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Designer, wechsle dich

Personalkarussell in der Modebranche Designer, wechsle dich

In der Modebranche geht es zu wie beim Fußball: Ständig tauschen die Labels ihre Chefdesigner aus. Streit, Frust, Druck – ist das Personalkarussell noch zu stoppen?

Erst gefeiert, dann gefeuert: Die Modebranche hetzt von Trend zu Trend – und verschleißt ihre Designstars. Raf Simons hatte darauf keine Lust mehr – und schmiss bei Dior hin.

Quelle: Ian Langsdon / dpa

Ständige Trainerwechsel, gigantische Spielergagen, umstrittene Millionenverträge – was beim Fußball schon ewig zum Geschäft gehört, ist jetzt auch in der Fashionbranche gang und gäbe. Der Transfermarkt der Kreativszene floriert, immer häufiger tauschen populäre Modehäuser ihre wichtigsten Positionen aus: Kampagnengesichter, Runway-Stars und – Chefdesigner.

Ob freiwillig oder unfreiwillig, nur noch selten bleiben die großen Namen ihren "Fashion-Vereinen" für mehrere Saisons treu. Mit Lanvin, Gucci, Balenciaga, Cavalli und Dior wechselten 2015 ungewöhnlich viele modische Erstligisten ihr Führungspersonal. Ein paar Posten sind bis heute offen.

Den größten Aufschrei löste der Belgier Raf Simons aus. Dreieinhalb Jahre war er Chefdesigner der Dior-Damenkollektionen gewesen. Für seine Prêt-à-porter- und Haute-Couture-Schauen in Paris war er gefeiert worden, die Umsätze des Konzerns stiegen gewaltig – die Zusammenarbeit hätte besser kaum laufen können, eine Win-win-Situation.

Kreativer Burn-out?

Und dann das: Simons warf auf dem Höhepunkt seiner Karriere das Handtuch. Am 22. Oktober verkündete er, das Traditionshaus Christian Dior verlassen zu wollen. Nach Studium, Gründung eines eigenen Labels und sieben Jahren als Kreativdirektor bei Jil Sander war der Belgier bei Dior im Modeolymp angekommen. Nun aber wolle er mehr Zeit für sich und seine Marke, begründete er die Entscheidung. Und ließ Raum für Spekulationen.

Ein Designer in der Sinnkrise? Ein Modemacher, der dem körperlichen und kreativen Burn-out zuvorkommt? Oder bloß einer, der geht, wenn es am schönsten ist? Die Fashionwelt reagierte irritiert, bestürzt, aber nicht völlig überrumpelt. In Interviews hatte Simons immer wieder seine Frustration darüber durchklingen lassen, dass sich die Mode zusehends beschleunigt.

Als Kreativchef verantwortete er pro Jahr nicht nur zwei Haute-Couture- und Ready-to-wear-Kollektionen, auch ein paar glänzende Einfälle für die Cruise-Kollektionen (so nennt man die Extra-Sommer-Kollektionen für den Winter und die Winterflüchter) waren zwischendrin gefragt. Simons galt als Modernisierer, er frischte Diors Image auf, engagierte Stars wie Jennifer Lawrence und machte mit Rihanna erstmals eine Schwarze zur Markenbotschafterin. Wen würde es verwundern, hätte ihm der Erwartungsdruck am Ende vielleicht zu sehr zugesetzt.

John Galliano für Maison Martin Margiela

Vom exzentrischen Zöpfchenträger zum Mastermind im Laborkittel: John Galliano in seiner neuen Rolle bei Maison Martin Margiela.

Quelle: Twitter

Druck ließ auch Simons' Vorgänger verzweifeln. Jeder erinnert sich an John Galliano, den schrillen Paradiesvogel mit Rattenzöpfen, der von 1997 bis 2011 in des Firmengründers Christian Dior große Fußstapfen trat. Der Brite war ein Star, Liebling der Kritiker und Musen, umjubelt für seine schillernden, opulenten Kreationen – bis zu jenem Abend im Februar 2011, an dem er in einer Pariser Bar lautstark "Ich liebe Hitler" lallte – festgehalten auf Video. Eigentor! Dior schmiss den Chefdesigner hochkant raus.

