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Der Knoten ist geplatzt

Krawattenpflicht oder nicht? Der Knoten ist geplatzt

Wer beim Gedanken an Windsor und Co. einen dicken Hals bekommt, kann getrost die Krawatte weglassen. Die neue Ungebundenheit ist nicht mehr automatisch ein Verstoß gegen bislang vorherrschende Dresscodes.

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Krawattenfrust oder Krawattenlust? Der Schlips ist weiterhin Status- und Seriösitätssymbol, doch längst nicht mehr so zwingend wie noch vor einigen Jahren.

Quelle: Fotolia

Es war der Gipfel: Als US-Präsident Barack Obama 2012 zum G-8-Treffen nach Camp David einlud, hob er für das erste abendliche Kamingespräch den Krawattenzwang auf. Nur sein französischer Amtskollege folgte der verordneten Lässigkeit nicht, was Obama dazu veranlasste, ihn vor laufender Kamera aufzuziehen: "François, wir hatten doch gesagt: Du kannst die Krawatte ablegen." Hollande konterte, er trage sie "für meine Presse".

Vielleicht auch, um eine sehr französische Tradition zu pflegen. Denn es war kein Geringerer als der Sonnenkönig Ludwig der XIV., der, inspiriert von den Halstüchern kroatischer Söldner, Mitte des 17. Jahrhunderts die Mode "à la Cravate" (nach kroatische Art) am Pariser Hof einführte und sie damit in ganz Europa salonfähig machte.

Doch Hollandes Zugeknöpftheit wurde auch von französischen Medien als eitel verspottet. Prompt zeigte er sich für das "Familienfoto" der Staatschefs ein Jahr später in Nordirland ebenfalls oben ohne. Unter Freunden gibt man sich offen.

Mehr als ein Stück Stoff

Die Umständlichkeit Hollandes zeigt, dass die Krawatte mehr als nur ein Stück Stoff ist, um die im Vergleich zur weiblichen Garderobe eher eintönige männliche Business-Uniform aufzupeppen und "modische Akzente zu setzen", wie Herrenausstatter immer gern betonen. Die Krawatte gilt als eine Art Stimmungsbarometer, wenn es um geschäftliche und politische Untertöne geht – ein Statussymbol ist sie überdies.

Doch in der Hierarchie um die wichtigsten Accessoires in der Männermode wird es zunehmend eng für den Langbinder: Nach der demonstrativ zur Schau gestellten Ungezwungenheit der G 8 hob im vergangenen Jahr auch der Deutsche Bundestag den Krawattenzwang für Schriftführer auf. Die Würde des Hauses hängt nun nicht mehr an seidenen Fäden. Noch 2011 gab es darüber einen heftigen Streit unter Linken und CDU-Parlamentariern.

Recht auf offenen Hemdkragen

Auch in deutschen Gerichten gehörten Zankereien um das Fehlen von Krawatten jahrelang zum unterhaltsamen Teil für Prozessbeobachter. Nicht wenige Richter fühlten sich sozusagen auf den Schlips getreten, wenn ein Anwalt es wagte, ohne Krawatte das Wort zu ergreifen. Im unter Robenträgern berüchtigten "Mannheimer Krawattenstreit" erklagten sich zwei Anwälte bereits 2009 das Recht auf einen offenen Hemdkragen.

Mittlerweile haben die Bundesländer ihre "Amtstracht-Verordnungen" hinsichtlich der "freien Sicht auf eine weiße Krawatte" für Anwälte gelockert. Richter und Staatsanwälte dürfen hingegen nicht auf den Langbinder verzichten.

Dr. Dieter Zetsche

Demonstrativ krawattenlos: Nicht nur auf der IAA, sondern auch auf dem offiziellen Firmenporträt ist Daimler-Chef Dieter Zetsche mit offenem Hemdkragen zu sehen.

