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Bock auf Kaschmir

Vom Luxus zur Massenware Bock auf Kaschmir

Goldgräberstimmung unter Schnäppchenjägern: Kaschmirpullover gibt es im Schlussverkauf zu Schleuderpreisen. Das Edelgarn ist zur Massenware geworden – und wird im großen Stil gefälscht.

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Edles Haarkleid: Der Flaum der Kaschmirziege ist heißbegehrt – ein lohnendes Geschäft für Fälscher.

Quelle: iStock

Glaube versetzt Pulloverberge: Beim Winterschlussverkauf finden vor allem Kaschmiroberteile reißenden Absatz. Einzelhandelsketten und Kaufhäuser versprechen "Luxus" und "zeitlos edle Mode" zu Schleuderpreisen von 60 Euro oder weniger für einen Pullover aus vermeintlich reinstem Kaschmir. Schnäppchenjäger versetzt das in Goldgräberstimmung.

Kaschmir ist zwar seit der Jahrtausendwende mehr und mehr zur Massenware geworden, doch gerade Pullovern aus dem Edelgarn haftet immer noch das Image von relaxtem Reichtum an. Schlichte Kaschmirpullover zählen zur First Class unter den Klassikern im Kleiderschrank. Marken wie Pringle of Scotland, Iris von Arnim oder Burberry haben mit ihren Modellen das Prädikat "besonders wertvoll" über Jahrzehnte geprägt.

Doch was lange Zeit fast nur in teuren Boutiquen zu haben war, bieten jetzt auch Ketten wie H&M und Uniqlo in der Abteilung "Basics" an. So kann sich jeder ein bisschen Princeton-, Pilcher- oder Pariser Chic gönnen.

Wändeweise Luxuspullover: Auch Einzelhandelsketten wie H&M oder Uniqlo bieten inzwischen Kaschmir-Basics an.

Wändeweise Luxuspullover: Auch Einzelhandelsketten wie H&M oder Uniqlo bieten inzwischen "reinen Kaschmir" an – jedoch zu verdächtig günstigen Preisen.

Quelle: SmcGee / CC BY-NC 2.0

Die Demokratisierung des Kaschmirs hat jedoch auch ihre Schattenseiten: Nach einer Studie des französischen Luxuskonzerns Kering und der Non-Profit-Organisation "Business for Social Responsibility" wurden allein zwischen 1993 und 2009 die Ziegenherden von 23 Millionen auf 44 Millionen Tiere verdoppelt, um die jährliche Produktion von bis zu 8000 Tonnen Kaschmir zur Deckung der weltweiten Nachfrage zu sichern. Das schadet den Weideflächen und somit der Umwelt.

Versuche, Kaschmirziegen anderswo als in den Hochlagen Asiens zu züchten, sind bisher fehlgeschlagen. Die Mongolei ist neben China eines der größten Produktionsländer. Bei Temperaturen bis zu minus 40 Grad bilden die Kaschmirziegen ihr besonderes Fell aus, aus dessen Unterhaaren die Kaschmirfasern mit viel Aufwand gewonnen werden.

Mehr Ziegen, größere Umweltschäden

"Die Nomaden in der Mongolei ziehen mittlerweile nicht mehr so weit und so regelmäßig umher. Sie bleiben oft über einen langen Zeitraum an einem Ort und halten sich immer größere Herden. Die Weiden haben kaum die nötige Zeit, um sich zu erholen, wenn sie abgegrast sind. Das fördert die Versteppung, zumal die Ziegen die Grasbüschel samt Wurzel herausreißen", berichtet Saruul Fischer.

Nicht zuletzt auch deshalb setzt sie mit ihrem 2007 gegründeten Label "Edelziege" auf "Slow Fashion": "Wir produzieren nachhaltig und wollen damit auch erreichen, dass die Kunden möglichst lange Freude an ihrem Kleidungsstück haben. Ein zeitloser Kaschmirschal hält ein Leben lang; ein echter Kaschmirpullover ist auch noch nach einem Jahrzehnt edel."

Doch was bedeutet echt? Für nur einen Pullover wird in der Regel der Flaum von drei bis fünf Ziegen gebraucht. Auf dem Weltmarkt kostet ein Kilogramm reines Kaschmir zwischen 50 und 130 Euro. Ein Kilogramm Wolle ist dagegen schon für 5 Euro zu haben. Muss man da bei Pullovern zum Preis von 60 Euro oder noch weniger, deren Etikett "pures Kaschmir" verspricht, nicht skeptisch sein?