Das Argument, er habe unter enormem beruflichem Druck gestanden und das mit Alkohol und Tabletten zu kompensieren versucht, half ihm vor Gericht nicht. Galliano hatte das Modehaus auf 18,7 Millionen Euro Schadensersatz verklagt, am Ende bekam er nicht nur keinen einzigen Cent, er verlor auch noch die Leitung seiner eigenen Marke.

Ob aus Frust, aus Überforderung, aufgrund von Zwistigkeiten oder eines deftigen Eklats – es gibt viele Gründe für die Abgänge berühmter Designer. Vor allem aber bewirkt die zunehmende Nervosität in der Modewelt den Dominoeffekt. "Die häufigen Wechsel sind ein Phänomen, das von Zeit zu Zeit zu beobachten ist und wie eine Welle durch die Branche geht", sagt Silvia Schöning von der International Association of Clothing Designers and Executives (IACDE). "Wenn die eine Marke anfängt, zieht die andere nach. Dann wird getauscht."

Vertrag bis ans Lebensende

Doch nicht in allen Modehäusern bricht Hektik aus, sobald sich das Personalkarussell irgendwo zu drehen beginnt. An manchen Marken zieht die Wechselwelle spurlos vorüber. Bei Chanel sitzt Modezar Karl Lagerfeld fest im Sattel, angeblich hat er einen Vertrag bis zum Lebensende. Auch Giorgio Armani hat offenbar vor, sein Label bis ultimo allein zu regieren. Er ist jetzt 81.

Laut Branchenexpertin Schöning gibt es aber nur wenige Modehäuser, die ohne Designerwechsel durchhalten. "Jede Modemarke ist einem gewissen Lebenszyklus unterworfen. Sie muss sich immer wieder neu erfinden, wenn der Zeitgeist und die Kunden weiter driften", sagt sie. In solchen Fällen sei es sinnvoll, mit einem neuen Kreativdirektor den Neustart zu wagen.

Das Problem ist jedoch, den Zeitgeist zu treffen, ohne den Charme der Marke zu verspielen. Versace etwa krankt noch immer am Tod seines Gründers Gianni. Schwester Donatella habe es nie gemeistert, den Glanz des Labels zu erhalten, weiß Schöning. Ein ähnliches Drama macht dem Modehaus Moschino zu schaffen.

Rauswurf nach 14 Jahren: Alber Elbaz musste bei Lanvin gehen.

Rauswurf nach 14 Jahren: Branchenliebling Alber Elbaz musste bei Lanvin gehen.

Quelle: dpa

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt: Neuer Trainer, neuer Spirit – das alte Fußball-Credo wurde zuletzt immer wieder umgesetzt. Balenciaga trennte sich im August nach nur drei Jahren und 15 Kollektionen vom amerikanischen Starkreativen Alexander Wang. Sein Nachfolger wird der Georgier Demna Gvasalia, Gründer des hippen Labels Vetements. Dessen Vorvorgänger bei Balenciaga wiederum, der Franzose Nicolas Ghesquière, ist seit 2014 Nachfolger des US-Designers Marc Jacobs bei Louis Vuitton.

Bei Hermès tauschte man den "großen" Christophe Lemaire gegen die unbekannte Nadège Vanhee-Cybulski. Roberto Cavalli machte seinen früheren Zögling, den Norweger Peter Dundas, zum Nachfolger. Bei Gucci folgte auf Frida Giannini der langmähnige Italiener Alessandro Michele. Lanvin setzte Ende Oktober den israelischen Branchenliebling Alber Elbaz vor die Tür. Nach 14 Jahren.

Die Entlassung von Elbaz kam so überraschend wie der Abgang von Simons bei Dior. Wer an beider Stellen rückt, ist offen. Einer wird es nicht sein: John Galliano ist seit 2014 als Kreativdirektor für Maison Martin Margiela zurück in den Modearenen. Die Zöpfe sind ab, das Genie ist noch da. Seit Kurzem ist der Geläuterte auch für die Herrenkollektion verantwortlich. Worauf man bei Margiela hofft? Auf etliche "Tore" in der Champions League der Modehäuser natürlich. Ohne Eigentor.

Von Redakteur Sophie Hilgenstock