Quelle: Daimler

Ein anderer Berufszweig, der derzeit den Abgesang auf die Krawatte zelebriert, ist die Hightech-Industrie. Volkmar Denner, Chef des Automobilzulieferers Bosch, verkündete vor einigen Monaten, er wolle sein Unternehmen in der Start-up-Kultur etablieren "und das Hemd ohne Krawatte ist nun mal ein wichtiges Signal für diese andere Kultur".

Die Devise machte Schule: Auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt konnte man die Bosse, allen voran Daimler-Chef Dieter Zetsche, in diesem Jahr am offenen Hemdkragen erkennen – auch eine Form von Uniformiertheit.

"Vor zehn Jahren undenkbar"

"Der Krawattenzwang hat weltweit in den letzten drei bis fünf Jahren abgenommen. Das stärkste Indiz dafür ist, dass selbst Banker oder Anwälte im eher konservativen England immer häufiger ohne Schlips zum Lunch gehen. Das war vor zehn Jahren noch undenkbar", sagt Gabriele Schlegel.

Die Autorin des Buchs "Business Behaviour" berät Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft und diplomatischem Dienst unter anderem im Bereich geschäftliche Umgangsformen. Wann eine Krawatte angebracht ist, welche Form, Farbe oder Knotenvariante angesagt ist, zählt seit einiger Zeit zu den häufigsten Fragen ihrer Klienten. Die neue Lockerheit im Umgang mit dem Binder macht die Krawattenfrage offenbar noch komplizierter als zu Zeiten, da der Schlips so selbstverständlich zum Anzug gehörte wie das Revers.

Als Faustregel im Beruf rät Gabriele Schlegel, sich die Zielgruppe, der man gegenübertritt, vor Augen zu führen: "Wir verbinden die Krawatte mit konservativen Berufsgruppen. Wenn man beispielsweise einen Anwalt zum ersten Mal aufsucht und dieser einen ohne Krawatte empfängt, könnte das irritierend sein. Umgekehrt verhält es sich bei Menschen aus dem kreativen Bereich. Da ist eine Krawatte eher fehl am Platz."

Sexy statt bieder

Doch gerade die Kreativen sind es, die der Krawatte immer wieder zu einem Imagewechsel verhelfen: Tom Ford etwa gab der Krawatte nicht nur etwas Seriöses, sondern auch Luxuriöses. Als zur Hochzeit der New Economy in den Neunzigerjahren fast jedes Unternehmen den sogenannten Casual Friday einführte, pflegte der erfolgreichste Designer des Jahrzehnts den Gentlemanlook mit Krawatte.

Dass diese nicht nur bieder, sondern auch cool und sexy wirken kann, haben nicht etwa klassische vom Deutschen Modeinstitut alljährlich gekürte "Krawattenmänner des Jahres" wie Klaus Kleber oder Günther Jauch in der Vergangenheit unter Beweis gestellt, sondern Showgrößen wie David Bowie oder Justin Timberlake.

Die Lässigkeit ist vorbei: Beim G7-Gipfel auf Schloss Elmau wurde wieder Krawatte getragen.

Die Lässigkeit ist vorbei: Beim G7-Gipfel auf Schloss Elmau (unten) wurde wieder Krawatte getragen.

Quelle: dpa

Am Ende wird die Krawatte gar nur durch die Kreativen noch überleben, die sich im Kleidungsstil gern von profanen Berufsgruppen absetzen. Doch wenn die Gipfeltreffen von Obama und Kollegen ein Gradmesser für den internationalen Dresscode in Politik und Wirtschaft sind, dann könnte es mit der Krawatte trotz Flaute im Big Business womöglich bald schon wieder aufwärtsgehen.

Beim Treffen der ohne Russland nunmehr G 7 im vergangenen Jahr auf Schloss Elmau posierten die Spitzenvertreter der westlichen Industrienationen für das offizielle Gruppenbild mit Krawatte. Zumindest auf der großen politischen Bühne ist die Zeit der Ungezwungenheit vorbei.

Von Kerstin Hergt

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