Lukrativer Markt für Fälschungen

Die Prädikate "100 %", "rein" oder "ganz" dürften grundsätzlich nur für Textilien vergeben werden, die ausschließlich aus einer Faser bestehen, schreibt Andrea Karg, Gründerin der auf Kaschmir spezialisierten deutschen Modemarke "Allude", in ihrem 2015 erschienenen Bildband "Cashmere". Die Herstellungstoleranzmarke liege bei 3 Prozent Gewichtanteil an Fremdfasern.

"Trotz dieser Vorschriften kommt es immer wieder vor, dass der edle Stoff falsch deklariert wird. Der Preisunterschied zwischen Kaschmir und anderen Fasern wie Yakhaar ist enorm und verleitet dazu, Tierhaarmischungen in Umlauf zu bringen", kritisiert Karg.

Experten wie der renommierte Textilchemiker Kim-Hô Phan schätzen, dass rund 25 Prozent der weltweit gehandelten Kaschmirtextilien nicht echt sind. Für Fischer ist das kaum überraschend: "Es werden weltweit mehr Kaschmirprodukte angeboten, als die tatsächlich vorhandene Anzahl an Tieren hergibt", sagt sie. Angesichts der immensen Nachfrage und in Ermangelung eines Gütesiegels ständen Fälschern Tür und Tor offen.

Nachhaltig produziert: Ein Pullover des Labels "Edelziege"

Nachhaltig produziert: Ein Pullover des Labels "Edelziege".

Quelle: Edelziege

Fischers Label "Edelziege" steht für hochwertige Mode aus Kaschmir, die in der Mongolei gewonnen und produziert wird. Die Designerin besucht die Produktionsstätten regelmäßig und prüft auch die Wolle. Fischer stammt selbst aus der Mongolei. Mit elf Jahren wanderte sie mit ihren Eltern in die damalige DDR aus und lebt heute in Plauen. Doch der Kontakt zur übrigen Familie riss nie ab – ebenso wenig wie die Sehnsucht nach dem Land ihrer frühen Kindheit.

Nach ihrem Studium der Kommunikationswissenschaften reiste die heute 40-Jährige in ihr Geburtsland, um ihre Geschäftsidee eines eigenen Modelabels zu verwirklichen. Es sollte ihre ostasiatischen Wurzeln mit ihrer heutigen Heimat verbinden. Der Stoff, aus dem ihre Träume waren und sind, ist Kaschmir.

Mehrere kleine mongolische Strickereien verarbeiten für Fischer die Fasern der Kaschmirziege zu Pullovern, Kleidern, Röcken oder Hosen, Mützen, Handschuhen und Schals – alles klassisch-elegant mit kleinen Extravaganzen wie Lochmustern oder dem Einsatz von Plauener Nadelspitze. Der regelmäßige persönliche Kontakt in die Mongolei stellt für Fischer nicht zuletzt auch sicher, dass ihr kein mit anderen oder minderwertigen Fasern vermischtes Material untergeschoben wird.

Analyse unter dem Mikroskop

Trotz vieler Fälschungen auf dem Markt sind die Kaschmir-Fakes gerade für Endverbraucher schwer auszumachen. Den Stoff auf der bloßen Haut zu reiben, um ihn auf seine Anschmiegsamkeit zu testen, reicht nicht. Längst gibt es Techniken, die auch von Natur aus harte Wollfasern weich machen. Etwa Verfahren mit Silikon oder Polymer.

Echthaar-Analytiker wie Phan, der bei Aachen ein eigenes Prüflabor unterhält, wo er für Anbieter und Käufer Stoffe prüft, können mit einem Elektronenmikroskop anhand der Faserstrukturen solche Schwindeleien aufdecken. Kunden im Laden bleibt als Indiz für Fälschungen nur der verdächtig günstige Preis.

Motten wissen, was gut ist

Nach dem Kauf kann dann auch allzu starke Knötchenbildung auf schlechtes Material oder schlechte Verarbeitung schließen. Gutes Kaschmir setzt sich vor allem aus langen Fasern zusammen. Kurze neigen eher zu Knötchenbildung.

Wer es ganz genau wissen will, was er im Schrank hat, muss im Zweifel auf eher nicht so gern gesehene Experten setzen: "Wenn Sie einen Woll- neben einem Kaschmirpullover liegen haben, fliegt die Motte garantiert auf den Kaschmirpulli. Die Tiere wissen, was gut ist", sagt Fischer.

Von Kerstin Hergt

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