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Das blaue Wunder

Hype um Ikea-Tasche “Frakta“ Das blaue Wunder

Sogar Frakta, die knisternd-knitterige Tragetasche von Ikea, bleibt von Plagiaten nicht verschont. Der Täter: das Luxuslabel Balenciaga. Die Folge: ein kleiner Modeskandal – und ein Frakta-Hype, der seinesgleichen sucht.

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Ein Wohnraum für unterwegs

Für eine Plastiktasche sieht sie ganz schön gut aus, dachte sich Modefotograf Nicolas Sonnet – und bat nach der Veröffentlichung des Balenciaga-Shoppers eine Nachbarin, aus der Ikea-Tasche ein Kleid zu nähen.

Quelle: Nicolas Sonnet

Hannover. Die It-Bag der Stunde stammt ausnahmsweise einmal nicht von einem Luxuslabel. Folgerichtig ist sie sogar bezahlbar: Es handelt sich um Frakta, Ikeas Einkaufstasche, in die immer noch eine Packung Teelichter mehr hineinpasst, als man eigentlich hatte kaufen wollen. Dass zurzeit ausgerechnet das streng pragmatische Modell aus Plastik einen überraschenden Boom erlebt, ist dem Luxuslabel Balenciaga und seiner knapp 2000 Euro teuren Kopie aus hochwertigem Leder zu verdanken.

Seit die Luxusfälschung auf dem Markt ist, ist die Aufregung groß. Kritiker fragen: Darf Balenciaga das überhaupt? Und bekennen sich zum Plastik. Ikea selbst nimmt die Kopie mit Humor und veröffentlicht selbstironisch Echtheitszertifikate (knittert, knistert, trägt bis zu 25 Kilogramm – dann muss es Frakta sein).

Das kann kein Zufall sein

Das kann kein Zufall sein:

Quelle: Balenciaga

Doch warum nur ist die Aufregung so groß? Und wer kauft eine Tasche für mehrere Tausend Euro, wenn er das Original auch für 0,50 Euro haben kann? Fragen an Peter E. Seebacher, Professor für Modedesign an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg:

Herr Prof. Seebacher, was macht Frakta für Designer eigentlich so interessant?

Sie ist omnipräsent. Jeder kennt sie, fast jeder besitzt ein Exemplar. Frakta versinnbildlicht all das, wofür Ikea steht: Sie ist praktisch, kostengünstig und universell einsetzbar. Ich persönlich nutze sie beispielsweise für die frisch gewaschene Wäsche. Sie ist viel handlicher als ein Korb. Und nach dem Aufhängen verschwindet Frakta klein zusammengefaltet hinter der Waschmaschine. Vielleicht ist die Tasche deshalb sogar das charakteristischste Ikea-Produkt, das es gibt. Dabei war sie ursprünglich gar nicht einmal als Produkt gedacht – erst als die Kunden anfingen, die Tragetaschen, die eigentlich für die Zeit des Einkaufs gedacht waren, mit nach Hause zu nehmen, wurde Frakta in die Warenpalette aufgenommen und später auch abgewandelt: Mittlerweile gibt es auch kleinere Ausführungen oder Fraktas mit Reißverschluss.

Was hat das Luxuslabel Balenciaga Ihrer Ansicht nach zu der teuren Kopie veranlasst? Oder war die Ähnlichkeit vielleicht gar ein Versehen?

Ganz bestimmt nicht. Dahinter stecken Absicht und ein Konzept. Abgesehen davon, dass große Taschen derzeit ohnehin allgegenwertig sind, ist das, was da passiert, ein sehr reizvolles Spiel: Ich nehme etwas Banales, extrem Alltägliches und verbinde es mit absolutem Luxus, indem ich hochwertige Materialien verwende, ein hochwertiges Label daraufsetze und den Preis entsprechend hoch mache. Dieser Griff aus dem Luxussegment auf ein extrem billiges Produkt ist fast ein kleiner Skandal – mit der Folge, dass darüber gesprochen wird. Das ist schon ein Coup, denn der Fall Frakta ist längst viral: Es gibt zurzeit Menschen, die den Namen Balenciaga noch nie gehört haben – von der Frakta-Kopie des Hauses aber haben sie trotzdem erfahren.

Ein Designstudio in Taiwan machte aus Frakta die Kopie einer Birkin-Bag

Ein Designstudio in Taiwan machte aus Frakta die Kopie einer Birkin-Bag

Quelle: Humble

Die Idee, ein Billigprodukt extrem hochwertig neu aufzulegen und es dann auch noch cool wirken zu lassen, lässt sich doch aber sicher nicht komplett steuern, oder?

Genau erklären lassen sich solche Prozesse kaum. Mode und Stil funktionieren nach extrem eigenen Prinzipien. Man braucht viel Gespür für das Produkt, den Markt, aber auch für den richtigen Zeitpunkt. Und es ist natürlich hilfreich, dabei ein etabliertes Luxuslabel im Rücken zu haben. Kreativdirektor von Balenciaga ist zurzeit Demna Gvasalia, der in Paris mit dem Designerkollektiv Vetements viel Furore machte, bei dem das Alltägliche, Gewöhnliche eine sehr große Rolle spielt. Die Entwürfe sind nicht im klassischen Sinn schön, sondern eher spröde und herausfordernd, dafür aber cool und extrem angesagt. Auf die Idee mit der Frakta-Kopie hätte auch ein kleines Berliner Designerlabel kommen können – der Effekt wäre sicherlich nicht derselbe gewesen. Was es für einen solchen Effekt braucht, ist immer auch die Aura, die eine große Marke verströmt.

Gab es einen vergleichbaren Fall schon einmal?

Natürlich gibt es so etwas immer wieder. In der Mode geht es oft nicht mehr um das Erfinden von etwas Neuem. Wir lassen uns von dem, was es gibt, inspirieren. Mich erinnert das Frakta-Zitat zum Beispiel an eine Tasche, die Raf Simons, der meiner Meinung nach einer der begabtesten Modeschöpfer unserer Zeit ist, in seiner Zeit bei Jil Sander entworfen hat. Für eine Ledertasche nahm er eine Papiertüte zum Vorbild, wie sie in den USA zum Verpacken von Bierflaschen und Spirituosen verwendet wird. Die Tasche wirkte wie aus Papier, man musste den oberen Rand wie bei einer Tüte rollen, um sie in die Hand zu nehmen und das Leder knitterte sogar – aber am oberen Rand stand das Label Jil Sander. Wer ein solches Stück trägt oder kauft, zeigt damit auch, dass er etwas von Mode versteht, er zählt sich zu einer Gruppe von Kennern dazu. Und genau das ist heute besonders begehrenswert.

Von Dany Schrader

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