Startseite HAZ
Volltextsuche über das Angebot:

Die meistgehasste Schrift der Welt

Comic Sans Die meistgehasste Schrift der Welt

Mit Comic Sans entwarf der Designer Vincent Connare vor 20 Jahren den wohl bekanntesten PC-Zeichensatz aller Zeiten. Keine andere Schriftart hat so polarisiert – vor allem, weil sie so viele Leute für die falschen Zwecke nutzen.

Voriger Artikel
Wenn i mit dir tanz
Nächster Artikel
Deutschland ein Herbstmärchen

Eine Welt in Handschrift: Das „Comic Sans Project“ bei Tumblr verändert bekannte Logos in Connares Schriftdesign.

Quelle: iStock, Comic Sans Project (3), Wikimedia (3)

Es muss nicht immer erstrebenswert sein, in der Google-Trefferliste ganz oben zu stehen. Wer die Internetsuchmaschine nach der "meistgehassten Schrift der Welt" fragt, erhält eine eindeutige Antwort: Comic Sans. Diese kindliche Handschrift hat sich zu einem echten Klassiker der PC-Zeichensätze entwickelt – allerdings im negativen Sinne. Comic Sans ist in der Typografie ungefähr das, was "Last Christmas" für die Musik darstellt: ein Gassenhauer, den niemand mag, der aber trotzdem omnipräsent ist. Und das nicht nur zu Weihnachten.

1995 erschien Comic Sans zum ersten Mal auf den Bildschirmen, als Bestandteil des damals neuen Betriebssystems Windows 95. Heute, 20 Jahre später, gibt es im Internet ganze Domains, die sich mit dieser Schrift befassen – einige Fanseiten sind dabei, meist jedoch das komplette Gegenteil.

Gedacht für Kinder

"Die Biografie dieser Schrift und deren Abwärtsspirale sind vergleichbar mit der eines Prominenten, der irgendwann im Dschungelcamp landet", fasst es der deutsche Typografieexperte Jürgen Siebert zusammen. Politiker polarisieren, Lieder, manchmal auch Speisepläne – aber warum bloß eine Schriftart?

Schuld sei der falsche Einsatz, sagt der Designer Vincent Connare. Er war es, der Comic Sans von 1994 an für Microsoft entwickelte – eigentlich nicht als eigenständigen Zeichensatz, sondern als Lösung für ein gezieltes Problem: „Ich bekam damals eine Betaversion von Microsofts ,Bob‘“, erläutert Connare.

Diese Kindersoftware enthielt Rover, einen gezeichneten Hund, der in Sprechblasen Nachrichten verkündete – zunächst in Times New Roman, einer klassischen Tageszeitungsschrift, von der Wirkung her seriös wie kaum eine andere. Und damit denkbar ungeeignet für Kinder.

Eine Welt voller Comic Sans

"Die Inspiration kam durch den Schock, Times New Roman in einer solchen unangemessenen Weise zu sehen", erinnert sich Connare. Dass sein Ersatzvorschlag Comic Sans es plötzlich in das damals erfolgreichste Betriebssystem der Welt schaffte und so rund um die Welt für jedermann und jeden Nutzen zugänglich war, habe auch ihn überrascht.

Nutzer der damals neuartigen PCs schienen auf ein bisschen Abwechslung beim Briefeschreiben gewartet zu haben. Mehr noch: Plötzlich konnten sie ganz einfach zu Hause am Bildschirm Schilder gestalten, Einladungskarten und Schülerzeitungen. Wer wollte da die aus Tageszeitungen und Büchern längst bekannten Schriften wie Times New Roman oder Helvetica nutzen, wenn es auch anders ging?

Plötzlich sah man sich im Treppenhaus mahnenden Worten des Vermieters in Comic Sans gegenüber, einige Polizeidienststellen in England sollen den Zeichensatz zu einer Art Hausschrift gemacht haben, und jegliche Kommunikation in Schulen fand fortan nur noch in dieser einen Schrift statt. Eine Welt voller Comic Sans!

Irgendwann war es zu viel

"Ihre Allgegenwart wurde der Schrift zum Verhängnis", sagt Schriftexperte Siebert. "Sie selbst ist absolut unschuldig am schlechten Ruf.“ Denn Comic Sans an sich sei nicht hässlich – auch wenn es längst bessere Alternativen gebe. "Comic Sans hätte sicherlich auch den Missbrauch im privaten Bereich locker verkraftet, aber spätestens als sie auf Ladenbeschriftungen, Bussen und Grabsteinen auftauchte, war die Geduld vieler Typografen am Ende."

