wandel des Designs liegt auch in der Familienpolitik. "Die Väter schieben heute mit", sagt Lara Keuthen von der Kommunikationsagentur Bauchgefühl, die unter anderem für den Hersteller Stokke tätig ist. Das bedeutet nicht nur, dass die Technik stimmen und der Schiebegriff lang genug sein.

Aus diesem Grund dominieren auf dem Markt zurzeit auch Farben, die man früher gar für pietätlos gehalten hätte: Zwar ist das Prinzessinnenpink noch längst nicht ausgestorben, eine der beliebtesten Nuancen für Kinderwagen derzeit aber ist Schwarz. "Diese Farbe passt zu allem", sagt Erdweg.

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HAZ-Redakteur/in Dany Schrader