Wo sich Kritik häuft, findet sich immer eine Gegenposition: Das „Comic Sans Projekt“ beim Internetdienst Tumblr kämpft für Anerkennung der seiner Ansicht nach unterschätzten Schrift. Die beiden Franzosen Florian Amoneau und Thomas Blanc haben es initiiert und zeigen nicht ganz ernst gemeinte Anwendungsbeispiele: Comic Sans als Alternative in Markenlogos – von Coca-Cola über McDonald’s bis zu Microsoft.

Die Website "comicsanscriminal.com" gibt eher ablehnende Empfehlungen für den Einsatz von Comic Sans: "Die einzige angemessene Verwendung ist, wenn die Leser unter zwei Jahren sind, man einen Comic entwirft oder die Zielgruppe Legastheniker sind."

Nachfolger entwickelt

Letzteres ist tatsächlich ein Merkmal: Der österreichische Dachverband für Legasthenie etwa rät Betroffenen unter anderem zur Verwendung von Comic Sans. "Die Buchstaben haben eine eigene Form, die Schrift hat ein Fibel-a und Fibel-g", begründet der Verband dies. Trotz aller Kritik entspreche der Zeichensatz somit den Kriterien einer guten Schriftart für Personen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche.

"Comic Sans ist wie ein Mensch", verdeutlicht Connare seine Intention von 1994/95. Es handele sich um eine Handschrift, von Menschen für Menschen gemacht. Wichtig ist ihm allerdings auch, dass es nicht seine eigene Handschrift sei. Er hatte Comic Sans einst mit der Maus am PC kreiert. Und so ganz scheint die Kritik an ihm auch nicht vorbeigegangen zu sein: Für die University of Reading sowie eine App der Europäischen Union entwarf Connare die weiterentwickelte Handschrift Fabula.

Auch Comic Sans selbst fand unter Typografen eine Reihe von Nachahmern, die die Schrift der Zeit anpassten. "Heute haben wir dank neuer Font-Technologien auf diesem Gebiet viel mehr Möglichkeiten", sagt Siebert. Jens Kutilek etwa entwarf die Schrift Comic Jens, die sogar kostenlos im Internet erhältlich ist.

Craig Rozynski stellte im vergangenen Jahr mit Comic Neue so etwas wie den legitimen Nachfolger der Comic Sans vor. Und selbst Microsofts Mitbewerber Apple fand Gefallen an Connares Klassiker: Die Standardschrift in der im Jahr 2000 vorgestellten Software "iCard" war Comic Sans.

Michael Pohl

Schriftklassiker im Alltag

Helvetica: Eine der am weitesten verbreiteten serifenlosen Schriftarten. Ab 1956 von Max Miedinger und Eduard Hoffmann in der Schweiz entworfen, hat sich Helvetica als klassische, leicht lesbare Schrift überall im Alltag etabliert – die New Yorker U-Bahn nutzt sie ebenso wie die Lufthansa und BMW.

Times New Roman: Die "Helvetica der Serifenschriften" wurde tatsächlich für die Londoner "Times" entwickelt. Deren Hausdesigner Victor Lardent stellte den Zeichensatz 1931 vor. Seit 2004 nutzen die USA die Times New Roman für alle diplomatischen Dokumente. Populär wurde die Schrift vor allem, weil sie Bestandteil aller großen PC-Betriebssysteme ist.

Garamond: Dahinter verbirgt sich eine Gruppe von Serifenschriften, die allesamt auf einem Entwurf von Claude Garamond aus dem 16. Jahrhundert basieren. Sie gilt als edel und zeitlos schön und wird deswegen gern für hochpreisige Produkte verwendet: Apple etwa nutzte sie über viele Jahre, auch das Logo der Bekleidungsmarke Abercrombie & Fitch besteht aus Garamond.

DIN 1451: Die Schrift der deutschen Autofahrer: DIN 1451 wird auf allen Straßenbeschilderungen verwendet – vom Autobahnhinweis bis zum Ortsschild, bis ins Jahr 2000 auch für Autokennzeichen. Der Ingenieur Ludwig Goller ließ sie aus einer alten preußischen Eisenbahnschrift entwickeln. Auch in Osteuropa wird
DIN 1451 im Straßenverkehr genutzt.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Mode & Stil